Video-Filmkritiken

Kino

Unaufdringlich, aber nah: Vanessa Jopps „Komm näher“

Von Andreas Kilb

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Film-Kritik: Fritz Roth in „Komm näher”

16. März 2006 Der Ausbruch aus der Fiktion ist zur Zeit die größte Versuchung des Kinos. Es gibt, nicht nur als Reaktion auf die epidemische Ausbreitung digitaler Effekte, bei vielen Regisseuren ein Bedürfnis, die Oberfläche der Geschichten durch Splitter von Wirklichkeit aufzurauhen, Interviews, Reportagebilder, Archivmaterial. Es gibt aber auch Filme, die in die Realität eintauchen, ohne dem Fiktiven sein Recht zu nehmen. Sie machen klassisches Kino, aber mit einer Direktheit, die es im klassischen Kino nicht gibt. Sie betreiben die schwierige Kunst des scheinbar Kunstlosen.

Vanessa Jopp hat einen solchen Film gedreht. Einen Großstadtfilm, der in drei Episoden nach dem Wert von Liebe und Freundschaft in der Metropole fragt, nach den Chancen des einzelnen im großen Gemenge. Hektisch, grobkörnig, impulsiv ist „Komm näher“ geworden. Die Regisseurin hat ihn auf Mini-DV gedreht. Eine Entscheidung mit Folgen: für die Figuren, die Bewegungen, das Licht.

Schöne Spannung zwischen Disziplin und Freiheit

Die einzelnen Episoden sind ineinander verflochten: Mathilda (Meret Becker), die sich in einen Polizisten verliebt, ist die Schwester von Ali (Stefanie Stappenbeck), die mit David (Marek Harloff) ein Kind hat, aber in ihrem Beruf als Architektin weitermachen will, was zur Krise führt. Und als David von zu Hause ausbricht, steigt er ins Taxi von Andi, der über eine Kontaktanzeige die scheue Johanna kennengelernt hat, mit deren Tochter er unwissentlich einen Telefonflirt unterhält. Das klingt umständlich, forciert, aber der Film macht es ganz zwanglos plausibel, er schickt seine Protagonisten durch ein winterliches Berlin, in dem der Zufall wie von selbst die Fäden knüpft.

Eine Wurstbude, eine Polizeistation, Küchen, Kneipen, Alt- und Neubauwohnungen, das sind die Schauplätze in „Komm näher“, und am Ende hat der Film mindestens ebensoviel von der Stadt erzählt wie von seinen traurigen Helden, die immer wieder über ihre eigenen Füße stolpern beim Versuch, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Ursprünglich sollte es nur um Einsamkeit und Sex gehen, erzählt Vanessa Jopp, aber dann hätten sich die Figuren selbständig gemacht, erst in einem zweiten Arbeitsschritt entstand das Drehbuch, am Set wurden die meisten Szenen von den Schauspielern improvisiert. „Komm näher“ ist dennoch kein Dogma-Film, seine Struktur und sein Rhythmus verraten ein hohes Formbewußtsein, und in dieser Spannung zwischen Disziplin und Freiheit liegt seine besondere Qualität. Er kommt uns nah, aber er drängt sich nicht auf.



Text: F.A.Z., 16.02.2006, Nr. 40 / Seite 43

 
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