Video-Filmkritiken

Filmkritik

Emotionale Wucht: Clint Eastwoods „Flags of Our Fathers“

Von Peter Körte

Video in voller Größe

Ryan Phillippe, Jesse Bradford und Adam Beach in "Flags of Our Fathers"

18. Januar 2007 Das klingt so gut, das klimpert wie das Kleingeld in der Hosentasche des Kritikers: die Macht der Bilder, die Bilder, die Geschichte machen - und ist mitunter dann doch mehr als eine hilflose Floskel. Der Soldat, der die sowjetische Fahne auf dem Berliner Reichstag hisst, das vietnamesische Mädchen, das der Napalmattacke entfliehen will, Kennedys Kopf, den die Kugel trifft, das sind Schlagbilder, wie der Kunsthistoriker Michael Diers sie genannt hat, weil sie wie Schlagzeilen von ganz allein einleuchten, weil sie einen Moment oder eine ganze Epoche auf den Punkt bringen. Doch diese Bilder machen nicht bloß Geschichte, sie haben auch selber eine Geschichte, und deren Pointe besteht oft darin, dass man den Bildern nicht trauen kann.

Zu diesen Schlagbildern gehört auch eine Aufnahme vom 23. Februar 1945. Sie zeigt sechs amerikanische Soldaten, die auf Iwo Jima das Sternenbanner hissen. Auf dem Mount Suribachi, der höchsten Erhebung dieser unwirtlichen, vulkanischen Pazifikinsel, auf dem ersten Stück japanischen Territoriums, das die Amerikaner eroberten, in einer blutigen, verlustreichen Schlacht, gegen 20.000 verschanzte Japaner. Der Fotograf der Associated Press, Joe Rosenthal, erhielt für das Bild den Pulitzer-Preis, das Motiv wurde auf mehr als 150 Millionen Briefmarken vervielfältigt, und am Ende wurde aus dem Bild ein monumentales Standbild auf dem Nationalfriedhof von Arlington. Manche behaupten sogar, es sei das am häufigsten reproduzierte Foto der Welt. Zumindest war es das einmal.

Ein Standbild

Es ist dieses Bild, von dem Clint Eastwood in seinem neuen Film ausgeht; er erzählt von seinem Zustandekommen und von den Folgen, die es für den weiteren Kriegsverlauf hatte und für die sechs Männer, die auf ihm zu sehen sind. Dass der Film „Flags of Our Fathers“ heißt wie das Buch des Soldaten James Bradley, auf dem der Film beruht, ist schon die halbe Geschichte. Denn es war nicht eine Fahne, die gehisst wurde, es waren zwei. Die erste Fahne war zu klein, ein Fotograf war nicht dabei, und so mussten am selben Tag sechs andere Männer, fünf Marines und der Navy-Sanitäter Bradley, eine größere Fahne nehmen und sie noch einmal gen Himmel richten, während der Fotograf ihnen zurief: „Okay Leute, wer will berühmt werden?“

Drei überlebten die Inszenierung nicht lange, die anderen drei wurden von Iwo Jima abgezogen, an die Heimatfront gebracht und auf eine PR-Tour durch Amerika geschickt, an deren Ende sie Kriegsanleihen im Wert von mehr als 25 Milliarden Dollar eingeworben hatten. Die Fahnenträger waren zu Hoffnungsträgern geworden, die der amerikanischen Öffentlichkeit den Glauben an den Sinn dieses Krieges zurückgaben. Dieses Foto ist also eine amerikanische Ikone, eine nationale Angelegenheit, und man könnte sich keinen besseren Regisseur für seine Geschichte wünschen als Clint Eastwood, der den Film zu einem Zwillingsfilm gemacht hat: Er hat zugleich „Letters from Iwo Jima“ gedreht, welcher die Schlacht aus japanischer Sicht schildert und am 22. Februar auch in deutsche Kinos kommt.

Ein paar Probleme mit der Rahmenerzählung

Mit 76 Jahren ist Eastwood weder müde noch betulich geworden, er mutet sich lieber etwas zu, was er noch nie gemacht hat. Seine Filme hatten bisher überschaubare Sujets; große Themen und Massenszenen haben ihn nie interessiert, es ging um Männer und Frauen, die ihre eigenen Kämpfe führten, und nicht um Schlachtengemälde. Und gerade deshalb ist „Flags“ ein großer Film geworden. Er bewegt sich auf drei verschiedenen Ebenen, er wechselt zwischen den späten privaten Traumata, den Kampfhandlungen und der PR-Tour. Er hat, wie schon „Die Brücken am Fluss“, ein paar Probleme mit der Rahmenerzählung, weil sie eher den Weg verstellt - Bradleys Sohn, der die Geschichte seines Vaters recherchiert, ist entbehrlich -, aber das beeinträchtigt seine Wirkung nicht.

Eastwood lässt die individuelle Erfahrung schon im ersten Bild auf die offizielle Version prallen. In einer Mondlandschaft irrt verzweifelt ein junger Soldat umher, der seinen Kameraden sucht - ein Bild, welches in den Träumen des alten Bradley immer wiederkehrt. Es ist die Rückseite, der Schattenwurf der Heldenrolle, die man ihm zugewiesen hat. Das erste Mal wird die Flagge im Film auch nicht auf Iwo Jima gehisst, sondern in einem Stadion in Chicago, vor 100.000 Zuschauern, auf einem Hügel aus Holz und Pappe, und damit ist ohne große Geste klar, dass es um einen Publicity Stunt geht, um jene Wahrheit, die in John Fords Western „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ ausgesprochen wird: „Wenn die Legende zur Tatsache wird, druck die Legende.“

Ein Trugbild

Später reicht das Blitzlicht eines Fotoapparats oder die Fehlzündung eines Motors, um die Überlebenden in die Vergangenheit zurückzuschleudern, auf den schwarzen Sand von Iwo Jima, in die Schlacht und das Schlachten, in jene Momente, in denen das Chaos regiert und das Überleben im Dauerfeuer Glückssache ist. Natürlich erinnert die Art, wie Eastwood die Landung auf Iwo Jima zeigt, an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“, an die Landung in Omaha Beach: die Leichen im Wasser, das Blut, das den Ozean verfärbt, der blinde Zufall und das beliebige Sterben, die entsättigten Farben, deren Spektrum auf Grau und Schwarz und Oliv geschrumpft ist. Doch der Unterschied zu Spielberg, der Eastwoods Film produziert hat, könnte nicht größer sein. Nie würde man von Eastwood hören, wie damals von Spielberg, er wolle mit seinem Film „die Kluft zwischen der Greatest Generation, den Baby Boomern und der Generation X schließen“. Man kann sich eher vorstellen, dass Eastwood bei solchen Statements die Augen zusammenkneifen und sein Blick sich verfinstern würde.

Es ist das Großartige und Bewundernswerte an diesem Film, wie Eastwood es schafft, die Balance zwischen dem großen historischen Panorama und den einzelnen Schicksalen zu halten. Da geht nicht eines im anderen auf, bis es verschwunden ist, da ist der Krieg weder bloßes Kolorit noch der Einzelne bloßes Exemplar. „Flags“ lebt von jenen Momenten, in denen der Pimaindianer Ira (Adam Beach) nach dem Krieg eine einsame Straße entlanggeht, ein Verzweifelter und Getriebener; in denen der Kurier Rene (Jesse Bradford), der sich nur der schicken Uniform wegen zu den Marines gemeldet hat, erlebt, wie seine Träume von einer Nachkriegskarriere platzen; in denen Bradley (Ryan Phillippe) sich mit stoischer Resignation in seine Rolle fügt. Das sind Szenen, wie es sie sonst nur bei John Ford gibt, wo das Recht des Individuums und sein Leiden nicht verrechnet werden müssen mit einem höheren Zweck.

Als spräche Clint Eastwood

Eastwood versetzt den eingefrorenen Moment der Fotografie wieder in Bewegung, und auf einmal sieht man drei Männer, die für eine Mission ausgewählt werden, die zu groß für sie ist. Sie werden herumgereicht wie Preisbullen, sie empfinden Unbehagen, sie haben Schuldgefühle und sind peinlich berührt, wenn sie sich bei einem Bankett neben einer Eiscremeskulptur ihrer Aktion finden - zum Eis wird tiefrote Erdbeersoße gereicht. So bleibt der Film selbst dort, wo seine Protagonisten im Getümmel der Schlacht oder in der Betriebsamkeit der politischen Inszenierung verlorenzugehen drohen, auf Augenhöhe. Eastwoods nahezu klassische, zurückgenommene Weise zu erzählen entwickelt eine emotionale Wucht, die einen umso mehr erstaunt, als das alles sechzig Jahre zurück und von Europa ein paar tausend Kilometer entfernt liegt.

Die Resonanz, das Echo, das in die Gegenwart reicht, braucht der Film nicht herbeizuzwingen. Es ist schon da, es ist unausweichlich, an den Krieg im Irak zu denken, an Bushs Selbstinszenierung auf einem Flugzeugträger und an die Aufnahmen aus Abu Ghraib. So beziehen sich Bilder auf Bilder, sie kommentieren einander, und sie erzählen dabei zugleich, wie solche Bilder zur Matrix unserer Wahrnehmung und unserer Erinnerung geworden sind.

Und wenn am Ende ein leichter Olivton die Leinwand einfärbt, wenn die Soldaten in einer Atempause wie ausgelassene Kinder im Pazifik baden, dann ist das ein so bewegender Moment, dass er auch die Off-Stimme des alten Bradley verträgt. Dass man vielleicht für sein Land kämpfe, sagt diese Stimme, aber vor allem für seine Kumpel, dass man Helden erzeuge und brauche, dass der Held jedoch eine Rolle sei, die für jeden Einzelnen viel zu groß ist. Und das klingt, als spräche Clint Eastwood.

Ein Schlagbild

Da ist nicht der geringste Zweifel, dass dieser Krieg geführt werden musste, da ist die Einsicht, dass er die Voraussetzungen geschaffen hat, dass wir heute so leben, wie wir leben - nur von dröhnendem Patriotismus ist da keine Spur. So schroff, so klar, so unfeierlich kann das nur in einem Film von Clint Eastwood wirken. In Kreisen der Academy in Hollywood löst so etwas natürlich mehr Wohlwollen aus als in Washington, und wenn es auch unwahrscheinlich ist, dass Eastwood mit diesem Film zum dritten Mal bei den Oscars triumphieren wird, für die eine oder andere Nominierung dürfte es wohl reichen. Den nächsten Oscar gibt es dann, wenn Eastwood so weitermacht, mit 80, in einem Alter, in dem andere keine Filme mehr drehen, sondern Ehrungen für ein Lebenswerk entgegennehmen. Er ist halt noch immer der Mann, der niemals aufgibt.



Text: F.A.S. vom 13. Januar 2007
Bildmaterial: Warner Bros. Pictures

 

Filmkritik

Die wirklich plattesten Plattheiten

Spezial In Dani Levys Film „Mein Führer“ gibt es etwa zweieinhalb sichere Lacher. Kurz: Diese angebliche Hitler-Komödie ist nicht lustig. Und am Ende ärgert man sich, um einen Helge-Schneider-Film über Hitler betrogen worden zu sein.

Filmkritik

Man stirbt nur zweimal

Für „The Wind That Shakes the Barley“, einen melancholischen Blick auf die Geburt des Widerstands im Irland der 1920er, hat Ken Loach in Cannes die Goldene Palme gewonnen. Ein ausgezeichneter Film also - und ein nerviger zugleich.

Filmkritik

Der Zufall möglicherweise

Spezial Der Film „Babel“ von Alejandro González Iñárritus beginnt mit einem verheerenden Schuß. Er hallt durch die Episoden, die in vier Welten und auf drei Kontinenten spielen. Die Filmkritik.

Filmkritik

Bildgewalttätig: Mel Gibsons „Apocalypto“

Erste Gerüchte um Mel Gibsons neues Werk „Apocalypto“ versetzten die Filmbosse in Sorge, der Außenseiter könnte ihnen mit dem Film, der jetzt in die Kinos kommt, den Oscar wegschnappen. Keine Sorge. Die Filmkritik.

Filmkritik

Gewinnen und Verlieren in Amerika: „Little Miss Sunshine“

Spezial Ein kleiner, unabhängiger Film über die amerikanische Erfolgssucht spielt mit beißender Ironie und schallendem Gelächter knapp sechzig Millionen Dollar ein: Die Satire „Little Miss Sunshine“ ist der Außenseitererfolg des Jahres.

Filmkritik

Wie Bond wurde, was er ist: „Casino Royale“

Spezial Keine Martinis, keine explodierenden Füller und deutlich weniger Frauen: „Casino Royale“ ist das Ende der Bond-Welt, wie wir sie kennen. Daniel Craig gibt der Figur 007 jene Härte und Gefährlichkeit zurück, die sie lang vermissen ließ.