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Das blässliche Böse: „Ein Quantum Trost“

Von Peter Körte

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02. November 2008 Ob einer zum Helden wird oder nicht, das hängt weniger von ihm selber ab, als vom Schurken, denn es gehört zu den eisernen Gesetzen nicht nur des Kinos, dass der Schurke einen Mann zum Helden machen kann, dass es umgekehrt aber nicht funktioniert. Ob einer es im Kino zum erfolgreichen Action- oder Superhelden bringt, das hängt natürlich auch von der Qualität seines Widersachers ab - aber weit mehr noch von der Konkurrenz der Helden, gegen die er sich vor den Augen des Publikums behaupten muss.

Als James Bond Anfang der sechziger Jahre zum Himmel der Kinohelden aufstieg, war es eher einsam um ihn, und über die Jahre hat er in Gestalt von Sean Connery so hart an seinem Alleinstellungsmerkmal gearbeitet, dass andere Superhelden ziemlich blass gegen ihn wirkten. Doch als Sean Connery abtrat und - schweigen wir von George Lazenby - von Roger Moore beerbt wurde, also um die Mitte der siebziger Jahre, da wurde die Luft schon dünner, weil der Brite neben Dirty Harry sehr versnobt und wenig zupackend wirkte und weil die Zahl der Bondgirls im Angesicht des alternden Agenten ziemlich unglaubhaft erschien.

Zunehmende Konkurrenz für den Actionhelden

Während Moores langer, viel zu langer Amtszeit, die erst 1985 zu Ende ging, drängten nach und nach andere Heroen ins Geschäft - und verdrängten den Agenten Ihrer Majestät. Neben dem Rocky-Rambo Sylvester Stallone, neben Harrison Ford als Indiana Jones oder Mel Gibson als Mad Max machte Moores Bond keine besonders eindrucksvolle Figur, und auch sein Nachfolger Timothy Dalton musste sich nicht nur gegen das Leitfossil dieser Action-Ära, Arnold Schwarzenegger, behaupten, sondern auch die hemdsärmlige Dynamik von Bruce Willis aushalten.

Und weil sich mit der Welt auch die Welt des Kinos veränderte, musste sich auch Bond verändern, nur zögerlich allerdings, weil sein Image durch das Broccoli-Imperium, welches die Lizenz an der Kunstfigur besitzt, scharf kontrolliert wird; einfach war es auch nicht für Pierce Brosnan, gegen die wachsende Zahl von Comic-Supermännern mit übernatürlichen Kräften anzutreten. Was Bond ausmachte, die Macho-Attitüde und die entschlossene Weltenrettergeste, das konnten andere auch, und im Geheimdienstmilieu gab es seit dem Ende des Kalten Krieges ein gewisses Schurkenvakuum, zumindest eine Unsicherheit, das Böse in der Welt zweifelsfrei zu identifizieren; Bond einfach in den Kampf gegen den islamistischen Terror zu schicken, das kam aus politischen Gründen auch nicht in Frage.

Annäherungsstrategien

Das Broccoli-Imperium setzte auf Wandel durch Annäherung an andere Helden, wobei die Bond-Serie allerdings das Pech hatte, genau darin übertrumpft zu werden, worin sie im Actiongenre Pionierarbeit geleistet hatte: in der Choreographie halsbrecherischer Stunts und im Einsatz von immer aufwendigeren Spezialeffekten.

Erst mit Daniel Craig als neuem Bond wurde das Ruder herumgerissen. Craig war Arbeiterklasse, trotz gutsitzender Anzüge, trotz Parkettsicherheit in Casino und Luxushotel, er war ein Aufsteiger mit massivem Oberkörper, austrainiert und so gefährlich, dass er ebenso gut auch der Repräsentant des Bösen hätte sein können.

Weniger Martini, mehr Plot

Innere Dämonen plagten auf einmal den sonst ungerührten 007, und das war, wenn man die tiefe Identitätskrise der Figur betrachtet, gutes Krisenmanagement, denn es muss ja immer wieder die Frage neu beantwortet werden, was Bond tun kann, ohne aufzuhören, Bond zu sein. Zu viel Bond hatte die Kunstfigur allmählich der Lächerlichkeit preisgegeben, seine Luftnummern waren ins Zirzensische abgerutscht, und sein Begleitpersonal wie Q oder Miss Moneypenny war längst reif fürs Seniorenheim.

„Casino Royale“, der vor zwei Jahren auf einmal so viele nostalgisch werden ließ, war der Versuch, das Image zu retten, nach der Maxime aus dem „Leoparden“: „Wenn alles beim Alten bleiben soll, muss alles sich ändern.“ Ohne Moneypenny und Q's angestaubte Technikspielereien, mit weniger Martini, mehr Plot und mehr physischer Präsenz.

Kein Ersatz für Eva Green

Doch wenn man sich Jason Bourne ansieht, der zwischen 2002 und 2007 die Parameter im Agenten-Hightech-Kino definiert hat, oder auch Will Smith, war die Transformation der Bond-Figur keine leichte Aufgabe. Immerhin war „Casino Royale“ so erfolgreich, dass er die Bond-Macher bestärkt hat, dort weiterzumachen in dem neuen Film, der den etwas seltsamen Titel „Ein Quantum Trost“ trägt (nach einer Kurzgeschichte des Bond-Erfinders Ian Fleming) und gewissermaßen eine Stunde später einsetzt als „Casino Royale“ - was auch nicht gerade neu ist, da sich der Anfang des „Bourne Ultimatums“ zum Ende der „Bourne Verschwörung“ genauso verhält.

Da ist zunächst das übliche Imponiergehabe: Verfolgungsjagd am Gardasee und in den Marmorbrüchen von Carrara, der Palio, das jährliche Pferderennen in Siena, ein bisschen London und etwas mehr Haiti, die Seebühne in Bregenz, die weitgehend unbekannte chilenische Wüste, die als bolivianisch verkauft wird, und ein Finale in Russland. Bond hat auch ein persönliches Motiv: Rache für Vesper Lynd, die ihn in „Casino Royale“ erst verriet und sich dann für ihn opferte. Und da beginnt der Film schon zu schwächeln, weil Eva Greens Vesper kein Pendant findet in diesem Film, weil Olga Kurylenkos Camille in all ihrer aparten Ambivalenz nicht wirklich zum neuen Bondgirl wird.

Das Böse wirkt blässlich

Mathieu Amalric (der so phantastisch war in „Schmetterling und Taucherglocke“) ist sicher einer der besten Schauspieler in der langen Galerie der Schurkendarsteller - aber er hat sehr wenig darzustellen als Öko-Schurke, der unter dem Decknamen „Greene Planet“ Geld sammelt und sich als Mittler betätigt, der einem Junta-General zum Comeback verhelfen will. So ist man zwar den Anachronismus des Möchtegern-Weltenherrschers losgeworden - aber um den Preis, dass das Böse blässlich wirkt. Der Spleen des Schurken ist eher Kalkül als Größenwahn, und komplementär dazu ist die Britishness des Helden verdampft, der zwischen zwei Drinks die Welt rettete.

Wie sehr man den charmanten Wahnwitz gedrosselt hat, das lässt sich gut an zwei Szenen sehen. Wenn Bond mit Camille gegen Ende des Films im Morgengrauen durch die Wüste geht, der Anzug verstaubt, die Frau im Abendkleid und barfuß, als kämen sie von einer sehr langen, sehr wilden Party, dann erkennt man kurz die Umrisse dessen, was Bond einmal ausmachte; wogegen die Tatsache, dass der Schurke die Herrschaft über das Wasser will und man deshalb kurz einen Staudamm sieht, in der Kausalität der Bond-Welt nach mindestens einer Sintflut als Action-Sequenz verlangte - die dann leider ausbleibt zugunsten eines nicht schlechten, aber alles andere als überragenden Showdowns.

Lieber der Kopf als die Welt

Fast könnte man da denken, das Geld habe nicht ganz gereicht, auch weil der Film mit 105 Minuten das kürzeste aller Bond-Abenteuer ist. Außerdem hat der Schweizer Regisseur Marc Forster, 38, bei den Actionsequenzen am Schneidetisch nicht die Übersicht behalten. Die anfängliche Verfolgungsjagd leidet in ihrer hohen Schnittfrequenz an perspektivischen Ungenauigkeiten, was dann auch die präziser choreographierten Flugzeug- und Bootverfolgungsjagden nicht wirklich wettmachen können. So bleibt der Eindruck, als sei der Bond-Serie ihr Kapital ausgegangen, die Schauwerte, und das Versprechen Forsters, statt um die Welt lieber in den Kopf der Kunstfigur zu reisen, klingt ein wenig prätentiös, auch wenn ein (gerne von Clint Eastwood beschäftigter und für seinen Film „L. A. Crash“ mit einem Oscar belohnter) Drehbuchautor wie Paul Haggis mehr erhoffen ließ.

Mag der Testosteronspiegel auch noch keinen Anlass zur Sorge geben, mag Bond sein Miles-and-more-Konto weiter füllen und Daniel Craig ihm dabei eine jederzeit respektable Gestalt leihen - der Mann steckt auch weiterhin in einer tiefen Identitätskrise, welcher „Casino Royale“ nur dadurch auswich, dass er einfach davon erzählte, wie Bond zu Bond wurde.

Jetzt muss er sein, der er ist, doch im Jahre 2008 ist das nur ein Actionheld wie jeder andere, und „Ein Quantum Trost“ ist ein ordentlicher Actionfilm ohne jeden Mehrwert. „Ich brauche Sie wieder“, sagt M (Judi Dench) zu ihrem irrläufernden Agenten im letzten Dialog des Films. „Ich war nie weg“, erwidert Bond lakonisch. Vielleicht liegt genau darin das Problem.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Sony

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