Von Verena Lueken
01. März 2006 In der Nachkriegszeit und bis in die frühen achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein, zu jener Zeit also, in der Bücher und die, die sie schrieben, so oder so die Öffentlichkeit noch beschäftigten, war Truman Capote ein Star.
Exzentrisch, eitel, hoch begabt, selbstverliebt, strahlend schwul und unterhaltsam - Truman Streckfus Persons, wie er ursprünglich hieß, wurde ohne große Anstrengung gesellschaftsfähig. Er wollte immer berühmt und er wollte immer ein bedeutender Autor sein. Beides gelang ihm über weite Strecken seines nicht sehr langen Lebens, wobei seine literarische Bedeutung heute vielleicht größer wäre, wenn er dem Ruhm ein bißchen weniger verfallen gewesen wäre. Vergessen wurde Capote, der von sich selbst sagte, daß es nie jemanden gab wie ihn und auch nie wieder einen Mann wie ihn geben werde, zu keiner Zeit. Und das nicht nur, weil er über Leichen ging.
Beginn als Bürobote
Als Sohn eines Kleinkriminellen und einer wunderschönen Trinkerin 1924 in New Orleans geboren und bei Tanten und Kusinen in Alabama aufgewachsen, war er als Jugendlicher durch die zweite Ehe der Mutter in bessere Verhältnisse und nach New York gekommen. Und zu dem Namen, unter dem er dann gefeiert werden sollte. Niemand, außer ihm selbst wahrscheinlich, hatte damit gerechnet, daß es so schnell gehen würde. Capote hatte schon als Jugendlicher begonnen zu schreiben und gehofft, daß seine Anstellung als Bürobote beim New Yorker ihn der Veröffentlichung seiner Geschichten näher bringen werde.
Er irrte, doch Mademoiselle und Harper's Bazaar, die beiden anderen Zeitschriften, die damals Kurzgeschichten auf hohem literarischem Niveau druckten, nahmen seine Geschichten an, und gleich mit der ersten gewann er den angesehenen O. Henry Award. Das war 1946 und brachte ihm einen Buchvertrag mit Random House ein, zwei Jahre später erschien dort sein erster Roman, Other Voices, Other Rooms. Damit war Capote ein gemachter Mann, und er nutzte den frühen Ruhm, um ein Popstar vor der Zeit zu werden, der es liebte, fotografiert zu werden, sei es zu Hause, in den Ferien oder mit Damen der Gesellschaft, die den kleinwüchsigen Autor stets überragten.
Die wichtigste Figur
Von alldem erzählt Capote, das Spielfilmdebüt von Bennett Miller, nicht. Dies ist kein Film über den Aufstieg zu Reichtum und Ruhm. Wenn er beginnt, ist die Phase des Berühmtwerdens bereits vorbei, Frühstück bei Tiffany's ist erschienen, der New Yorker zählt Capote zu seinen regelmäßigen Mitarbeitern. Und Mister Shawn, der legendäre Chefredakteur des Magazins, läßt ihn nach Kansas ziehen, zur Recherche der Geschichte von der Ermordung einer vierköpfigen Familie, die bis heute am engsten mit Capotes Namen verbunden ist, In Cold Blood (Kaltblütig). Von der Arbeit an dieser Geschichte erzählt der Film, und er ergänzt damit Capotes Buch um seine vielleicht wichtigste Figur: um Truman Capote selbst.
Mit seiner Jugendfreundin Nelle Harper Lee (Catherine Keener), die bald mit dem Roman Wer die Nachtigall stört ihren eigenen Erfolg feiern wird, fährt Capote los. Er könnte mit seinem eleganten Schal von Bergdorff und seinen zierlichen Schuhen, den manieriert abgespreizten Händen und seiner quäkenden Babystimme ebensogut mit einem Ufo angekommen sein, als er in Holcomb in Kansas aus dem Auto steigt. Fremder als er kann sich dort niemand fühlen, und doch wird der Erfolg seines Unternehmens in hohem Maße davon abhängen, daß er das Vertrauen der Bewohner und der schnell gefaßten Mörder gewinnt. Wie das gelingt, wie Capote schmeichelt, überzeugt, verführt, das ist der eine Teil der Filmerzählung. Der andere ist, wie Capote daran zugrunde geht, daß er sie alle verrät.
Eine literarische Goldader
Schon nach kurzer Zeit in Kansas weiß Capote, daß er literarisch auf eine Goldader gestoßen ist. Nicht mehr einen Zeitschriftenbeitrag, sondern ein Buch will er schreiben, wie es noch nie zuvor geschrieben wurde: Einen journalistischen Roman, irgend etwas Großes, das die Glaubwürdigkeit von Tatsachen hat, die Unmittelbarkeit des Films, die Tiefe und Freiheit literarischer Prosa und die Genauigkeit der Poesie. So kam es. Capote erfand ein neues Genre, den Tatsachenroman, und Generationen von Journalisten haben ihn seither dafür gepriesen.
Bennett Miller und sein Drehbuchautor Dan Futterman erzählen die Geschichte der Entstehung von Kaltblütig in ruhiger, fast dokumentarisch wirkender Manier, unaufgeregt und sehr präzise, und es gelingt ihnen, in dieser Geschichte schon den Ton des Buchs, das ja gerade erst entsteht, aufzunehmen. So beginnt der Film mit einer Folge von Aufnahmen der weiten Weizenfelder in Kansas, durch die eine Straße führt, auf der niemand unterwegs ist, gerade so wie das Buch, das mit dem Satz anhebt: Der Ort Holcomb liegt zwischen den hohen Weizenfeldern im Westen von Kansas, in einer verlassenen Gegend, die andere Bewohner von Kansas ,da draußen' nennen.
Moralische Tragödie
Es wird viel geschwiegen in Capote, und was tatsächlich geschieht, wie sich das Schreiben des Buchs zu einer moralischen Tragödie entwickelt, sehen wir häufig nur in einem Gesicht, einer Körperhaltung, einer Armbewegung oder auch einer stillen Pose: in Philip Seymour Hoffman, der Truman Capote spielt. Und er spielt ihn mit Haut und Haaren, als habe er für die Zeit der Dreharbeiten Capotes Seele eingefangen und noch einmal durch die Qualen beim Schreiben dieses Buchs geschickt.
Er litt, weil er lange nicht bekam, was er wollte - die Schilderung der Mordnacht. Er hatte vor allem zu einem der Mörder, Perry Smith (Clifton Collins Jr.), eine fast freundschaftliche Verbindung aufgebaut, die auch darauf beruhte, daß Capote sich in Perry ein wenig wiedererkannte: Es ist, sagte er, als seien wir im selben Haus aufgewachsen. Perry hat es nur durch die Hintertür verlassen und ich nach vorn. Als er schließlich auch den Bericht über die Tat in der Tasche hatte, litt er, weil er nun dasaß und wartete. Wartete, daß Perry und sein Mittäter Dick (Mark Pellegrino) endlich erhängt würden.
Sechs Jahre Warten
Capote wußte, daß Kaltblütig sein größter literarischer Wurf werden würde. Sein Erfolg hing entscheidend davon ab, daß die Mörder hingerichtet würden. Das Buch beginnt mit den Morden, und es muß mit dem Tod der Mörder enden. Doch deren Tod verzögerte sich, jahrelang, durch Eingaben, Aufschübe, Anwaltsinterventionen, Gouverneursentscheidungen. Und Capote wartete und trank und wartete, sechs Jahre lang. Selbst für ihn - den Menschen, die ihn kannten und auch mochten, für nicht sehr nett hielten - war dies eine außerordentlich ungemütliche Position: zu wissen, daß ihm Weltruhm winkte, aber erst nach dem Tod zweier Menschen. Am 22. Juni 1965 ist es endlich soweit. Capote ist dabei, wenn die beiden Mörder sterben, von denen einer ihn Amigo nennt. Und wir sehen in den Zügen von Philip Seymour Hoffman, schon während er auf die Gehängten blickt, wie sich die Wörter formen, mit denen er diesen Augenblick beschreiben wird.
In Cold Blood erschien 1965 in vier Fortsetzungen im New Yorker und war ein triumphaler Erfolg wie später das Buch. Capote lebte noch fast zwanzig Jahre, zwanzig Jahre, in denen er mit Hilfe von Alkohol und Drogen immer tiefer sank. Capote braucht uns das nicht mehr zu zeigen, denn wir haben eine fast faustische Tragödie gesehen, die nur diese eine Richtung kennt.
Text: F.A.Z., 01.03.2006, Nr. 51 / Seite 35
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