Von Andreas Kilb
09. Juni 2004 Die Schauspielerin Patricia Clarkson gehört zu den Erscheinungen im Kino, die man nicht leicht vergißt. Das liegt weniger an ihrem Aussehen als an ihrer Stimme.
Die Endvierzigerin Clarkson, eine schmale Blondine mit ausgeprägtem Kinn, spricht mit einem Timbre, für das "rauchig" noch ein schwacher Ausdruck ist. So klingen Hexen oder Zauberinnen, Szene-Göttinnen oder Singer-Songwriter aus dem steel belt Nordamerikas. So klang Janis Joplin in ihren besten Tagen.
In Hollywood, das noch immer in die Unschuld vom Lande verliebt ist, hat Clarkson mit dieser Stimme einen schweren Stand. Seit 1987 spielt sie Nebenrollen in kleinen und großen Filmen, während sie am Theater, am Broadway, in Yale oder Williamstown, fast immer die Hauptrollen bekommt, die Elektra in Euripides' "Elektra", die Blanche in "Endstation Sehnsucht" und andere mehr. Aber einem breiterem Publikum ist sie nur als Kevin Costners Ehefrau in "Die Unbestechlichen", als Partylöwin Eleanor in "Far from Heaven" und als krebskranke Mutter der Heldin in "Pieces of April" bekannt, dem Film, für den sie sogar eine Oscar-Nominierung bekam. Den Preis gewann sie dann doch nicht.
Abseits der Hauptstraßen
In Tom McCarthys Film "The Station Agent" spielt Patricia Clarkson eine Frau namens Olivia Harris, die sich in ein Haus auf dem Land zurückgezogen hat, um den Tod ihres Kindes und die daraus folgende Scheidung von ihrem Mann zu verkraften. Als wir Olivia zum ersten Mal sehen, sitzt sie am Steuer ihres Jeeps, und trotz Allradantriebs kostet es sie große Mühe, den Wagen halbwegs gerade auf der Straße zu halten. Etwas von diesem Schlingern und Gleiten hat auch der ganze Film, aber es gibt keinen Grund, ihm das übel zu nehmen. "The Station Agent" ist ein Film abseits der Hauptstraßen des Kinobetriebs, eine Story, die sich an Nebenstrecken hält, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
Die Hauptfigur der Geschichte ist allerdings nicht Olivia, sondern der kleinwüchsige Finbar McBride (Peter Dinklage), der nach Newfoundland, New Jersey gekommen ist, um eine Erbschaft anzutreten. Finbar, kurz: Fin, hat einen Bahnhof geerbt. Genauer: eine aufgegebene Bahnstation in einer gottverlassenen Gegend an der amerikanischen Ostküste, wo sich die Rückkehrer aus der Großstadt mit den Daheimgebliebenen im Kirchenchor treffen.
Lieber Leser und Zuschauer
Zwei- bis dreimal am Tag und manchmal sogar nachts fährt hier ein Zug durch, aber das kann auch eine Halluzination von Fin sein. Denn Fin ist ein Eisenbahnnarr, ein Sammler von Andenken und Filmaufnahmen einheimischer Züge und Lokomotiven. Persönlich hat er freilich noch nie einen Personenzug von innen gesehen, so wie er sich überhaupt den Realitäten des Lebens lieber als Leser und Zuschauer denn als Handelnder nähert. Bisher ist er damit gut gefahren; es ist Olivia, die ihn ins Schlingern bringt.
Die Idee zu seinem Film sei ihm gekommen, als er das leere Zugdepot von Newfoundland gesehen habe, erzählt Tom McCarthy, der wie Patricia Clarkson als Nebendarsteller in Hollywoodfilmen ("Der Guru", "Conspiracy Theory") mitgespielt hat, bevor er "The Station Agent" drehte. Auf Peter Dinklage sei er gekommen, als er beobachtet habe, wie dieser die voyeuristische Neugierde eines Kneipenpublikums an sich abprallen lassen könne. Tatsächlich entsteht die erzählerische Energie des Films aus der Kombination zweier verschiedener Arten von Außenseitertum, eines topografischen und eines menschlichen.
Gemeinsam einsam
Der kleine Mann und die Hillbilly-Landschaft, das paßt beinahe zu gut zusammen, so daß die Arbeit des Drehbuchs darin besteht, Chaos in diese verquere Ordnung zu bringen. Schon am Morgen nach seiner Ankunft in Newfoundland bemerkt Fin, daß er in der Einöde doch nicht ganz allein ist. Da ist der schwatzhafte Joe (Bobby Cannavale), der auf dem Platz vor der Station seinen Imbiß betreibt. Und da ist Olivia, von der Fin auf dem Weg zum Supermarkt fast überfahren wird. Allmählich bildet sich aus den dreien ein Trio, das weniger durch Zuneigung als durch gegenseitiges Gewährenlassen zusammengehalten wird. Gemeinsam einsam, so ziehen sie über die Gleise oder sitzen vor dem Imbißwagen zusammen, bis das Auftauchen von Olivias Ex-Mann die Fäden zerreißt, die der Zufall zwischen den beiden linkischen Männern und der entwurzelten Frau gesponnen hat.
Für Filme wie diesen, die an anderen Dingen interessiert sind als an der Hollywoodfrage, wann der Held mit der Heldin ins Bett geht, gibt es in Amerika einen eigenen Begriff: independent movies. Vor zwanzig Jahren hat Jim Jarmusch für die Independents die Tür zum Erfolg aufgestoßen, und noch immer ist Robert Redfords Sundance Festival, auf dem auch Steven Soderbergh mit "Sex, Lies and Videotape" seine ersten Sporen verdiente, das Zentrum der Bewegung. Aber inzwischen ist auch das unabhängige Kino Teil des Establishments, wie man gerade an Soderberghs Filmen ablesen kann.
Daß man independent sein und trotzdem frei bleiben kann, zeigt dagegen "The Station Agent". Dieser Film düpiert alle Erwartungen, selbst die an eine Losergeschichte aus der Provinz. Statt die Leinwand mit schrägen Typen zu bevölkern, entdeckt er die Normalität im Exzentrischen, das Gardemaß des Zwergs. "Hier bin ich! Schaut genau her!", ruft der betrunkene Fin, als ihm die Blicke der anderen am Bartresen endlich doch zuviel werden. Das möchte man auch den Kinozuschauern geraten haben.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2004, Nr. 132 / Seite 51
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