08. Juli 2009 Damals, vor knapp drei Jahren, als Sacha Baron Cohens Film Borat herauskam, dieser Versuch, den Wahnsinnspegel der westlichen Welt zu messen, damals gab der polnische Präsident einer englischen Zeitung ein Interview, in welchem er seine tiefe Sorge formulierte, wonach schwule Aktivisten, Paraden, ja jede offen zur Schau gestellte Homosexualität unbedingt abzulehnen sei, weil nämlich unschuldige Jugendliche dadurch zur Homosexualität erst verführt werden könnten. Sehr zu Recht fragten sich die Leser der Times damals, ob vielleicht jemand dem Lech Kaczynski dabei helfen könne, die Tassen zurück in seinen Schrank zu räumen.
Jetzt hat Cohen aber einen Film gedreht, der dem Herrn Kaczynski voll und ganz recht zu geben scheint. Wer den Film gesehen (und sich von ihm rühren und berühren lassen) hat, der sollte an die Adresse all seiner männlichen, hetero- und retrosexuellen Freunde gleich mal folgende Warnung schicken: Jungs, Männer, falls ihr auch für die sinnlichen Reize und Verführungen des Kinos empfänglich seid; falls ihr also zu denen gehört, die nach einem Western, womöglich ohne sich dessen ganz bewusst zu sein, so gehen, wie John Wayne geht, wenn er gerade vom Pferd gestiegen ist; die nach einem Film mit George Clooney dessen Gewinnerlächeln kopieren und nach einem Batman-Film kurz glauben, sie könnten selber fliegen - dann solltet ihr sehr, sehr vorsichtig sein mit Brüno, Cohens neuem Film! Es könnte sonst passieren, dass ihr, wenn ihr, ganz beschwingt und beseelt, aus dem Kino kommt, ein bisschen heftig mit dem Hintern wackelt, ein bisschen zu exaltiert mit den Händen schlackert und insgesamt eine gewisse Tuckigkeit zeigt, von der ihr bislang nicht einmal etwas ahnen wolltet!
So bekannt und so billig
Sacha Baron Cohen, den wir im kollektiven Gedächtnis abgespeichert haben als den schwarzhaarigen, schnurrbärtigen Typen mit den rustikalen Manieren und dem derben Akzent, hat sich die Haare glätten und blondieren lassen, die Lippen mädchenhaft geschminkt und den Mund zu einem Schmollen geformt - als Brüno, der Film, noch ein Gerücht war und Cohen, als Supertuckentravestie, seine ersten Interviews gab und in ultrakurzen Lederhosen oder einem pinkfarbenen Plüschanzug über rosa Teppiche stöckelte, da kam, naturgemäß, der Verdacht auf, dass Brüno mit den Homosexuellen genau das anstellen könnte, was Borat mit den Kasachen getan hat: sie komplett und für lange Zeit lächerlich zu machen.
Und genau so fängt der Film leider an: Brüno hat eine Modesendung im österreichischen Fernsehen, er macht sich wichtig, um, in den gefürchteten Sacha-Baron-Cohen-Interviews, die Wichtigtuer der Branche als Wichtigtuer zu entlarven, und weil das alles so bekannt und so billig ist, möchte man, zum Zeichen des Protests, eigentlich gleich aus dem Kino rennen und, falls der Überziehungskredit dafür reicht, im teuersten Laden der Stadt den teuersten Anzug kaufen.
Melodram und Komödie
Es gibt, im ersten Teil dieses Films, nur eine Sequenz, die ästhetisch und moralisch überzeugend wirkt; das sind die kurzen Szenen, in welchen Brüno erst seinen Liebhaber vorstellt und dann einen Überblick gibt über die liebsten Sexpraktiken des Paars; es sind, natürlich mit großen, schwarzen Balken vor allem, was öffentliche Erregung provozieren könnte, Bilder, die, weil es hier um die sorgfältig abgezirkelte, maschinengestützte, durch und durch rationalisierte Mechanik der Lust geht, an die 120 Tage von Sodom gemahnen - und zugleich denkt man sich: So ungefähr hätte es ausgesehen, wenn das große Slapstickgenie Blake Edwards mit dem Inspektor Clouseau und dessen Faktotum Cato einen schwulen Softporno gedreht hätte (man kann, mit anderen Worten, hier dem Abendland beim Untergehen zusehen, falls man, vor Lachen, dazu kommt).
Dann aber, nach einer unglaublich präzise inszenierten Chaosszene, in welcher fast der gesamte sogenannte Backstagebereich einer Modenschau zerlegt worden ist, verliert Brüno seinen schicken Fernsehjob, bekommt Hausverbot von allen Modefirmen - und flieht um die halbe Welt nach Los Angeles, wo er eine richtige Celebrity werden will. Und was dann folgt, ist uns, als Technik und Verfahren, nur zum Teil aus Borat schon geläufig und insgesamt doch so neu, dass man gar nicht so recht weiß, wie man das Genre nennen soll.
Das fühlt sich, weil man den mädchenhaften Brüno sehr schnell liebgewinnt, er aber sein Brünosein als Schicksal, fast schon als Verhängnis erfahren muss, in manchen Szenen wie ein Melodram an. Es ist zugleich, weil es ja immer eine Freude ist, vom sicheren Kinosessel aus den Dingen beim Schiefgehen zuzusehen, natürlich eine Komödie. Und es ist avancierte Kunst in den Momenten, da das Geschehen außer Kontrolle gerät und keiner, nicht die Zuschauer und auch nicht der Regisseur, mehr so recht weiß, ob, was jetzt kommt, noch im Drehbuch steht. Oder ob hier das Unerwartete und Unerhörte passiert.
Mit zwei Dildos und geöffneter Hose
Einmal, da hat Brüno den Plan, als Friedensstifter im Nahen Osten berühmt zu werden, sitzt der Held an einem Tisch, rechts von ihm ein echter Israeli, links ein echter Palästinenser, und die erste Frage geht ungefähr so: Was Israel eigentlich gegen Hamas habe, das schmecke doch ganz gut. Sie verwechseln Hamas mit Humus. Sagt der Israeli. Humus ist eine Paste, die sehr gut schmeckt. Gesund und vegetarisch, bei Palästinensern wie bei Israelis beliebt. Sagt der Araber.Und plötzlich sind sie sich ganz einig gegen diesen Schwachkopf, der von nichts eine Ahnung hat.
Einmal, da hat Brüno beschlossen, dass er jetzt ein Hetero werden will, befragt der Held einen Karatemeister: Was soll ich tun, wenn ein Homosexueller mich angreift? Leichte Übung, zwei präzise Schläge.
Was, wenn ein Homosexueller mich mit einem Dildo attackiert? Mit zwei Dildos? Mit zwei Dildos und geöffneter Hose? Und der Karatemeister geht geduldig auf all die Fragen ein. Homosexualität ist eine Gefahr, die mit Handkantenschlägen abzuwehren ist.
Einmal, da ist Brüno zur Heterosexualität konvertiert, steht er, als Anheizer, in einem Boxring, brüllt homophobe Parolen ins Mikrofon, erzählt, er sei so straight, dass er die Hintertür seines Hauses zugemauert habe. Und dann ruft einer aus dem Publikum: Ich glaube, du bist eine Schwuchtel. Komm herunter, wenn du es wissen willst.
Der Mann ist Brünos einziger Freund und verflossener Liebhaber, sie prügeln sich, bis beide am Boden liegen. Und dann fangen sie an, einander zu küssen.
Was ist Amerika?
Es ist der Moment, da halten sich die Frauen die Hände vors Gesicht, und Männer mit Bierbäuchen haben Tränen in den Augen, es ist, als hätte der Wechselstrom der Emotionen die Sicherungen durchknallen lassen und einen Kurzschluss ausgelöst; und man sitzt vor der Leinwand und ist gerührt, und auf der Leinwand sieht man Leute, die sind schockiert, überwältigt, fassungslos - und in diesem Moment geht es nicht um Meinung, nicht um Erzählung, nur um Wirkung, es geht um einen Überschuss an Gefühlen, den man, wenn es in diesem Kontext nicht so deplaziert klänge, fast schon kathartisch nennen möchte.
Und in diesem Moment wird, spätestens, auch klar, dass es in Brüno so wenig um Homosexualität geht, wie es in Borat um den real existierenden Staat Kasachstan gegangen ist. Borat war nicht deshalb eine Provokation, weil er Kasache gewesen wäre. Er war eine Provokation, weil er nicht amerikanisch, nicht westlich war, weil er noch nicht einmal wusste, was das sei, Amerika; und weil Amerika von der Antwort auf diese Frage ziemlich überfordert war.
Brüno ist nicht hetero, nicht macho, nicht männlich, und worum es geht, ist nicht etwa, eine Antwort auf die Frage, was männlich sei, zu finden. Sondern nur zu sehen, was passiert, wenn einer wie Brüno, durch seine Praxis, seinen Habitus, die Frage mit dem nötigen Nachdruck stellt. Es passiert, das ist ja das Schöne, eigentlich immer etwas, meistens das Unerwartete, das Unberechnete - weshalb, wer hier auf Entlarvung aus ist, auf Empörung angesichts von Homophobie, Verklemmtheit und Borniertheit, eigentlich auch im falschen Kino sitzt.
Die Ein-Mann-Freiheitsbewegung
Es geht um die Schönheit des Moments und die Wahrheit, welche nur ein Witz ans Licht befördern kann. Es geht um das, was Karl Heinz Bohrer (selbstverständlich in hochkulturell wesentlich besser abgesicherten Zusammenhängen) gern Emergenz, gar Epiphanie nennt, es geht um das, was eigentlich immer das Wesen des Kinos war: dass, wenn die Kamera erst einmal läuft, die Dinge und die Menschen ihren Eigensinn entfalten und immer etwas anderes und meistens mehr geschieht als das, was Autor und Regisseur sich so ausgedacht haben. Als Lauren Bacall fragte Have a match?, stand nicht im Drehbuch, dass sie sich in Bogart verlieben würde. Und doch bringt das erst den Film To Have and Have Not zum Glühen.
Insofern ist die Klappe, die, wenn Ton und Kamera laufen, geschlagen wird, ein Freiheitssignal - das aber im teuren Mainstreamkino immer weniger bedeutet, weil, einerseits, die gigantischen Budgets zur totalen Kontrolle zwingen und weil, andererseits, die computergenerierten Bilder nur genau das zeigen, was vorher programmiert worden ist.
In dieser Welt ist Sacha Baron Cohen einer der letzten wahren Künstler und eine Ein-Mann-Freiheitsbewegung. Er lässt erst die Kameras laufen und dann die Dinge geschehen. Die seltsamsten, die verrücktesten, die wahrsten und allerunwahrscheinlichsten Dinge.
Es ist eine Schweinerei, ein Abgrund, ein Vergnügen. Ein Glück.
Von Donnerstag an im Kino
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp