Video-Filmkritiken

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Scarlett, verzweifelt gesucht: „Cassandras Traum“

Von Andreas Kilb

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04. Juni 2008 Nach Woody Allen kann man im Kino die Uhr stellen. Seit 1977, seit „Annie Hall“, dreht er jedes Jahr einen Film, mit derselben Regelmäßigkeit, mit der in Venedig die Vaporetti und in London die Doppeldeckerbusse fahren (beide sieht man in Allens Filmen). Es gibt Leute, denen das mächtig auf die Nerven geht, und andere, die danach süchtig sind: nach den immergleichen schlichten und doch so vielsagenden Vorspännen, nach den Geschichten, die mit altmodischer Sturheit darauf beharren, dass das Kino eine Kunst von Erwachsenen für Erwachsene ist, nach den schönen und berühmten Schauspielerinnen, die vor Allens Kamera schöne und verruchte Dinge tun, und nach Woody Allen selbst, der sie als väterlicher Freund und manchmal gar als Liebhaber begleitet.

Es gibt aber auch ein Land, dem alles, was Allen tut und treibt, zunehmend gleichgültig ist - sein Heimatland Amerika. Ungefähr zehn Jahre haben die Amerikaner Allens Filme geliebt, dann haben sie ihn zehn Jahre lang geschmäht, und jetzt ist er ihnen egal. Schon lange hat Woody Allen deshalb für sein Kino eine Heimat jenseits von New York gesucht. Vor vier Jahren hat er sie gefunden: in Europa.

Scarlett fehlt

„Cassandras Traum“ ist der dritte Film, den Woody Allen in London gedreht hat, nach „Match Point“ und „Scoop“, und der erste Londoner Allen-Film ohne Scarlett Johansson. Dass Johansson inzwischen so etwas wie Woody Allens Muse geworden ist - in seinem neuen Film „Vicky Cristina Barcelona“spielt sie wieder mit -, merkt man in „Cassandras Traum“ besonders schmerzlich: Weil sie fehlt. Sie fehlt der Geschichte, aber sie fehlt offensichtlich auch dem Regisseur, und so ist „Cassandras Traum“ einer der schlechtesten Woody-Allen-Filme seit langem geworden, ein Film, der so out of focus ist wie Harry Block in Allens „Deconstructing Harry“, nur dass es darüber diesmal nichts zu lachen gibt.

Es geht um zwei Brüder (Ewan McGregor und Colin Farrell), die gemeinsam ein Boot kaufen (die „Cassandra's Dream“) und ihre Freundinnen darauf spazieren fahren; aber dann verliert einer der beiden beim Pokern sehr viel Geld (man sieht es nicht), und der andere lernt ein sehr anspruchsvolles Mädchen kennen (Hayley Atwell, eine braunhaarige Scarlett Johansson ohne den Scarlett-Johansson-Touch), so dass ein reicher Onkel (Tom Wilkinson) ihnen aushelfen muss. Der Onkel verlangt aber eine Gegenleistung: Die Brüder sollen für ihn einen Mann umbringen. Sie zögern, quälen sich und diskutieren, dann fassen sie sich ein Herz, danach diskutieren und quälen sie sich weiter, und am Schluss fahren sie wieder zusammen Boot. Dann ist der Film aus.

Das alles stimmt hinten und vorne nicht, schon weil gar nicht einzusehen ist, warum der Ire Farrell und der Schotte McGregor ein Londoner Brüderpaar spielen sollen. Aber es soll offenbar auch nicht stimmen, denn der Film sieht von Anfang an so aus, als wäre er nur ein Anlass für Woody Allen und seinen Kameramann Vilmos Zsigmond gewesen, sich mit ein paar tollen alten Sportwagen, einer Handvoll guter Schauspieler und einer Menge belangloser Dialoge eine schöne Zeit in England zu machen. Was ohne Zweifel geklappt hat. Aber man muss ihnen dabei nicht zuschauen. Jedenfalls nicht eineinhalb Stunden lang.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Constantin Film

 

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