Von Andreas Kilb
21. Dezember 2005 Das Kinojahr geht mit Rückschlägen zu Ende. Das neue Medium DVD ist weiter im Aufwind, Plasmabildschirme gehen weg wie warme Semmeln, und die Filmtheater haben das Nachsehen. In Deutschland hat die Branche zwanzig Prozent weniger eingenommen als im Vorjahr, in Amerika liegt der Umsatzrückgang bei fünf Prozent. Selbst Filme wie King Kong oder Die Chroniken von Narnia bringen trotz gewaltiger Werbekampagnen nicht den Profit, den man von ihnen erhofft. In dieser Lage tut das Kino, was es schon oft in vergleichbaren Situationen getan hat: Es wirft intellektuellen Ballast ab.
In der Krise der fünfziger Jahre wurden die Filme größer und bunter, die Leinwände breiter; zwanzig Jahre später, als es mit New Hollywood bergab ging, entstand der Blockbuster als Mischkalkulation aus dünner Story und dicken Spezialeffekten. Diesmal soll der digitale Zauberstab das Kino retten: Noch nie wurden so viele Fantasy- und Animationsfilme produziert wie heute. Allein die Firma Disney betreut zur Zeit ein halbes Dutzend Trickfilmprojekte, darunter die dritte Folge der erfolgreichen Toy Story, und andere Hollywoodstudios setzen auf einen ähnlichen Mix aus Computertechnik, Abenteuer- und Kinderfilm. Die Waage des Mediums Film, die stets zwischen Phantastik und Realismus geschwankt hat, neigt sich, vielleicht für lange Zeit, auf die Seite des Irrealen.
Ohne Wunderkram und Pixelzauber
In dieser Lage wirkt Roman Polanskis Oliver Twist wie eine Botschaft aus vergangener Zeit. Nicht nur, daß der Film ganz klassisch im Studio entstanden ist, mit echten Kostümen und Statisten und einer Kulissenstadt, die das London des Charles Dickens so greifbar auf die Leinwand bringt, wie man es im Kino vielleicht noch nie gesehen hat. Nein, auch die Geschichte, die Polanski erzählt, enthält nichts von all dem Wunderbaren und Übersinnlichen, das zur Zeit die Leinwände vernebelt; und wenn doch einmal einer jener unwahrscheinlichen Zufälle passiert, von denen Dickens' Romane voll sind, wird er durch die Inszenierung in ein ganz alltägliches Ereignis verwandelt, wie es in den engen Gassen der frühindustriellen Großstadt durchaus passieren kann. Wunderkram und Pixelzauber haben in Oliver Twist nichts zu suchen, und eben darin liegt das Wunder dieses Films.
Daß der Regisseur von Ekel und Chinatown einen Roman von Dickens adaptiert, ist keine Überraschung. Überraschend ist, daß er es erst jetzt tut. Aber ebenso, wie Polanski vierzig Jahre lang Filme aller möglichen Genres drehen mußte, bevor er sich mit dem Pianisten an einen Stoff aus dem Polen der Kriegszeit und des Holocaust herantraute, hat er offenbar die Distanz des Zweiundsiebzigjährigen gebraucht, um eine Kindergeschichte von Armut, Einsamkeit und Todesangst zu erzählen, die seinen eigenen Kindheitserlebnissen nahekommt. Was Polanski, dessen Mutter in Auschwitz ermordet wurde, über sein Schicksal als verfolgter Jude in Krakau mitteilen will, kann man in seiner 1984 erschienenen Autobiographie Roman nachlesen. Was er dabei empfunden und gedacht, wie er sich gegen die tägliche Bedrohung seelisch behauptet hat, davon - auch davon - handelt Oliver Twist.
Im Namen von Fortschritt, Gerechtigkeit oder Moral
Es beginnt damit, daß ein kleiner Junge und ein Uniformierter durch eine düstere Landschaft laufen, in die Stadt und ins Armenhaus hinein. Hier wie auch später gibt es keinen Himmel über den Bildern, keine Ferne und keinen Horizont, nur die rostbraunen Gebirge der Backsteinmauern und den grauen Fluß der Pflastersteine. Dickens' Roman war, als er 1838 erschien, eine Kampfschrift gegen das neue britische Armengesetz, Polanskis Verfilmung ist dagegen von Anfang an ein Protest gegen die Welt als ganze, gegen die Zerstörung der Kindheit im Namen des Fortschritts, der Gerechtigkeit oder der Moral.
Alles wirkt, mit Erwachsenenaugen gesehen, zweckmäßig eingerichtet in der Erziehungsanstalt, in die Oliver (Barney Clark) eingeliefert wird, oder bei dem Leichenbestatter, der das Waisenkind als Zögling aufnimmt; nur daß es eben vollkommen unmenschlich ist. Als er auf der Landstraße nach London zusammenbricht, scheint der Junge wieder einzugehen in die Natur, aus der ihn die Gier der Menschen verstoßen hat, doch eine barmherzige Greisin rettet sein Leben. Das allgemeine Böse und die in ihm aufblitzende Güte sind zwei Momente desselben Verhängnisses, dem Oliver mit knapper Not entkommt.
Er war gut zu ihm
Polanski und sein Produktionsdesigner Allan Starski haben das London der Dickens-Zeit auf dem riesigen Freigelände der Prager Barrandov-Studios nachgebaut. Es ist ein Filmset, der an Kindheitsträume vom Kino rührt, weil er so vollständig ist, so grenzenlos mit seinen Straßen, Plätzen und labyrinthischen Gäßchen. Das Glück des Schauens ist die Kehrseite von Olivers Unglück, denn je tiefer der Knabe in die Eingeweide der Stadt eindringt, desto heilloser verstrickt er sich ins Netz des Hehlers Fagin (Ben Kingsley) und seines Komplizen Sykes (Janie Foreman), die sich eine Bande jugendlicher Taschendiebe als Arbeitssklaven halten.
In Fagin hat Dickens eine antisemitische Karikatur gezeichnet, die es mit Shakespeares Shylock aufnehmen kann, aber Polanski denkt gar nicht daran, die Erscheinung des goldgierigen Juden zu glätten. Er läßt nur Ben Kingsley den Raum, den dieser braucht, um Fagins Charakter von innen her zu erhellen, sein Alleinsein, seinen Selbstekel, seine Gewissensqual. So entsteht eine der erschütterndsten Figuren, die man je bei Polanski oder in einer der zahlreichen Dickens-Verfilmungen gesehen hat. Du warst gut zu mir, sagt Oliver am Ende zu Fagin, der im Zuchthaus auf seine Hinrichtung wartet, und dasselbe könnte auch der Schriftsteller Dickens zu dem polnischen Regisseur sagen, der seinen Roman so zart und zugleich so entschlossen angefaßt hat, daß er weder zerbrechen noch zu einem historistischen Bilderbrei zerfließen konnte.
Dieses Kino wird alle Reformatoren überleben
Es gab eine Zeit, in der man den Studiofilm verachtete. Er hatte so gar nichts vom wahren Leben, nichts von der kalkulierten Wildheit, mit der das Kino in seinen Reformfieberschüben vom britischen New Cinema bis zur dänischen Dogma-Bewegung auftrat. Inzwischen sieht man, nicht nur an Oliver Twist, daß diese Form von Kino alle Reformatoren überleben wird. Sie lebt, weil sie Wirklichkeit herstellt, statt ihre Fragmente im Dickicht des Wirklichen zu erhaschen.
Die Story eines Straßenkinds findet man auch in Kalkutta oder Lima, aber bei Polanski wird die Geschichte des einen Waisenjungen zum Spiegel, in dem sämtliche anderen sich erkennen können. Dieser Film sei Roman Polanskis Geschenk an die nächste Generation, hat Ben Kingsley über Oliver Twist gesagt. Jetzt muß das Geschenk nur noch abgeholt werden.
Text: F.A.Z., 21.12.2005, Nr. 297 / Seite 31
