Video-Filmkritiken

Kino

Tipp-Kick-Mutant aus der Tiefe des Raumes

Von Thomas Klemm

Video in voller Größe

16. Dezember 2004 Aus der Tiefe der Krankenstation schleicht der todkranke Hans Günter Korte zur Nachtschwester, um einen Videorekorder zu erbitten. Aus Mitleid mit dem Patienten stibitzt sie ein Gerät vom Arzt, stellt es in das Zimmer des alten Mannes, setzt sich an sein Bett und lauscht zunehmend gebannt seiner Lebensgeschichte.

Dabei erfährt sie sein lange gehütetes Geheimnis, nämlich jenes märchenhafte Mirakel, um das sich fortan alles dreht und wendet in Gil Mehmerts erstem langem Kinofilm, der 88 Minuten dauert und damit einen Tick kürzer ist als ein gewöhnliches Fußballspiel: Einer der besten Mittelfeldspieler, die Deutschland jemals besaß, war früher eine Tischfußballfigur aus dem Sortiment Hans Günter Kortes. Die Geburt des Günter aus dem Geiste des Tipp-Kick, das ist die Grundidee des skurrilen Streifens, der an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft.

Schaumgeboren

Ähnlichkeiten des kleinen Männchens, das zu einem großen Star heranreift, mit einer lebenden Person sind nicht rein zufällig, sondern gewollt. Der Film heißt schließlich "Aus der Tiefe des Raumes", und natürlich ist Günter Netzer der Mann, um den sich der Stoff rankt, den sich Regisseur Mehmert und Günter-Darsteller Eckhard Preuß - beide in ihrer Jugend Anhänger von Borussia Mönchengladbach - ausgedacht haben. Als glühende Verehrer des legendären Fußballstars arbeiten sich beide ab an jenem Mythos, den sie filmisch selbst erschaffen haben.

Schaumgeboren wie Venus, so will es Mehmerts Film, ist jener Star der siebziger Jahre, der in seiner aktiven Zeit der lebendige Gegenentwurf zum angepaßten Fußballprofi war. Der junge Hans Günter, leidenschaftlicher Tischfußballspieler, in dessen Spind in der Autowerkstatt nicht Pin-up-Girls kleben, sondern Fotos von Tipp-Kick-Männchen, hegt und pflegt seine beste Spielware. Nur einmal vergißt er das Figürchen, weil ihn die Figur der Fotografin Marion mehr reizt. Die Nummer zehn fällt in die Wanne mit Fotochemikalien, es schäumt und brodelt, und dem Bade entsteigt am nächsten Morgen ein ungelenker Mann. Ein Star ist geboren, er trägt ein weißes Trikot mit der Nummer zehn und wird von seinem künftigen Mitspieler Hans-Hubert (dessen Rufname Berti lautet) alsbald Günter genannt.

Aufgeschäumt

Wie das kleine Männchen, das zu seinem Besitzer als erstes "Vati" sagt, zum erfolgreichen Auswahlspieler wird, dafür mußte sich das Autorenduo einiges einfallen lassen: Wie wird der ausgewachsene Tipp-Kicker seinen Druckknopf auf dem Kopf los? Wie schafft er es, mehr zu bewegen als sein Schußbein? Woher bekommt Günter eine blonde Mähne, haben doch alle Tischfußballfiguren gewöhnlich schwarze Haare? Wie lernt Günter sprechen, wie lernt er laufen, wie wird er überhaupt zum Menschen? Ein Einfall nach dem anderen gibt der Regisseur brav zum besten, so daß die Entwicklung des Standfußballers zum Mann für Standardsituationen mal flott und witzig, mal zäh und gequält verläuft. Die Ideen handeln von Zufällen und Mißverständnissen; beispielsweise wenn der tanzende Günter in der Diskothek, die der echte Netzer einmal gekauft hat, von seinem Meniskus erzählt, aber seine Partnerin auf dem Parkett nur "Kuß" versteht und die Lippen spitzt. "Das gefällt mir", sagt das einst leblose Männchen, das zum Lebemann wachgeküßt wurde.

Ob der einzig wahre Günter Netzer die Komödie lustig findet? Der Genußmensch und Geschäftsmann kann den Film als Hommage verstehen an seine Karriere, in der er als Fußballprofi aus der Tiefe des Raumes kam und als Chefkritiker der Nationalmannschaft in die Tiefe der Analyse geht. In diesem Sommer ist Netzer sechzig Jahre alt geworden und hat eine Autobiographie veröffentlicht. Das Buch zum Leben heißt wie der Film zum Mythos - und endet mit dem Satz: "Ich bin ein Glückspilz." Ein Glücksfall für den deutschen Film ist "Aus der Tiefe des Raumes" trotz origineller Idee nicht gerade. Der alte Mann ist am Ende friedlich entschlafen, und womöglich sind auch Zuschauer in der Tiefe der Kinosessel zusammengesunken.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.12.2004, Nr. 294 / Seite 32
Bildmaterial: Timebandits Films

 
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