Von Michael Althen
27. Oktober 2005 Dies ist einer der Filme, aus denen man anders herauskommt, als man hineingegangen ist. Er versenkt den Zuschauer so gründlich in seine Welt, daß man glaubt, an einem anderen Sehen und anderen Hören teilgehabt zu haben. Man kommt verzaubert aus diesem Film und kann kaum erklären, warum, aber man hat den Eindruck, daß die Geister von Tropical Malady einem noch lange durch die Dunkelheit folgen.
Der Regisseur mit dem magisch unaussprechlichen Namen Apichatpong Weerasethakul stammt aus Bangkok, wuchs aber in Khon Kaen im Nordosten Thailands auf, wo seine Eltern als Ärzte arbeiten, und hat sein filmisches Handwerk am Art Institute of Chicago gelernt. Seine ersten Arbeiten entstanden also nicht fürs Kino, sondern für Videomonitore in Installationen. Sein Erzählen folgt auch deshalb anderen Mustern, in denen auf verwirrende Weise die Tradition mündlicher Überlieferung und der Schock avantgardistischer Dekonstruktion zusammenkommen.
Wo hört die Realität auf, wo beginnt der Traum?
Einerseits wird man in Tropical Malady mit einer alten Legende von einem Schamanen in Tigergestalt konfrontiert, andererseits damit, daß der Film nach der Hälfte einfach abbricht, neu beginnt und woanders weitermacht. Auch der Vorspann kommt an einer Stelle, als der Film längst begonnen hat, und all dies führt dazu, daß der Film weder Anfang noch Ende hat und sich kaum noch sagen läßt, wo die Realität aufhört und der Traum beginnt. Die Mutwilligkeit der Geste erweist sich jedoch als erstaunlich kraftvolles erzählerisches Instrument, das den Zuschauer in gleichem Maße konsterniert wie verzaubert.
Schon Weerasethakuls Vorgängerfilm Blissfully Yours war in zwei Teile zerfallen, deren zweiter keine Auflösung irgendwelcher Handlungsfäden anstrebte, sondern am Ende mit allergrößter Selbstverständlichkeit im Licht eines Nachmittags im Dschungel buchstäblich zu entschlafen schien. Wie jeder kühne künstlerische Wurf war auch Tropical Malady (im Original: Sud Pralat) bei seiner Uraufführung 2004 in Cannes umstritten. Er gewann trotzdem den Preis der Jury unter Tarantino, der sein großes Herz fürs Kino unter Beweis stellte, indem er ihn wortreich verteidigte.
Die Kamera folgt ihrer eigenen Melodie
Tropical Malady beginnt im hohen Gras, wo sich ein paar Soldaten versammelt haben, um ein Erinnerungsfoto zu machen, und erst nach einiger Zeit bekommt man mit, daß sie eine Leiche gefunden haben. Es herrscht darüber keine besondere Aufregung, sondern allenfalls eine gewisse fröhliche Aufgekratztheit, und auch die Kamera unternimmt keine besonderen Anstrengungen, um den verhüllten Leichnam ins Bild zu bekommen. Dann zieht die Truppe mit dem Leichnam weiter, und während die Soldaten übers Funkgerät mit der Dame in der Zentrale schäkern und sie bitten, ihnen ein Lied zu singen, bleibt die Kamera im Gras zurück und folgt ihrer eigenen Melodie, als sei der Geist des Toten zurückgeblieben und begebe sich nun auf die Suche nach einer neuen Heimat im Dschungel.
Die Soldaten kommen in ein Dorf, wo die Leiche aufgebahrt und im weiteren Verlauf von der Erzählung vergessen wird, die sich fortan mehr für die Beziehung zwischen dem Soldaten Keng und dem Dorfbewohner Tong zu interessieren scheint. Die beiden sitzen auf einer hölzernen Veranda, reden über Musik von The Clash, fahren in die Stadt, wo sie sich treiben lassen, einander zärtlich zugetan, ohne daß ihre Beziehung je darüber hinausginge. Bald ist man so vollständig eingetaucht ins geschäftige Stadtleben - eine Eisfabrik, ein Schuhladen, eine Karaoke-Bar -, daß man sich fast in einem Dokumentarfilm wähnt, der zwei Leuten ohne dramaturgischen Zwang durch Tag und Nacht folgt.
Geister, so präsent, daß einem der Atem stockt
Doch dann gibt es eine Abschiedsszene, die sich eher rückblickend erklärt, weil Keng wieder auf dem Lande ist und sehnsüchtig ein gemeinsames Foto mit Tong anblickt - und dann Dunkelheit. Und als man glaubt, der Film sei möglicherweise vorbei: die Zeichnung eines Tigers und eine neue Titeleinblendung Der Pfad eines Geistes. Und es folgen Dschungel, Dunkelheit, Schemen, Geräusche und ein Abtauchen in eine Welt, welche in jeder Hinsicht die Nachtseite der ersten Hälfte darstellt: Vegetation statt Zivilisation, Legende statt Gegenwart.
Man muß das wirklich erlebt haben, wie man sich in diesem Gewirr aus Pflanzen und Blättern und Schlamm und Tierrufen und Insektengeräuschen verliert. Wie man hinübergleitet in jene Welt, in der die Geister eine solche Präsenz entwickeln, daß einem der Atem stockt, als plötzlich die Silhouette eines Tigers auf einem Baum sichtbar wird und man in giftgrüne Augen starrt, die einem das Blut gefrieren lassen. Und dann gibt es noch eine Einstellung, in der die Glühwürmchen in der Nacht einen Baum zum Leuchten bringen, für die allein all das Warten ohnehin lohnt. Das muß man gesehen haben. Und zwar im Kino.
Text: F.A.Z., 26.10.2005, Nr. 249 / Seite 39
Bildmaterial: Salzgeber&Co. GmbH Medien
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