Video-Filmkritiken

Kino

Schock und Staunen: De Palmas „Femme fatale“

Von Peter Körte

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Film-Kritik: Rebecca Romijn-Stamos in "Femme Fatale"

26. März 2003 "Vorsicht, Spoiler", steht inzwischen häufig vor Filmkritiken im Internet, weil mancher Fan unbedingt die besten Gags oder die größten Überraschungen eines Films ausplaudern muß. Meist sind diese Spoiler jedoch keine bösartigen Spielverderber; sie sind nahezu unausweichlich, wenn man einen Film angemessen beschreiben will.

Im übrigen erschöpft sich ein Film, der etwas taugt, nun mal nicht in seinem Plot, erst recht nicht, wenn der Regisseur Brian De Palma heißt. In "Snake Eyes" (1998) ließ er die sechzehnminütige Eingangssequenz anschließend wie ein Kartenhaus einstürzen, indem er während des übrigen Films demonstrierte, das alles, was wir gesehen hatten, nur eine schöne Lüge war. In seinem neuen Film "Femme fatale" ergeht es einem nur unwesentlich besser. Auch hier wird alles gezeigt, ohne daß man deshalb gleich alles begriffe.

Triumphale Wiederkehr

Es ist Brian De Palmas 24. Film, und wie ein Wasserzeichen hat er all seine Tricks und Faibles eingearbeitet. Schon der Titel ist Programm, weil auch De Palma an Truffauts Satz glaubt, daß Regieführen heißt, mit schönen Frauen schöne (und auch weniger schöne) Dinge zu tun.

"Femme fatale" ist der europäisch finanzierte Film eines amerikanischen Regisseurs, dessen Karriere im Zickzack zwischen Hits und Flops verlaufen ist. Damals in den siebziger Jahren, als New Hollywood an seine große Zukunft glaubte, da war Brian De Palma einer, der die Schlagzahl bestimmen und etwas riskieren, der populäre Filme machen wollte, die genauso intelligent und kunstvoll sein sollten wie die Filme der Europäer, die man zu dieser Zeit in Amerika bewunderte. Und wenn man sich den gewundenen Weg ansieht, mit Erfolgen wie "Scarface", "The Untouchables" oder "Mission: Impossible", mit Flops wie "Fegefeuer der Eitelkeiten", "Carlitos Way" oder zuletzt "Mission to Mars", dann ist "Femme fatale" so etwas wie eine triumphale Wiederkehr des 62jährigen.

Verführung und Diebstahl

"Femme fatale" spielt in Cannes und Paris, und der Auftakt an der Côte d'Azur gehört zum Amüsantesten, was man seit langem gesehen hat. Das Filmfestival wird zur Kulisse eines großen Juwelenraubs. Ein Model (Rie Rasmussen), dem ein Stoffetzen um die Hüften den Rock ersetzt, trägt die Beutestücke am Körper, eingelassen in eine goldene Schlange, die sich um ihren ansonsten nackten Oberkörper windet.

Die Schöne wird von der schönen Diebin auf die Damentoilette gelockt, und während im Saal der Film läuft, inszeniert De Palma die Gleichzeitigkeit von Verführung und Diebstahl als eine ebenso ironische wie erotische Männerphantasie. Fast ohne Dialog läßt er die gutgeölte Mechanik des Überfalls ablaufen, bei dem natürlich doch etwas schiefgeht. Im Rhythmus von Ravels "Bolero" wird der Coup zur perfekten Travestie, die Trash in Chic verwandelt und jederzeit durchschimmern läßt, daß sie dabei mit Bildern von Bildern spielt.

Das erste Bild des Films stammt aus Billy Wilders "Frau ohne Gewissen", in dem Barbara Stanwyck die archetypische Femme fatale war, und in Stanwycks Bild auf dem Fernsehschirm spiegelt sich das der schönen Diebin Laure (Rebecca Romijn-Stamos), die De Palma so fotografiert und inszeniert hat, als sei sie gerade einem Fotoband von Helmut Newton entstiegen. Rebecca Romijn-Stamos mag keine große Schauspielerin sein und es auch nicht mehr werden - als Verkörperung eines Archetyps ist sie eine ideale Besetzung.

Lockruf ins Verderben

Diese Ouvertüre ist so ungefähr das einzige, dem man trauen darf, weil danach die Bilder nie sind, was sie zu bedeuten scheinen und doch ihre eigene Wahrheit haben. De Palma hat für diesen schillernden Zustand eine perfekte visuelle Metapher gefunden. Genauer gesagt: Er hat sie geklaut, aus den Fotocollagen, die David Hockney in den achtziger Jahren anfertigte. Ein Bild aus zahllosen Fotografien, die einander überlappen. Ein Patchwork, komplett und doch fragmentiert, wie eine Aufnahme, die man zerschnitten hat, um beim Zusammensetzen festzustellen, daß ein paar Teile verlorengegangen sind.

In "Femme fatale" montiert sich der Fotograf (Antonio Banderas) aus lauter Fotografien ein riesiges Wandbild des Pariser Platzes, auf den er von seinem Balkon aus blickt. Weil er nicht weiß, warum er ausgerechnet eine geheimnisvolle Frau mit schwarzer Perücke fotografiert hat, werden ihm erst seine Bilder zum Rätsel - und dann die Frau selbst.

Er nimmt ihre Spur auf, und sie verwandelt sich vor seinen Augen in eine klassische Hitchcock-Blondine. Sie narrt und verführt ihn, sie lockt ihn ins Verderben, indem sie ihn zum Komplizen macht, sie läßt ihn zappeln - weil er kein Protagonist, kein selbständig Handelnder ist, sondern nur eine Figur in ihrem Traum, den sie in einer Badewanne träumt. So schlüpft auch die schöne Diebin in eine andere Identität hinein, im Traum - aber auch in jenem Zustand, den man mangels präziserer Begriffe nur als die Realität des Films bezeichnen kann.

Aber ist es überhaupt ein Traum, den Laure träumt? Ist es nicht ein Traum in einem Traum? De Palma möchte nicht so gerne darüber reden. "Es ist doch alles ganz klar", sagt er im Telefongespräch grimmig. Das ist beruhigend, so beruhigend wie das "Déjà-vu", das man mehrfach auf Pariser Litfaßsäulen liest. Doch wie kommt es, daß Laure sich als Frau des amerikanischen Botschafters träumt und sich dabei zugleich in einem Café in Paris sitzen sieht, wo sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht eingetroffen sein kann?

Und ist nicht der zur Collage bekehrte Ex-Paparazzo, den Antonio Banderas ohne alle Allüren spielt, ein Verwandter von uns, die wir im Kino sitzen und uns ebenso wie er einen Reim auf die Bilder zu machen versuchen? Natürlich will Brian De Palma von solchen Deutungen nichts wissen; wenn er davon wüßte, wäre er nicht der brillante Regisseur und Autor, der er ist.

Déja vu

Lieber bleibt er der Erzähler, der seine Geschichte zugleich intelligent, sexy, witzig, unterhaltsam und raffiniert erzählt, obwohl sie, gemessen an den üblichen Plotbauvorschriften, gar keine richtige Geschichte ist, sondern mit den Schnittmustern von lauter Geschichten experimentiert. Es gibt die losen Enden, die surrealen Motive wie das Aquarium, das ständig überläuft und doch nie ausläuft; es gibt die mutwilligen Sprünge, wenn ein Zwischentitel verkündet: "Sieben Jahre später" und weder die Welt noch die Figuren sich in irgendeiner Weise geändert haben; und es gibt die spielerischen Täuschungsmanöver, die den Zuschauer nur hinters Licht führen, um ihm eines aufzustecken.

So ist das Kino, wie es Brian De Palma versteht, noch immer das verläßlichste Mittel, von der Unzuverlässigkeit der Bilder zu erzählen, die eine Realität getreulich dokumentieren sollen. De Palma weiß, daß Sehen und Wissen nicht dasselbe sind und daß der alte Hollywood-Satz "Seeing is Believing" schon immer eine fromme Lüge war. Am Ende laufen sich der Nicolas, der Fotograf, und Laure, die Femme fatale, zufällig in die Arme. "Habe ich Sie nicht schon mal gesehen?" fragt er. "Vielleicht in einem Traum", antwortet sie. Das sind die letzten Worte des Films, und das Bistro, vor dem die beiden stehen, heißt "Le Paradis".



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2003, Seite 25

 
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