Von Andreas Kilb
23. Juli 2003 So fängt es an: Die Kamera gleitet durch einen Garten zum Eingang eines ländlichen Herrenhauses, durchquert die Vorhalle, saugt sich am Treppengeländer hinauf in den ersten Stock, fährt in einen dunklen Gang und blickt in das erste Zimmer auf der rechten Seite. Darin sitzt eine junge Frau auf dem Boden mit angezogenen Knien. Ein Grammophon spielt ein altes Chanson: "Un souvenir, c'est l'image d'un reve, / une heure trop breve qui ne veut pas finir . . .". Im nächsten Zimmer liegt die Leiche des Hausherrn. Seine linke Hand ist in die Tagesdecke des Ehebetts gekrallt, an seiner Schläfe glänzt ein blutiges Einschußloch - Frankreich im Jahr 1944.
Und so hört es auf: Zwei Frauen, eine alte und eine junge, schleppen den Leichnam des Hausherrn die Treppenstufen des Hauses hinauf. Ein Telefon klingelt. Die ältere Frau läßt die Leiche los, und der Tote rutscht ein paar Stufen zurück nach unten. Die Frauen lachen. Dann tragen sie den Hausherrn in sein Schlafzimmer. Ein Blutfaden läuft aus seinem Mund. Die Greisin verkrallt seine Hände in die Tagesdecke des Bettes. Die junge Frau setzt sich im Nebenzimmer auf den Boden und zieht die Knie an - Frankreich im Jahr 2002.
Dreiundfünfzig Filme
Wenn man alt wird, entdeckt man, daß die Dinge des Lebens sich wiederholen. Claude Chabrol ist dreiundsiebzig. Die Zahl der Filme, die er in den vergangenen viereinhalb Jahrzehnten gedreht hat, läßt sich nur annähernd bestimmen. Zählt man die Kurzfilme "Die Habsucht" (aus dem Episodenfilm "Die sieben Todsünden") und "Die Stumme" sowie den Dokumentarfilm "Das Auge von Vichy" mit, sind es dreiundfünfzig. Das ist mehr als ein Werk. Es ist ein Gebäude, eine Kinokathedrale. Und so wie eine Kathedrale auf ihren Pfeilern ruht, ruhen auch Chabrols Filme auf wenigen Motiven, die in immer neuen Verwandlungen wiederkehren. Habsucht. Lüge. Eifersucht. Wollust. Neid. Die sieben Todsünden eben. Und weil die Sünde allgegenwärtig ist, spielen Chabrols Geschichten überall in Frankreich, bevorzugt aber im Bürgertum und auf dem Land. Schon sein Kinodebüt "Le Beau Serge" von 1958 ist eine ländliche Familiengeschichte. "Die Enttäuschten" hieß der Film auf deutsch. So könnte auch Chabrols neuer Spielfilm heißen. Aber er heißt "Die Blume des Bösen". Wer ist die Blume?
Als Francois Vasseur (Benoit Magimel) nach vierjährigem Studienaufenthalt in Amerika in sein Elternhaus in einer Kleinstadt bei Bordeaux zurückkommt, erkennt er seine Stiefschwester Michele Charpin (Melanie Doutey) nicht sofort. Michele ist eine schöne und selbständige Frau geworden, während Francois trotz aller amerikanischen Erfahrungen der großbürgerliche Sohn des Hauses geblieben ist, grüblerisch wie Hamlet, ehrgeizig wie Rastignac. Sein Geschenk an sie: ein Baseballschläger. Ihr Geschenk an ihn: sie selbst. Michele hat sich für Francois aufbewahrt, und kaum daß die Koffer ausgepackt, die Kleider verstaut, die Honneurs gemacht sind, fahren die beiden ins Sommerhaus der Familie am Atlantik, um ein Liebespaar zu werden.
Wo steckt das Böse?
Aber vorher gibt es, wie oft bei Chabrol, ein Essen. Zwischen Aperitif und Hauptgang wird der Rest der Familie vorgestellt: Francois' Vater Gerard (Bernard Le Coq), ein reicher Apotheker und zynischer Schürzenjäger, seine Stiefmutter Anne Charpin-Vasseur (Nathalie Baye), die für das Bürgermeisteramt kandidiert, und die Großtante Line (Suzanne Flon), die über den Haushalt wacht. Nicht sonderlich sympathische Leute, aber auch längst nicht die Atridenbrut, die man erwartet hätte. Und doch haben wir am Anfang einen Mord gesehen. Wo also steckt das Böse?
Die Meisterschaft eines Regisseurs erkennt man an den szenischen Lösungen, die er für sattsam bekannte Erzählmotive findet. Neunundneunzig von hundert Filmemachern hätten die Enthüllung des Familiengeheimnisses der Charpin-Vasseur am Eßtisch inszeniert. Chabrol verlegt sie in einen luxuriösen Wintergarten, zwischen üppige Palmen und Kakteen und die Gitterstäbe eines mannshohen Papageienkäfigs. Hier erscheint Annes Wahlhelfer Matthieu (Thomas Chabrol) mit einem anonymen Flugblatt, das eine furchtbare Räuberpistole über die familiären Verhältnisse der Kandidatin erzählt. Wie sich zeigt, ist kein Wort davon unwahr. Annes erster Ehemann ist tatsächlich bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen, zusammen mit der Frau seines Bruders Gerard, den Anne daraufhin heiratete; und auch ihre Eltern starben bei einem Unfall. Und ihr Großvater Pierre Charpin, ein hoher Funktionär des Vichy-Regimes, wurde, so munkelt man, von seiner eigenen Tochter erschossen, nachdem er seinen Sohn, einen Kämpfer der Resistance, an die Behörden verraten hatte. Die Tochter aber wurde vor Gericht freigesprochen. Es ist Tante Line.
Zauberische Einstellung
In "Die Blume des Bösen" ist, wie in den Krimis von Simenon, an dessen Produktivität Chabrol nicht ganz heranreicht, alles eine Frage des Arrangements. Der Kamerablick durch den Papageienkäfig auf Michele und ihre Tante ersetzt jeden kommentierenden Dialog. Und die kleine zauberische Einstellung von Francois und Michele am Strand des Ferienhauses, die Chabrol mit "amerikanischer Nacht", also mit abgeblendetem Tageslicht gedreht hat, erspart uns das Lakengewühl der Liebesnacht. So haben sich auch die Familien Charpin und Vasseur, die seit drei Generationen untereinander heiraten, mit den Unzulänglichkeiten der menschlichen Natur arrangiert. Sie sind absolute Routiniers im Vertuschen ihrer Skandale. Nur Tante Line, von Suzanne Flon mit graziöser Unerbittlichkeit verkörpert, hat sich nicht arrangiert. Am hellen Mittag, wenn die Vernunft schläft, hört sie die Stimmen der Vergangenheit. "Die Zeit existiert nicht", murmelt sie einmal vor sich hin. Das kann nur ein alter Mensch sagen, für den sich alles wiederholt. Es ist die tiefere Wahrheit dieses Films.
Es gibt eine dramaturgische Sicherheit, eine erzählerische Präzision in "Die Blume des Bösen", die beinahe zu selbstgewiß und altmeisterlich wirkt. Der Film beschreibt nicht nur familiäre Versteinerungen, er läßt sich auch von ihnen anstecken, und so wirken manche seiner Bosheiten harmloser, als es sonst bei Chabrol der Fall ist. Dazu kommt, daß die Geschichte kein eigentliches Zentrum hat, daß sie selbst nur ein Gitterwerk ist, in dem sich die Schicksale der Generationen verfangen. So können weder Nathalie Baye noch der quecksilbrige Benoit Magimel ihren Part ganz ausspielen, und auch Chabrols Neuentdeckung Melanie Doutey läuft eher blühend als glühend durch diesen Film.
Aber solche Einwände spielen auf einem Niveau, das die Mehrzahl der europäischen Regisseure überhaupt erst erreichen müßte. "Die Blume des Bösen" ist nicht Chabrols bester Film, aber Chabrol bleibt der beste Regisseur für einen Film wie diesen. So tief wie er kann kein anderer ins böse Herz des Bürgers schauen. "Scheinheiliger Leser! Mein Ebenbild! Mein Bruder!" So sprach vor hundertfünfzig Jahren ein junger Dichter im Vorwort seines ersten Lyrikbandes sein Publikum an. Das Buch, in dem Schuld, Inzest, Vatermord und Schwesternliebe keine geringe Rolle spielen, hieß "Die Blumen des Bösen". Claude Chabrol hat jetzt seine Blume zu Baudelaires Strauß dazugesteckt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. Juli 2003