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Im Rausch des Lichts: „Sunshine“

Von Verena Lueken

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Film-Kritik: Cilian Murphy in „Sunshine”

18. April 2007 Die Sonne stirbt, die Erde also auch. Nur eine Möglichkeit bleibt noch, das Ende zu verhindern: Eine nukleare Explosion könnte das Kraftzentrum der Sonne wieder zum Leben erwecken, ausgelöst von einer Bombe „so groß wie Manhattan“. Ein Raumschiff mit dieser Bombe ist unterwegs, die Besatzung fast mit Sicherheit dem Tod geweiht.

Das ist die Lage zu Beginn von Danny Boyles Film „Sunshine“, das Jahr ist 2057; eine Mission zur Wiederbelebung der Sonne sieben Jahre zuvor ist bereits gescheitert. „Icarus“ hieß das erste Raumschiff, das im All verschollen blieb, jetzt ist „Icarus II“ unterwegs. An Bord findet sich eine Mannschaft, die zur Hälfte aus Asiaten besteht, darunter der zunehmend nach dem Anblick der Sonne verrückte Kapitän Kaneda, gespielt von dem Japaner Hiroyuki Sanda, die Biologin Corazon, die den Gemüsegarten im Raumschiff pflegt - eine Verbeugung vor „Lautlos im Weltraum“ - und die Michelle Yeoh aus Malaysia mit ähnlich attraktivem Pragmatismus gibt wie ihre Rollen in „Crouching Tiger, Hidden Dragon“ oder „Memoirs of a Geisha“, und der Navigationsoffizier Trey (Benedict Wong aus China).

Männer in goldenen Anzügen

Die andere Hälfte der Mannschaft kommt aus der englischsprachigen Welt, unter ihnen der Wichtigste: der Physiker Capa, der die Bombe gebaut hat und als Einziger tatsächlich weiß, was auf die Astronauten zukommt. Der Ire Cillian Murphy spielt ihn halb verträumt, halb mit an Wahnsinn grenzender Härte, was eine außerordentlich verführerische Mischung ist, der die Pilotin Cassie (Rose Byrne) so weit verfällt, wie es die Umstände zulassen. Für die immer wieder nötigen Reparaturarbeiten außerhalb des Raumschiffs steigen die Männer in goldene Anzüge, und überhaupt überzieht der rotgoldene Glanz der Sonne den gesamten Film, und wo immer es möglich ist, agieren die Figuren am Bildrand, so dass das Zentrum ihr glühender Ball ist, der nicht verglühen soll. Süchtig kann diese Farbe machen, und so wird der Ansichtsraum in der Raumfähre, in dem eine karge Bank steht und der riesige Ausblick auf die Sonne die Haut verbrennt und Augen ungeschützt erblinden, zu einer Art kollektivem Tranceraum. Hier verschwimmt der Wert des Lebens, wie die Männer und Frauen es auf der Erde geführt hatten, im Rausch des Lichts.

Danny Boyle, der hier wieder ein Drehbuch von Alex Garland verfilmt, liebt offenbar die großen Science-Fiction-Filme von „2001 - Odyssee im Weltraum“ über „Solaris“ zu „2010“ und überhaupt das Genre, und er zollt all seinen Vorläufern bis zum direkten Zitat Respekt. Eine Weile lang hält die Spannung an zwischen der nahezu völligen Ereignislosigkeit jenseits von mit Routine zu konternden Zwischenfällen im Raumschiff und der nahen Katastrophe, nach der es keine Erde mehr geben wird.

Raumschiffroutine

Es ist eine innere Spannung, übertragen von diesen Frauen und Männern mit einem Selbstmordauftrag, die im Bewusstsein, das Schicksal der Erde in den Händen zu halten, der Sonne entgegenfliegen, sich deren metaphysischem Sog kaum entziehen können und doch vor allem vollkommen banale Dinge tun, Raumschiffroutine eben. Und Boyle filmt das mit gewohnter Stilisierung, wechselnd zwischen vollkommenem Minimalismus und Überwältigung. Doch gerade wenn die Geschichte sich dann doch noch dramatisch entwickelt, die erste „Icarus“ wiederauftaucht, Astronauten sterben, der Gemüsegarten vernichtet wird und Opfer und Selbstopfer nötig werden, um die Mission zu erfüllen, an deren Ende ja auch der Tod steht - ausgerechnet im potentiell spannendsten Moment also verliert der Film an Fahrt.

Plötzlich bricht Horror ein, wir verlieren die Übersicht, wie das Raumschiff eigentlich gebaut ist und von woher Gefahr droht, ein glatzköpfiger Killer taucht auf wie ein Schachtelteufel, Türen öffnen sich oder nicht mehr, und das Ganze wird überwölbt von irgendeiner großen Idee, die wir nicht zu fassen kriegen. Der Bordcomputer, ein Enkel von Kubricks „Hal“, schweigt schon seit langem, und am Ende stehen sogar schwarze Monolithen in der Gegend von Sydney herum. „Sunshine“ verliert sich in der blanken Hommage an „2001“, einen jener Filme, die nur noch im Original oder in der Parodie zum Leben erwachen.



Text: F.A.Z., 18.04.2007, Nr. 90 / Seite 41
Bildmaterial: 20th Century Fox

 

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