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Geld oder Liebe: „Jerichow“

Von Verena Lueken

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08. Januar 2009 Bevor wir das erste Bild vor Augen haben, hören wir die Totenglocken. Sie läuten, solange die Liste mit den Namen der Beteiligten läuft, gerade so, als sähen wir das Ende und den Abspann, nicht den Anfang und den Vorspann eines Films. Und tatsächlich beginnt Christian Petzolds „Jerichow“ mit dem Ende einer Geschichte. Nach der Beerdigung seiner Mutter wird Thomas (Benno Fürmann) von seinem alten Freund Leon (André Hennicke) abgeholt, dem er Geld schuldet und der einen Schläger mitgebracht hat, es einzutreiben.

Sie fahren zu dem Haus, das Thomas von seiner Mutter geerbt hat, einem baufälligen Gebäude am Friedrich-Engels-Damm 1, irgendwo im Nirgendwo der Prignitz. Er habe kein Geld, behauptet Thomas erst, doch Leon findet das Versteck mit einem Packen Banknoten, und sein Begleiter zieht Thomas den Totschläger über den Kopf. Nach einem Anfang wie einem Ende ist die Geschichte nach fünf Minuten eigentlich schon wieder vorbei.

Die zweite Chance

Doch Thomas bekommt eine zweite Chance. Er erwacht, und es beginnt eine neue Geschichte. Und zwar eine, die wir im Kino schon mindestens viermal mit so unterschiedlichen Darstellern wie Michel Simon, John Garfield oder Jack Nicholson, Clara Calamari, Lana Turner und Jessica Lange gesehen haben, eine Geschichte, die es als Oper gibt und als Theaterstück und als allererstes und Quelle von alldem natürlich als Roman. James M. Cain hat ihn 1934 unter dem Titel „The Postman Always Rings Twice“ veröffentlicht, und wenn die Filme, die Pierre Chenal, Tay Garnett, Luchino Visconti und Bob Rafelson daraus gemacht haben, etwas miteinander verbindet, so ist es die hitzige Begierde, die die Aussicht auf viel Geld den Figuren durch die Adern jagt.

Christian Petzold, der sein eigenes Drehbuch geschrieben hat, bezieht sich nicht direkt auf Cain, aber mindestens einmal (in einer hastigen Sexszene im Flur) direkt auf Rafelson. Und das Einzige, was wir bei ihm nicht sehen, ist die Leidenschaft. In der Geschichte vom jungen Mann, der einer schönen Frau den älteren Ehemann töten will, um mit ihr gemeinsam dessen Reichtum zu genießen (was in keinem der Fälle klappt), war sie immer Teil der Gier. Nicht bei Petzold. In seinem spröden Kino, das einsame Figuren in leeren Landschaften plaziert, bleiben Körper ohne Sinnlichkeit. Alles ist kontrolliert, die Schönheit wie die Gewalt - Petzolds formale Strenge ist auch hier wieder faszinierend. Wären da nicht die Darsteller, die bei Petzold immer besser sind als bei anderen Regisseuren, sähen wir überhaupt kein Leben. Und tatsächlich stehen die Menschen innerlich mit einem Bein im Grab. Das Geld spielt in jeder Szene mit, aber es befeuert die Figuren nicht. Es stürzt sie einfach nur ins Unglück. Es zerstört, was sein könnte, und das, was war.

Verlorenheit, die nie sentimental wird

Zunächst einmal kettet es Laura (Nina Hoss) an Ali (Hilmi Sözer), die schöne, große, blonde Frau an den dicklichen älteren Mann türkischer Abstammung, der in der Prignitz mit dem Betrieb von Imbissbuden reich geworden ist. Hilmi Sözer gibt ihm eine Verlorenheit, die nie sentimental wird, und eine selbstverständliche Besitzerattitüde, was seine Läden und seine Frau angeht. Einmal erzählt Laura, dass sie im Gefängnis saß und dass Ali, als sie heirateten, ihre mehr als hunderttausend Euro Schulden übernommen habe. Und dass diese wieder an sie zurückfallen würden, falls sie ihn verließe. Da hat sie ihn gerade betrogen und spricht zu dem Mann, mit dem sie hofft, Ali loszuwerden.

Das ist Thomas. Er trifft Ali, als dieser mit zu viel Alkohol im Blut seinen Wagen in der Nähe von Thomas' Haus in den Fluss lenkt. Er hilft Ali, fährt ihn nach Hause, und wenige Tage später, als Ali dann doch seinen Führerschein verliert, stellt Ali ihn an, um Waren zu seinen Imbissbuden auszufahren. Thomas ist ein schweigsamer Mann, er war als Soldat in Afghanistan, wurde unehrenhaft entlassen, und er hat einen soldatischen Körper, prall trainiert, der in der physischen Präsenz, die Benno Fürmann ihm gibt, kaum Regungen erkennen lässt. Als sein Blick zum ersten Mal auf Laura fällt, wissen wir, wie die Geschichte enden wird.

Leidenschaft nicht spürbar

Doch das, was Petzold uns erzählt, ist dann eben nicht die Geschichte zwischen Laura und Thomas, oder nur am Rande. Und insofern ist es ganz in Ordnung, dass die große Leidenschaft, die hinter ihren Mordplänen stehen soll, eigentlich nicht spürbar ist. Was wir sehen und spüren können, ist vielmehr das, was sich zwischen Thomas und Ali abspielt - eine Annäherung zwischen zwei Heimatlosen, zweien, die in einem Land leben, das von ihnen nichts wissen will, und von denen einer denkt, sein Geld könne vielleicht eine Brücke schlagen zu dem anderen, der, als er über die Brücke gehen soll, ihn bereits verraten hat. Das ist von einer so tiefen Traurigkeit, dass all das, was im Folgenden geschieht, kaum noch zählt - bis ganz zum Schluss Laura ein einziges Wort sagt, das ihre Zukunft, mit oder ohne Thomas, der völligen Leere preisgibt: „Ali.“

„Jerichow“ ist ein präzises Kammerspiel mit drei Figuren und einer Landschaft, wie man sie in Deutschland nur findet, wenn man ganz an den Rand fährt, dorthin, wo kaum noch jemand ist und wo die Ostsee so aussieht, als hätte kein Tourist je an ihrem Strand gesessen. Einsam sitzen Laura, Thomas und Ali dort. Ali ist sehr betrunken und tanzt, und Thomas sagt, „wie ein Grieche“. Dass der Türke ihm das verzeiht, ist ein Wunder, das weder Thomas noch Laura zu schätzen wissen. Dass Laura wiederum klaglos damit lebt, dass Ali ihr nachspioniert, sie verdächtigt und schlägt, ist ein Zeichen dafür, dass sie nichts mehr spürt. „Man kann sich nicht lieben ohne Geld“, sagt sie einmal, aber was wir sehen, ist, dass ihr das Geld längst den Weg zu jedem Gefühl verbaut hat.

Nina Hoss weiß, dass sie das Scharnier ist in der Männerbeziehung, Objekt wie die Frauen im klassischen Kino, das die Männer zusammenführt. Und so spielt sie das auch, nicht als die, die treibt, sondern die alles geschehen lässt, als hätte sie keine Wahl. Das ist ihr großer Irrtum.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Piffl Medien

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