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Vertreibung aus dem Paradies: „Drachenläufer“

Von Bert Rebhandl

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17. Januar 2008 Die afghanische Hauptstadt Kabul sucht noch nach ihrer Erzählung. Diplomaten und Soldaten, internationale Hilfskräfte und professionelle Berichterstatter prägen das Bild einer Stadt, die zwischen massiven Bergketten liegt und noch immer die Wunden mehrerer Kriege trägt. Inzwischen gibt es aber einen anderen Zeugen, dessen Bild von Kabul deshalb viel einflussreicher ist, weil es in der Form eines Romans verfasst ist und der Imagination größere Freiräume lässt: Der in Afghanistan geborene Khaled Hosseini hat in den Vereinigten Staaten das Buch „Drachenläufer“ geschrieben und damit einen jener Welterfolge geschafft, in denen ein fiktionaler Text in der populären Rezeption (und in Ermangelung von Alternativen) zu einem historiographischen Werk wird.

Wer die Geschichte von Kabul hinter die Machtübernahme durch die Taliban, hinter die Fraktionskämpfe der Mudschahedin, hinter die sowjetische Invasion von 1979 zurück in eine Zeit verfolgen will, in der es dort noch eine weltoffene, bürgerliche Kultur gab, der findet in Khaled Hosseini ihren Erzähler. Dass das Buch nun verfilmt wurde, war unausweichlich. Hosseinis Effekt, der politischen Geschichte die Form eines Melodrams zu geben, verstärkt sich in Marc Forsters Adaption „Drachenläufer“ noch einmal um die Potenzen des audiovisuellen Mediums Kino.

In den Phantasiewelten der Literatur

Auf dem Grund der Erzählung liegt das alte Muster der Vertreibung aus dem Paradies. Aus dem Exil in San Francisco blickt ein afghanischer Schriftsteller auf seine Kindheit zurück - und auf eine Freundschaft in Kabul im Jahr 1978. Amir ist der Sohn eines wohlhabenden, weltoffenen Mannes, der Alkohol trinkt und tolle Feste gibt, dabei melancholisch auf Distanz hält und das eitle Treiben der Welt auch dort durchschaut, wo es sich den Anstrich der Frömmigkeit gibt. Von seinem Sohn ist er gelegentlich ein wenig enttäuscht, denn Amir lebt in den Phantasiewelten der Literatur, im Alltag der Jungen ist er wenig durchsetzungskräftig; ohne seinen besten Freund Hassan könnte er auf den Straßen nicht bestehen.

Dieser Hassan wohnt unter demselben Dach wie Amir, aber er gehört in zweierlei Hinsicht einer anderen Welt an. Sozial ist er als Sohn des Hausdieners schlechter gestellt, die entscheidende Differenz ist aber eine ethnische: Als Angehöriger der Minderheit der Hasara zählt er in Kabul zu den Außenseitern. Umso inniger die Freundschaft zwischen Amir und Hassan, zwischen dem künftigen Literaten und dem, der sich die Schriftkultur mühsam aneignen muss. Gemeinsam lesen sie alte Heldengeschichten, hingekauert unter einen knorrigen Baum auf den steinigen Hügeln hinter der Stadt.

Gemeinsam sind sie stark

Das Drachenlaufen, das Buch und Film den Titel gab, ist ein Spiel, das in Kabul in der kalten Jahreszeit auf dem Programm stand. Hoch in den Lüften führen die Drachen ihre Kämpfe, gelenkt von kleinen Teams auf dem Boden. Wenn ein Drachen zum Absturz gebracht wird, entscheidet der Wettlauf zu dieser Trophäe das Spiel. Auch beim Drachenlaufen wäre Amir ohne Hassan nichts; gemeinsam aber sind sie stark und setzen sich in diesem mit vielen kleinen nachbarschaftlichen, symbolischen und territorialen Rivalitäten durchsetzten Kampfspiel durch.

Der entscheidende Drachenlauf des Films ist schon geprägt von den Konfliktlinien, die Afghanistan in den Jahren nach 1978 durchziehen werden: In den engen Straßen der Stadt wird Hassan Opfer einer religiös wie ethnisch bestimmten sexuellen Gewalttat. Unter den Halbwüchsigen tun sich die ersten Eiferer hervor, sie nehmen das Regime der Taliban vorweg. Amir wird Zeuge der Untat an Hassan (die der Film in diskreten Ellipsen zeigt). Anschließend wird er seines Schuldgefühls nicht anders Herr als durch einen eklatanten Verrat an seinem Freund, dem er einen Diebstahl unterschiebt. Hassan verlässt mit seinem Vater das Haus, Amir verlässt das Land und geht nach Amerika. Dort schreibt er ein Buch, bevor ihn schließlich die Vergangenheit einholt und er im zweiten Teil des Films noch einmal nach Afghanistan reist, um seine Schuld aus Kindertagen zu sühnen.

Großartige Identifikationsfigur

Der in Deutschland gebürtige, in Hollywood gerade zum Regisseur des nächsten James-Bond-Films bestellte Marc Forster ist eine gute Wahl für eine Romanadaption dieser Art. Vor allem bei der Besetzung hat er ein gutes Auge bewiesen: Ahmad Khan Mahmoodzad in der Rolle des jungen Hassan erweist sich als großartige Identifikationsfigur, als Sündenbock in einem Drama, das anfangs keiner der Beteiligten durchschaut. Genau darin liegt aber auch der Grund, warum der Film „Drachenläufer“ mehr noch als das Buch so problematisch ist. Die Geschichte bleibt auf den kindlichen Erfahrungshorizont beschränkt, der ganze zweite Teil bekommt dadurch eine seltsame Schieflage, als wäre das, was vor aller Augen zur Weltgeschichte geworden ist, nur die Entfaltung von Jugendgewalt. Die Herkunft und Motivation des Taliban-Regimes innerhalb der schwierigen politischen Gemengelage zwischen Afghanistan und Pakistan wird kaum deutlich und ist weitgehend jenen Klischees verhaftet, auf die sich die globalen Medien geeinigt haben.

Nur in einer Hinsicht geht „Drachenläufer“ über sie hinaus - dort nämlich, wie die sexuelle Politik der Taliban zumindest implizit zu einer Form der Kompensation erklärt wird, zu einem Akt verdrängter (oder verschobener) Homosexualität, zu einem in der Kindheit angelegten Psychodrama. In Erzählfilmen ist Individualisierung unausweichlich; umso mehr liegt die Verantwortung von Drehbuch und Regie darin, durch Details zu differenzieren, was die Logik der Identifikation an Vereinfachung erfordert. In „Drachenläufer“ wird Geopolitik zu einem Bubenstück. Kabul hat nun „seinen“ Weltbestseller und seinen Hollywoodfilm. Sein Epos aber ist noch nicht geschrieben.



Text: F.A.Z., 16.01.2008, Nr. 13 / Seite 36
Bildmaterial: Universal

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