Video-Filmkritiken

Kino

Die Wiederkehr eines Meisters: „The Village“

Von Andreas Platthaus

Video in voller Größe

Film-Kritik: Bryce Dallas Howard in "The Village"

08. September 2004 Der letzte Satz in diesem Film lautet: "Komm zurück, Lucius." Das ist so ziemlich das einzige, was man gefahrlos aus "The Village" zitieren kann, ohne das Kinoerlebnis zu beeinträchtigen. Denn M. Night Shyamalan ist es gelungen, einen Film von solcher Spannung zu drehen, daß schon Andeutungen über Handlung und Personen geeignet sind, einen Zauber zu zerstören, den man im Kino kaum noch erleben kann: das Gefühl vollständigen Ausgeliefertseins an das Leinwandgeschehen.

Vor fünf Jahren ist das dem damals neunundzwanzigjährigen amerikanischen Regisseur schon einmal gelungen: mit "The Sixth Sense", der sich gleichsam am Ende noch einmal erzählte, weil die Auflösung einen völlig neuen Blick auf den Film verlangte.

Das Verblüffende war, daß diese Wirkung beim Publikum selbst dann noch erzielt wurde, als "The Sixth Sense" längst seinen weltweiten Siegeszug angetreten hatte, der ihn mittlerweile zu einem der zehn finanziell erfolgreichsten Filme aller Zeiten gemacht hat. Doch als hätten sich die Kinobesucher verschworen, hielten sie die eigentliche Pointe des Geschehens zurück, und so kamen noch die Nachzügler in den Genuß jenes Gefühls von Übersinnlichkeit, das nicht nur die Handlung vermittelte, sondern auch das Geschick des Regisseurs.

Ein persönlicher Filmkosmos

Seitdem hat Shyamalan drei weitere Filme gedreht: "Unbreakable", der "The Sixth Sense" variierte und dadurch weniger überraschte, aber film- und erzähltechnisch kaum seinesgleichen im ausufernden Genre der Psychothriller hat; dann "Signs", eine traurige Studie darüber, wie ein Regisseur (der im Falle Shyamalans immer auch sein eigener Drehbuchschreiber und Produzent ist) über manieristische Effekte alle Plausibilität und Charakterzeichnung aus den Augen verlieren kann; und nun kommt also "The Village", der wiederum ästhetisch fast wie eine Kopie von "Signs" wirkt (was eine dramaturgische Funktion erfüllt; Shyamalan arbeitet wie Hitchcock an einem höchst persönlichen Filmkosmos, der übrigens auch den regelmäßigen Gastauftrittt des Regisseurs als festes Element enthält). Aber "The Village" holt alles nach, was der Vorgänger versäumte. Shyamalan hat damit wieder einen Spitzenplatz unter den Meistern seiner Zunft sicher.

Das Übersinnliche als Shyamalans Thema seit "The Sixth Sense" wird hier in einer neuen Konstellation betrachtet, die das Prinzip des Erfolgsfilms von 1999 umdreht, ohne irgend etwas an Spannung einzubüßen. Selten dürfte es einen Thriller gegeben haben, der sich schon nach zwei Dritteln der Bedrohung begibt und danach eher noch mehr den Atem raubt. Zumal die Auflösung dieses Rätsels die Klärung eines anderen verdunkelt, und erst dieses zweite erzeugt den typischen Shyamalan-Effekt, daß man den Film von einem bestimmten Punkt an vollkommen neu sieht.

Die Auflösung als Sensation

Genau das fehlte in "Signs", weil Shyamalan sich darauf verließ, daß die Existenz wirklicher Außerirdischer als Überraschung ausreichen würde; doch an solche Konstrukte haben uns die Effektfilme des letzten Vierteljahrhunderts zur Genüge gewöhnt. Irritierend neu ist dagegen die geradezu konventionell erscheinende Auflösung von "The Village", die zahllose Vorbilder hat. In jedem Gespräch müßte sie banal erscheinen, doch im Kino entfaltet sie sich als Sensation.

Das hat seinen Grund in der Virtuosität, mit welcher der Film inszeniert ist. Das beginnt mit Roger Deakins' Kamera, die selbst dann noch eine gespenstische Kälte in die Bilder trägt, wenn sie prachtvoll goldenes Herbstlaub fotografiert. James Newton Howard, fester Komponist der Shyamalan-Filme, ist für deren Konzeption längst ebenso unentbehrlich, wie es einmal Michael Nyman für Peter Greenaway gewesen ist. Und Christopher Tellefsen hat eine Schnittästhetik für "The Village" gefunden, die Zitate aus dem Horrorfilm ebenso zuläßt wie Reminiszenzen an die großen Landnahmefilme des amerikanischen Kinos - was um so beeindruckender wirkt, als "The Village" vom genauen Gegenteil erzählt.

Rätselhafte Bedrohung

Soviel also sei immerhin verraten: Die Bewohner eines kleinen Dorfes - gespielt von einem fabelhaften Ensemble mit Joaquin Phoenix, Adrien Brody, William Hurt, Sigourney Weaver und der herausragenden Debütantin Bryce Dallas Howard - im einsamen Waldgebiet von Covington Woods werden durch eine rätselhafte Bedrohung auf ein winziges Terrain beschränkt, gerade genug zum Überleben. Dadurch ist auch ihr Kontakt zur Welt abgeschnitten, und es fehlt an lebenswichtigen Dingen wie Medikamenten.

Zugleich hat sich in der von einem achtköpfigen Ältestenrat geführten Gemeinde ein Autarkiestreben herausgebildet, das auf typische Elemente amerikanischer Kleinstädte verzichten kann: auf die Kirche etwa, auf Ordnungshüter, auf den Drang zum Aufbruch. Angesichts der namenlosen Gegner in Covington Woods, die Shyamalans Dorfbewohner etwas einfallslos in Harry-Potter-Manier als "die, von denen wir nicht sprechen", bezeichnen, kommen interne Konflikte erst gar nicht zum Ausbruch. Das Dasein im Dorf beschränkt sich aufs Wesentliche: Leben, Tod, Liebe (der Film enthält gleich zwei der schönsten Liebeserklärungen, eine komisch, eine herzzerreißend).

Der Film bewahrt seinen Zauber

Stillstand ist der Tod des Kinos, und so erlebt auch das Dorf einen Aufbruch, doch er wird andere Folgen haben, als man erwartet. Und am Ende wird man sich all die Szenen ins Gedächtnis zurückrufen, die einem Hinweise hätten geben können, und doch wird der Film seinen Zauber bewahren, solange es Zuschauer gibt, die ihn im Status jener Unschuld betreten, die auch die Dorfgemeinschaft auszeichnet.

Shyamalan - und das ist das Höchste, was man über einen Regisseur sagen kann - vertraut ganz der Kraft des Kinos, er hat einen Film gedreht, als gäbe es keine anderen Medien, die ihn zerreden und entzaubern könnten. Ein Satz in "The Village" lautet: "Die Welt kniet in Ehrfurcht vor der Liebe." Ich verneige mich in Bewunderung vor M. Night Shyamalan.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.09.2004, Nr. 209 / Seite 31

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche