Von Gustav Federhenn
17. April 2002 Die indische Regisseurin Mira Nair hat mit Monsoon Wedding ein farbenprächtiges Unterhaltungsstück entworfen, in dem sie gekonnt mit den Elementen des Bollywood-Kinos, des Familiendramas und der Touristenwerbung spielt.
Die Nerven liegen blank. Die Vorbereitungen zur Hochzeit laufen auf Hochtouren und natürlich gibt es Reibungen und Nervositäten, die zuerst einmal äußerlich sind, und deshalb alsbald behoben werden müssen. Das Zeltdach etwa, unter dem das Fest gefeiert werden soll, entspricht farblich nicht den traditionellen Anforderungen. Und dann stellt sich auch noch heraus, dass das neue Dach nicht imprägniert ist. Das muss geändert werden, denn mit Regen ist immer zu rechnen: Es ist Monsun-Saison.
Und dann trudelt langsam auch schon die Verwandtschaft ein. Einige kommen von weit her, auch aus Amerika und Australien. Auch der Bräutigam (Parvin Dabas) kommt von weit her: Er ist ein indischer Gastarbeiter aus Houston, der zu seiner Vermählung nach Indien gereist ist.
Die Braut (Vasundhara Das) sieht in der arrangierten Heirat eine Chance, die weite, westliche Welt kennenzulernen. Gern scheint sie ansonsten nicht zu heiraten, denn in Wahrheit liebt sie noch immer den Gastgeber einer Fernseh-Talk-Show, der aber seine Ehefrau nicht verlassen will.
Webfehler im Muster
Es gibt noch andere sozialpsychologische Webfehler im Muster dieser Hochzeitgesellschaft, die die indische Regisseurin Mira Nair aus prächtig buntem Rohmaterial gearbeitet hat. Da gibt es den Sozialaufsteiger Dubey (Vijay Raaz), der immer noch in ärmlichen Verhältnissen lebt, aber viel Geld damit verdient, dass er für die Bürger der Stadt ihre prächtigen Hochzeiten ausrichtet. So wenig wie er seinen Reichtum genießt, so wenig hat er sich bisher auf die Liebe eingelassen. Auch die Cousine Ria (Shefali Shetty) will nicht heiraten, hängt ihr doch allem Anschein nach eine Geschichte aus Kindertagen nach.
Mira Nairs Film zeigt eines jener Familienfeste, die ein Mikrokosmos der Gesellschaft und ihrer Eigentümlichkeiten sind. Robert Altman hat das in Wedding ähnlich gemacht. Doch die indische Regisseurin füllt das Muster mit eigenen Farben. Die Konflikte bettet sie in die authentisch wirkende Darstellung der bunten Folklore einer Hochzeit im Bundesstaat Punjab. Man sieht etwa eine Gruppe von Frauen, die Liebeslieder singt, und Mira Nair gelingt es immer wieder, die Dynamik der Personen bewegt in Szene zu setzen und die Exotik der Situation lebendig werden zu lassen.
Farbenfrohes Spektakel
Der landesunkundige Zuschauer betrachtet den Reichtum der Hochzeitskostüme und -sitten mit lustvoller Neugierde. Die Vermischung von indischer Tradition und westlichen Lebensformen wirkt nicht wie ein Widerspruch, sondern ist eine visuell reizvolle Komposition. Das bunte Treiben und die Figuren, wie sie singen, lachen und weinen, ist eine geschickte Mischung aus Ethno-Musical, Sightseeing Tour im klimatisierten Touristenbus und Sozialstudie. Die Darstellung der Probleme - es wird sogar ein ganz heißes Eisen, die Pädophilie, angefasst - geben den Bildern ein Aroma echt menschlicher Dramen, die hier aber immer einen Ausweg oder eine Lösung finden.
Mira Nair zeigt die Marotten und Probleme ihrer Familie mit Sympathie und bügelt die sozialen Webfehler ihres hochzeitlichen Mikrokosmos' zum Ende hin freundlich aus. Ihre Familie ist alles andere als eine heile Welt. Sie ist nicht die beste aller Welten, aber auch nicht die schlechteste.
Monsoon Wedding, Indien 2001, 119 Min., Regie: Mira Nair, Darsteller: Naseeruddin Shah, Lillete Dubey, Shefali Shetty u.a.
Text: @henn
Bildmaterial: dpa, Prokino
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