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Kino

Puzzlespiel: Atom Egoyans „Wahre Lügen“

Von Andreas Kilb

Film-Kritik: Alison Lohman in "Where the Truth Lies"

02. Februar 2006 In Amerika kam dieser Film zufällig im selben Monat ins Kino, in dem auch die Erinnerungen von Jerry Lewis an seinen Partner Dean Martin erschienen. „Dean and Me - A Love Story“ heißt das Buch von Lewis. Der Film heißt: „Where the Truth Lies“.

Beide Male geht es um ein Entertainer-Duo, dem Amerika zu Füßen liegt, und dann geht etwas schief. Dort, wo die Wahrheit begraben ist, auf dem Grund der Tatsachen, ruht vielleicht eine Liebesgeschichte. Bei Jerry Lewis, nicht bei Atom Egoyan. Bei Egoyan geht es um Sex und um die Mittel, ihn zu bekommen. Also um Lügen, Drogen, Mord.

Tränen in den Augen

Der Film beginnt mit einem Telethon von Lanny Morris (Kevin Bacon) und Vince Collins (Colin Firth), einer Fernsehform, die es in Deutschland so nicht gibt. Es ist das Jahr 1957, und es geht darum, in einer Marathonshow Geld für die Opfer der Kinderlähmung einzuwerben. Vor der Bühne steht das Mädchen Karen (Alison Lohman) und sieht, daß Lanny beim Singen und Witzereißen Tränen in den Augen hat, Tränen der Rührung, wie sie glaubt. Sie ahnt nicht, daß der Entertainer um ein anderes, älteres blondes Mädchen weint, das nicht an Kinderlähmung gestorben ist.

Fünfzehn Jahre später trifft Karen (die immer noch von der quecksilbrigen, rotblonden Alison Lohman gespielt wird) ihr Idol im Flugzeug wieder, lockt Lanny in ihr Apartment und schläft mit ihm. Aber diesmal geht es um mehr als Nostalgie, denn Karen hat einen Buchvertrag in der Tasche. Sie soll die Memoiren von Lannys Partner Vince verfassen, der seinen verblichenen Ruhm in den Hollywood Hills zu Tode pflegt; und nebenbei will sie auch noch klären, was genau vor fünfzehn Jahren mit dem anderen, dem toten blonden Mädchen geschah.

Der Stein fällt in den Brunnen

Das ist eine Geschichte nach dem Geschmack des Kanadiers Atom Egoyan, wenn auch nicht in seinem Stil. Denn Egoyan erzählt im Kino am liebsten Familiengeschichten - von Eltern, die ihre Kinder auf Video festhalten (wie in seinem Debüt „Family Viewing“) oder durch einen Unfall verlieren (wie in seinem bisher erfolgreichsten Film „Das süße Jenseits“); oder von Kindern, welche die Geheimnisse ihrer Eltern erforschen, wie zuletzt in „Ararat“. Daß der kanadische Regisseur an Rupert Holmes' Romanthriller „Where the Truth Lies“ Gefallen fand, lag an etwas anderem: an der Struktur der Erzählung. Denn „Wahre Lügen“, wie Film und Buch nun auf deutsch heißen, ist ein Puzzle, das Stücke aus zwei verschiedenen Vergangenheiten vermischt, ein Stoff, der wie ein Stein in einen tiefen Brunnen fällt und nirgendwo richtig aufschlägt, selbst in jenem Ende nicht, das Egoyan seiner Verfilmung mit absichtsvoller Lässigkeit angeklebt hat.

Der Mörder, wenn es ihn gibt, ist ein Statist, eine sprechende Null. Was zählt, ist der Weg, der zu ihm führt, das Labyrinth von Täuschungen und Selbsttäuschungen, in dem alle Beteiligten gefangen sind, auch die Reporterin, die bei ihrer Recherche rasch an ihre eigenen Grenzen stößt. Ihre Verführungskünste prallen an Collins ab, der Karen seinerseits mit Drogen vollpumpt und in ein skandalöses erotisches Arrangement verstrickt, und als sie Vince schließlich zum Sprechen bringt, erfährt sie etwas ganz anderes, als sie hören wollte. Die Wahrheit jenseits der Lügen bleibt für immer eingesperrt in jene Hotelsuite, in der die blonde Maureen (Rachel Blanchard) gestorben ist, auch sie eine angehende Journalistin, auch sie bereit, ihren Körper für eine gute Story zu verkaufen.

Die Risse im Gebälk der Illusion

Die amerikanischen Kritiker haben Egoyan vorgeworfen, seine Rekonstruktionen der fünfziger und siebziger Jahre seien Fälschungen, Fakes. Dabei hat er es genau auf diesen Fake-Effekt angelegt: auf die Risse im Gebälk der Illusion, auf die Verunsicherung, die sich aus den Anachronismen, den blinden Fährten und falschen Symmetrien der Geschichte ergibt. Egoyans Los Angeles wirkt wie eine Kopie aus Robert Altmans Chandler-Verfilmung „The Long Goodbye“ von 1972, und seine Fünfziger-Jahre-Szenen sehen aus, als wären sie in Schiebekulissen aus dem Fundus der Paramount-Studios gedreht, denen der Film in seiner Schlußszene huldigt. Den festen Boden, den wir im Kino gern unter den Füßen haben, gibt es hier nicht, es gibt nur das Kreisen einer filmischen Phantasie, die sich virtuos zwischen den Zeiten und Räumen hin und her bewegt, in kalten, eleganten, wie eine Fata Morgana flirrenden Bildern, mit denen Egoyans langjähriger Kameramann Paul Sarossy sich selbst übertroffen hat.

Bücher haben ihre Schicksale, Filme auch. Jerry Lewis' Erinnerungen sind in Amerika ein anständiger Erfolg, Atom Egoyans 25-Millionen-Dollar-Film ist an den Kinokassen untergegangen. Wie immer verkauft sich das gute Märchen besser als das böse. Oder wie es bei John Ford heißt: „Wenn die Legende zur Tatsache wird, dann druckt die Legende.“ Egoyans Film aber bestreitet, daß Tatsachen überhaupt existieren; für ihn gibt es nur verschiedene Grade der Illusion. In Wahrheit ist es egal, über welches Mädchen der Entertainer Lanny Morris vor den Fernsehkameras Tränen vergossen hat. Hauptsache, er hat geweint.

Text: F.A.Z., 02.02.2006, Nr. 28

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