Von Michael Althen
29. Dezember 2005 Dies ist ein Woody-Allen-Film ohne Woody Allen, in dem man ihn keine Sekunde vermißt. Das war nicht immer so. Insgeheim hat man ihn sich selbst dann herbeigewünscht, wenn die Filme eigentlich ganz gut ohne ihn auskamen. Aber Match Point ist eben ein Film, der so anders ist als alles, was Woody Allen bisher gemacht hat, daß man kaum auf die Idee käme, er sei von ihm, wenn man es nicht besser wüßte. Natürlich ist schon diese Aussage an sich eine Herausforderung, das Gegenteil zu beweisen und Entwicklungslinien nachzuzeichnen, die gar nicht anders können, als in diesen Film zu münden - aber es ändert nichts am Befund. Ob Woody hier nun völlig außer sich oder ganz bei sich ist, Match Point ist ein Aufbruch zu neuen Ufern, ein Woody-Allen-Film, wie man noch keinen gesehen und wie man ihn auch eigentlich kaum mehr erwartet hat.
Als unlängst Woody Allens Siebzigster gefeiert wurde, konnte man sich wieder vor Augen halten, wie nah er mindestens einer ganzen Generation lange gewesen war - und wie weit er sich nach und nach entfernt hatte. Oder wir von ihm. Kein Film glich dem anderen, und doch schienen sie alle in dieselbe Kerbe zu schlagen. Was den Humor angeht, war das weniger schlimm, weil man ja stets noch lachen konnte, aber der Tonfall hatte sich etwas ausgeleiert. Es drängte sich der Eindruck auf, es gehe in den Filmen um nicht mehr allzu viel. Jeder wußte, daß Woody Allen im wirklichen Leben ganz andere Sorgen hatte, aber in den Filmen schien sich von dieser Not wenig abzubilden. Es war jedesmal dieselbe Leier - als habe sich der Regisseur in einen Tonfall geflüchtet, in dem das Leben nichts mehr bereithält, was sich nicht auf mehr oder minder gehobenem Niveau wegkichern ließe.
Der Ball läßt sich Zeit, ehe er fällt
In Match Point hingegen gibt es kaum etwas zu kichern, weil Allen mit einem Ernst ans Werk geht, der dem Humor kaum Platz läßt. Es beginnt mit dem Bild des Tennisballs, der auf der Netzkante hüpft, und der Überlegung, wieviel im Leben davon abhängt, auf welcher Seite er sich niedersenkt. In seinen bisherigen Filmen wäre der Ball natürlich immer ins eigene Feld zurückgefallen, um dem Unglücksraben Futter für seine pessimistischen Weltbetrachtungen zu geben - diesmal ist es jedoch weniger einfach. Der Ball läßt sich einen Film lang Zeit, ehe er fällt - und am Ende kann niemand mehr sagen, welche Seite eigentlich die bessere wäre.
Dies ist die Geschichte eines Emporkömmlings, der aus den falschen Gründen die falsche Frau heiratet, aber sich für die richtige nicht entscheiden mag. Aber andererseits ist es für ihn auch nicht so leicht, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden, weil die Gefühle nicht immer das machen, was sein Kalkül ihm rät. Chris (Jonathan Rhys Meyers) ist einer jener Tennisspieler, bei denen es für eine Karriere als Profi nicht gereicht hat, die aber als Tennislehrer auch irgendwie unter ihren Möglichkeiten bleiben. So lernt er den reichen Tom (Matthew Goode) kennen, der einen Narren an ihm gefressen zu haben scheint und ihn erst in die Oper und dann auf den Landsitz der Familie einlädt, wo bald klar wird, daß sich auch die Schwester Chloe (Emily Mortimer) den Vorzügen des jungen Mannes nicht verschließen mag.
Aufschlag, Return, Volley am Netz, Treffer
Es taucht beim Sonntag auf dem Lande aber auch Toms amerikanische Freundin Nola (Scarlett Johansson) auf, die offenbar schon länger vergeblich davon träumt, als Schauspielerin Karriere zu machen, und nicht zuletzt deswegen der Familie in Dorn im Auge ist. Aber ein Blick genügt, um zu wissen, daß zwischen ihr und dem Tennislehrer ein Feuer brennt, daß Toms Schwester im ganzen Leben nicht wird entfachen können. Das hindert Chris jedoch nicht daran, mit Chloe trotzdem ins Bett zu steigen, denn schließlich verkörpert sie die Möglichkeit, ins ganz große Geld einzuheiraten. Aber der Blick, den ihm Nola zugeworfen hat und die unzweideutige Art, mit der er ihn erwidert hat, lassen keinen Zweifel daran, daß weder die Hochzeit noch das Geld noch die geheuchelte Liebe das Feuer zwischen den beiden auf Dauer werden löschen können.
Scarlett Johansson und Jonathan Rhys Meyers, die mit ihren sinnlichen Lippen und hellen Augen aus demselben Holz geschnitzt zu sein scheinen, erkennen einander sofort, während ihre Freunde aus der Upper Class den Hunger in den Blicken der beiden Aufsteiger offenbar nicht wahrnehmen wollen oder können. Wobei sich der Standesdünkel vor allem darin bemerkbar macht, daß der Mutter die Verbindung des Sohnes mit der amerikanischen Schauspielerin ein Dorn im Auge ist, während der Vater dem Tennislehrer kurzerhand eine Karriere in der eigenen Firma einfädelt, um sich einen standesgemäßen Schwiegersohn heranzuziehen und die Tochter endlich unter die Haube zu bringen.Bei der englischen Kritik stieß Woody Allen deshalb auch auf erheblich weniger Gegenliebe als im Rest der Welt. Das Bild der Klassengesellschaft sei ein Klischee und London nur mit touristischem Auge gefilmt. Tatsächlich macht das aber den Reiz der Sache aus, wie Allen in seinem ersten englischen Film versucht, wie ein Romancier des neunzehnten Jahrhunderts auf die Gesellschaft der Alten Welt zu blicken und dabei das Tempo der Neuen Welt beizubehalten. Obwohl nicht viel mehr passiert, als die unglückliche Geschichte eines Seitensprungs, hat man den Eindruck, als sei an dem Film kein Gramm Fett zu viel, als verharre er bei jeder Situation nur gerade lange genug, um seinen Punkt zu machen: Aufschlag, Return, Volley am Netz, Treffer.
Ein Allen-Film, von Neurosen befreit
Der von seinen Neurosen befreite Allen zeigt in Match Point zum ersten Mal, wie gut er sich aufs Handwerk des Regieführens versteht, wenn sich mal nicht alles um ihn dreht. Früher hätte er womöglich versucht, diesen Stoff wie Bergman zu inszenieren oder mit einem Schuß Fellini zu versehen; heute dreht er das ohne Blick auf irgendwelche Vorbilder mit einem fast unbarmherzigen Sinn fürs Wesentliche. Zwar liest der Held Schuld und Sühne und manche Vorkommnisse werden durch Opernauftritte oder -arien gespiegelt, aber das bringt die Geschichte nicht gleich zum Erliegen.
Man wäre versucht zu sagen, es kommt, wie es kommen muß, wenn es nicht gerade darum ginge, dem Schicksal die Macht des Zufalls entgegenzuhalten. Chris macht Karriere und heiratet Chloe, während Tom zur Freude seiner Mutter die Amerikanerin Nola dann doch fallen läßt. Aber als Chris Nola zufällig im Museum wiederbegegnet, beginnt er doch noch eine Affäre mit ihr. Und während Chloes Kinderwunsch unerfüllt bleibt, wird Nola schwanger - und Chris hat ein Problem, dem er sich nicht stellen mag. Wo früher Feuer war, sieht er nur noch Asche, in der sein Lebenstraum verglüht.
Allen hat kein Interesse am Melodram, sondern inszeniert Match Point als Film Noir, in dem sich die Helden auch stets in ihren eigenen hochfliegenden Plänen verheddern. Und plötzlich wird klar, daß das weiße Kleid, in dem Scarlett Johansson wie eine Lichtgestalt im düsteren englischen Landsitz auftauchte, an das von Lana Turner erinnert, die The Postman Always Rings Twice John Garfield den Kopf verdrehte. Und plötzlich tut sich in Woody Allens Werk eine Schwärze auf, die sich bislang gerne als humorvoller Pessimismus tarnte, aber in Wahrheit eine ganz finstere Weltsicht darstellt, in der man vielleicht der Sühne entkommt, aber nicht der Schuld.
Text: F.A.Z., 21.12.2005, Nr. 297 / Seite 31
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Prokino
