Video-Filmkritiken

Kino

Andere Ansicht eines Clowns: „One Hour Photo“

Von Andrea Klingsieck

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09. Januar 2003 Manche Rollen wird man sein Leben lang nicht mehr los. Wer als „Mork vom Ork“ seine Karriere begann, sollte sich anschließend über nichts mehr wundern, könnte man meinen.

Zu Unrecht sieht man hinter Robin Williams, dessen Film „One Hour Photo an diesem Donnerstag in die Kinos kommt, nichts anderes als den manisch grinsenden Clown, der in Kinderfilmen oder rührseligen Fantasy-Komödien sein Unwesen trieb. Wohl kaum aber einen ernstzunehmender Schauspieler. Dazu hat er zu oft seinem Hang zu infantiler Kasperei nachgegeben und sich in Filmen wie „Toys“, „Hook“, „Mrs. Doubtfire“, „Jack“ oder „Flubber“ den Ruf verdorben.

Belehrend und sentimental

Doch Schubladendenken ist ja meistens ungerecht. Ein Blick auf das beeindruckend lange Filmverzeichnis zeugt von der Bandbreite seiner schauspielerischen Darstellung. Seine besseren Rollen hatte Robin Williams zweifellos in Filmen mit dramatischem Akzent. Im „Club der toten Dichter“ spielte er einen engagierten, rührend unkonventionellen Literaturprofessor, in „Good Morning, Vietnam“ einen Radiomoderator, der unbequeme Fragen stellt, in „König der Fischer“ einen Outsider. Für seine Rolle als Psychiater in „Good Will Hunting“ gewann er den Oscar als bester Nebendarsteller.

Kein schlechter Schauspieler also, doch auch kein großer. Denn selbst in den ernsteren Filmen wirkte er in seinen Rollen meist unerträglich belehrend oder peinlich sentimental. Williams selber erklärte in Interviews zwar immer wieder, er würde auch gern mal eine böse Figur spielen. Doch auf entsprechende Angebote wartete er lange vergeblich. Bis jetzt.

„Sy, the photo guy“

Nun wagte Robin Williams in gleich drei düsteren Rollen einen radikalen Imagewechsel. In Deutschland ist er seit dieser Woche in „One Hour Photo“ zu sehen. In der Rolle des sinistren Sy Parrish beweist der Schauspieler, dass man ihm nur zu Unrecht solche Rollen nicht zugetraut hatte.

Sy Parrish leitet das Fotolabor in einem riesigen Supermarkt. Ein auf den ersten Blick harmloser Verkäufer, der für seine Kunden unsichtbar bleibt - „Sy, the photo guy“ eben. Niemand ahnt jedoch, dass er über die Fotos, die durch seine Hände gehen, sehr intensiv am Leben seiner Kunden teilnimmt. Hinter dem unauffälligen Mann unbestimmten Alters mit der versilberte Brille und dem aufgesetzten Lächeln verbirgt sich ein zutiefst einsamer Mensch, dessen einziger Kontakt zur Außenwelt die Bilder sind.

Leben aus zweiter Hand

Zu der Familie der Kundin Nina hat er ein besonders enges Verhältnis. Nur ahnt diese nichts davon. Jedes wichtige Ereignis im Leben ihrer Familie hat Sy über die Fotos mitverfolgt: Hochzeit, Geburt des Sohnes, Urlaube, Weihnachtsfeste. Seit Jahren macht sich der Angestellte doppelte Abzüge, gibt sie als eigene Familienbilder aus, gefällt sich in der Rolle des imaginären „Onkel Sy“ und erspinnt sich somit ein eigenes Familienleben. In seiner ästhetischen Fantasiewelt vermischen sich Traum und Wirklichkeit auf immer beängstigendere Weise.

Der tragische Ausgang ist seit Beginn des Filmes unausweichlich. Die Inszenierung baut Sy Parrish als implodierenden Einzelgänger auf, als potentiellen Amokläufer, der sich irgendwann für die Demütigungen des Alltags rächen wird. Sys Liebe zur Oberfläche erweist sich als zerstörerisch. Als Ninas Bilderbuch-Ehe in eine Krise gerät, stürzt Sys ästhetische Bilder-Welt in sich zusammen und er beschließt Rache für das Glück zu nehmen, dass er selbst nie erleben durfte.

Ästhetik der Platzangst

„One Hour Photo“ ist trotz einiger sehr guter Ideen sicherlich kein außergewöhnlicher Film. Das Szenario bleibt zu nahe an dem, was man von einem Thriller erwartet. Die Handlung ist voraussehbar.

Beeindruckend ist jedoch die Ästhetik, mit der Regisseur und Drehbuchautor Mark Romanek das Psychodrama in Szene setzt. Romanek hat sich bisher vor allem als Video-Clip-Regisseur einen Namen gemacht, und das sieht man seinem Film an. Design, Musik und Inszenierung sind genau aufeinander abgestimmt. Die erdrückende, bedrohliche Gefühlswelt der Hauptperson spiegelt sich in der futuristischen Ästhetik des Fotolabors wider. Doch auch in Sys Wohnung droht jedes Gefühl in weißlich grellen Farben zu ersticken. Die sterile Umgebung erdrückt die Figur, macht ihre Einsamkeit deutlich, lässt sie darin ertrinken. Romanek gelingt es, beim Zuschauer ein bedrückendes Gefühl von Kälte und Enge auszulösen.

Leise Töne

Dieser ästhetische Hintergrund bildet den Rahmen für Robin Williams' Schauspiel. Man könnte meinen, Mark Romanek habe das Drehbuch bewusst flach angelegt, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Hauptperson zu lenken. Auch die Nebendarsteller werden bewusst oberflächlich gehalten, damit das Porträt Sys um so deutlicher hervortritt.

Am wenigsten hätte man Robin Williams wohl das zugetraut: Der Schauspieler wird hinter der Figur des einsamen Außenseiters nahezu unsichtbar. In seinen Komödien übertrieb er meistens unerträglich, über-spielte und trug dick auf, um Effekte zu erheischen. In dieser Rolle scheint er nun erstmals mehr Vertrauen in das Aufnahmevermögen der Zuschauer zu setzen. Robin Williams spielt ungewöhnlich konzentriert und beherrscht.

So gelingt ihm das leise Porträt eines transparenten Mannes, der nie wirklich wahrgenommen wird. In der abgründigen Charakterstudie erweist er sich als nice guy mit unerwartetem Gewaltpotenzial. Dabei macht er die Figur - zwischen verletzter Freundlichkeit und bedrohlichem Voyeurismus - so glaubwürdig, dass der Zuschauer letztlich selbst entscheiden muss, ob Sy ein gefährlicher Psychopath ist oder doch nur ein Verlierer.

Filme aus der „blauen Periode“

„One Hour Photo“ war der große Gewinner beim Festival des amerikanischen Films in Deauville. Neben dem Jurypreis und dem Preis der Leser der französischen Filmzeitschrift „Premiere“ gewann er auch den begehrten Publikumspreis. Robin Williams scheint also in düsteren Rollen zu gefallen. In Deauville war er gleich in einem zweiten Thriller zu sehen: In „Insomnia“, in Deutschland im vergangenen Oktober in die Kinos gekommen, spielt er an der Seite von Al Pacino einen Frauenmörder. Und auch in „Death to Smoocey“, der voraussichtlich noch in diesem Jahr in die deutschen Kinos kommt, trägt er sich mit Mordgedanken.

Ob dieser Wechsel hin zu finsteren Rollen von Dauer sein wird, bleibt fraglich. Robin Williams vergleicht seine letzten drei Filme gern mit Picassos blauer Periode. Der allerdings, so Williams, auch bald wieder eine orangefarbene Periode folgen würde.



Text: @klin
Bildmaterial: faz.net

 
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