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Polit-Porno: „Der Baader Meinhof Komplex“

Von Michael Althen

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24. September 2008 Der Film hat von allem keine Meinung . . . Er überlässt den Zuschauern die Haltung, die er selbst nicht hat oder höchstens vortäuscht.

Diese Sätze stammen von Wim Wenders, und er hat sie geschrieben, nachdem er die Bernd-Eichinger-Produktion „Der Untergang“ (siehe: Im Kino: „Der Untergang“) gesehen hatte und fassungslos vor Zorn war. Nicht weil der Film von Oliver Hirschbiegel keine moralischen Fingerzeige gegeben hätte, sondern weil er es an jeder erzählerischen Haltung mangeln ließ (siehe: Wenders kritisiert den „Untergang“).

Dasselbe kann man genauso über die Bernd-Eichinger-Produktion „Der Baader Meinhof Komplex“ sagen, deren Regisseur Uli Edel moralisch auch keine Fragen offenlässt, aber erzählerisch keine Sekunde lang erkennen lässt, worin seine Interessen gelegen haben mögen. Am Ende fällt ein Satz, der sich als Schlüsselsatz begreift, aber im Grunde eine Haltung auch nur vortäuscht: „Ihr habt sie nie gekannt. Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nie waren“, sagt Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) da zu den Terroristen der Folgegeneration. Klingt gut, aber was heißt das eigentlich? Schluss mit der Idealisierung natürlich. Nur an wen wäre diese Botschaft gerichtet? An jene, die damals glaubten, die RAF habe für eine gerechte Sache gekämpft? An eine heutige Generation, die bestimmte Aspekte der Bewegung wieder schick findet? Ist es aber nicht viel eher so, dass kein Mensch sie heute mehr so sieht, wie sie nicht waren, weil die Sache seit über zwanzig Jahren von allen Seiten beleuchtet wurde und man von einem Film, der sich vollmundig dieser Epoche annimmt, erwarten dürfte, dass er mehr anzubieten hat als die Demaskierung von Leuten, die längst nackt dastehen?

Würde hat ein anderes Gesicht

Die Filmemacher haben oft betont, dass die Würde der Opfer gewahrt werde, und auch da fragt man sich, was das genau heißen soll, wenn man sieht, wie ihre Ermordung einfach in ihrer ganzen Bestialität gezeigt wird. Als sei das nicht auch schon dem letzten Sympathisanten klar, dass es da nichts zu beschönigen gibt. Würde hieße ja wohl, dass hinter dem Opfer der Mensch sichtbar wird. Wie das aussehen kann, hätten die Filmemacher vielleicht lernen können, indem sie sich „Deutschland im Herbst“ ansehen, einen mit heißer Nadel gestrickten Gemeinschaftsfilm, den Kluge, Fassbinder, Schlöndorff und andere, die alle mit dem Staat auch nicht so ganz im Reinen waren, 1977 nach den Stammheim-Toten und der Schleyer-Ermordung auf die Beine gestellt haben (siehe: FAZ.NET-Spezial: Das Kino und die RAF) Dieser Film beginnt mit einem Brief Schleyers aus der Geiselhaft, adressiert an seinen Sohn, endend mit den Worten: „Bleibt Ihr gesund und optimistisch. Hoffentlich auf bald, Dein Vati.“

Diese von Kluge vorgelesenen Worte rücken die Dinge auf eine Weise in eine andere Perspektive, an der sich der ganze restliche Film und seine Kritik an den Verhältnissen abzuarbeiten hat. Dies ist aber eine Art Respekt vor den Toten, für die Edel und Eichinger keine Zeit zu haben glauben. Stattdessen wird nach dem Satz von Mohnhaupt noch gezeigt, wie die Leiche Hanns Martin Schleyers in einem belgischen Waldstück aus dem Auto geworfen wird. Als letztes Bild des Films. Und auch wenn klar ist, dass die Filmemacher nicht den Terroristen das letzte Wort in diesem Film lassen, sondern den Blutzoll ihrer Taten ins Bild rücken wollen - Respekt vor den Opfern sieht anders aus. Und Würde hat ein anderes Gesicht.

Unauflösbare Widersprüche

Und auch wenn es nie ganz fair ist, Filme gegeneinander auszuspielen, so muss man doch auch noch erwähnen, dass „Deutschland im Herbst“ nach dem Verlesen des Briefes noch eine Einstellung von der Trauerfeier zeigt, in der man einfach von hinten auf die Trauergemeinde blickt und neben den Söhnen auch Helmut Schmidt sitzen sieht, von dessen Linie in dieser Sache man halten mag, was man will - aber diese eine Einstellung lädt dazu ein, sich vorzustellen, was in seinem Kopf und was in denen der Söhne vorgegangen sein mag, als sie da so saßen. Und das sagt eben mehr über den Deutschen Herbst und die unauflösbaren Widersprüche, als „Der Baader Meinhof Komplex“ je riskieren will.

Man könnte jetzt noch den Film „Baader“ von Christopher Roth ins Spiel bringen, der 2002 auf der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis gewann und für seine identifikatorische Haltung mit dem Terroristen viel gescholten wurde, aber der eben eine Haltung besaß und darüber hinaus schon in seinen ersten Minuten auf eine Weise vorführte, wie kreativ man mit dem Originalmaterial aus der „Tagesschau“ umgehen kann, zu der sich diese Neuverfilmung nie aufschwingen kann - aber vielleicht ist auch dies nicht ganz fair, weil „Baader“ schon in seinen filmischen Mitteln nie aufs große Publikum ausgerichtet war - während der „Baader Meinhof Komplex“ um jeden Preis massenkompatibel sein will.

Geschichte wird gemacht - im Minutentakt

Deswegen also jetzt mal was Positives: „Der Baader Meinhof Komplex“ ist ein Actionfilm, dessen 150 Minuten vergleichsweise zügig inszeniert sind. Es geht also voran, Geschichte wird gemacht - und zwar im Minutentakt. Vom Schah-Besuch bis zur Schleyer-Ermordung, das ist eine Menge Historie, fast so, als hätte man den „Untergang“ schon 1933 beginnen lassen. Vor lauter Aktionen, Anschlägen, Attentaten bleibt kaum noch Zeit, Atem zu holen. Es müssen ja all die Parolen und Schlagworte aufgesagt werden, die man aus dieser Zeit kennt, und all die Bilder nachgestellt werden, die man noch vor Augen hat - da ist man schon beschäftigt. Es ist geradezu so, dass man im Kino sitzt und darauf wartet, dass die Handlung jenen Moment erreicht, wo sie in der Erinnerung einrastet und zur Deckung kommt mit den Fotos, die im Umlauf sind.

Und dann gibt es einen bizarren Moment, der nicht nur deswegen bizarr ist, weil Bruno Ganz statt Hitler diesmal Horst Herold gibt, sondern weil er zur Einleitung seiner Sätze zur Rasterfahndung seinen Gästen seine Hummersuppe schmackhaft machen will. Und in diesem Moment denkt man, dass diese Suppe nun wirklich das erste Detail ist, das in diesem Film nicht hinlänglich aus Funk und Fernsehen bekannt ist - alles andere bis dahin (und auch im weiteren Fortgang) war ein Abgeklappere von Geläufigem und Allzugeläufigem, aber bei der Suppe haben sich die Filmemacher wirklich ins Zeug gelegt, dieses Skelett einer Erzählung mit Fleisch zu versehen.

Fanatikerin mit Sex-Appeal

Das Fleisch jeder filmischen Erzählung sind natürlich die Schauspieler, und da sich diese Produktion der Dienste der Besten versichert hat, spielt die Besetzung keine geringe Rolle. Über Johanna Wokalek wurde schon viel geredet: Sie spielt Gudrun Ensslin als bleiche, glutäugige Fanatikerin, deren Sex-Appeal auch ohne Waffen den Staat auf die Knie gezwungen hätte (siehe: Im Gespräch: Johanna Wokalek über den „Baader-Meinhof-Komplex“). Moritz Bleibtreu als Baader bleibt deutlich hinter Frank Giering in „Baader“ zurück, weil seinem Hedonismus die proletarische Wucht fehlt. Nur schnelle Autos fahren und alle Frauen als „Fotzen“ bezeichnen ist halt dann doch nicht genug. Bleibt Martina Gedeck als Ulrike Meinhof, die sich gegen die schneidende Schärfe des Originals entschieden hat und mit ihrer Interpretation in Ansätzen davon erzählt, welche Faszination die Aktionsbereitschaft der anderen auf eine Intellektuelle ihres Schlages ausübte. Das wäre vielleicht mal eine Figur gewesen, auf die sich der Film hätte konzentrieren können, die Intellektuelle, die in einen Strudel hineingerissen wird, der auf Worte mit kaltblütiger - und vielleicht gar nicht immer gewollter - Konsequenz Taten folgen ließ.

Aber Meinhof allein war nicht genug, es musste der ganze Komplex sein. Und zwar auf eine Weise, dass jede Klein- und Nebenrolle mit einem bekannten Gesicht besetzt wird. Hinter jeder Ecke lauert in diesem Film ein Star, bis man irgendwann denkt: Fehlt eigentlich nur noch Götz George. Vielleicht als Helmut Schmidt? Wäre auch nicht mehr darauf angekommen . . .

Als Geisterbahnfahrt durch jene Ära wird der Film natürlich trotzdem funktionieren - das war beim „Untergang“ nicht anders. Zumal die Terroristen sexy genug sind, um deutlich zu machen, dass es auch damals nicht nur um Ideologie ging. Der Film nennt eine Mörderbande eine Mörderbande - und verschweigt nicht, dass es zwei, drei Gründe gab, die sie auf den falschen Weg führten. Aber das ändert nichts daran, dass es sich beim „Baader Meinhof Komplex“ um einen Polit-Porno handelt. Er besteht nur aus Höhepunkten - der Rest ist Hummersuppe. Er verhält sich zu einem komplexeren Film wie ein Porno zum Liebesfilm. Wo der eine weiß, wie kompliziert die Dinge liegen, kennt er nur Eskalation. Das ist das Gegenteil von Haltung. Und deswegen sieht der Film die Terroristen am Ende eben doch so, wie sie nie waren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Constantin

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