Video-Filmkritiken

Kino

Ein Künstlerdrama: „King Kong“

Von Hubert Spiegel

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Filmkritik: Peter Jacksons "King Kong"

14. Dezember 2005 Gummi, Metall, Ton, Baumwolle, Schellack und die Lederblase eine Fußballs - das waren die Materialien, aus denen 1932 eine der berühmtesten Figuren der Filmgeschichte erschaffen wurde.

Damals setzten die film- und tricktechnischen Finessen Maßstäbe. Daß sie schon wenig später übertroffen werden sollten, hat dem Ruhm „King Kongs“ nicht geschadet: Der Film ist ein Maßstab geblieben. Aber warum eigentlich? Die Regisseure Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack wußten, worauf das Geheimnis ihres Erfolgs beruhte. Kong, der acht Meter große Affe, war eine filmtechnisch revolutionäre Projektionsfläche aus Fell und Muskeln, und die Geschichte von der Schönen und dem Biest der geniale Rückgriff auf eine archetypische Geschichte: So entstand die perfekte Verbindung von Innovation und Tradition. In ihrer Mitte der Affe als Kippfigur: uns fremd und uns ähnlich, ein wildes, kindisches Monstrum, verspielt und grausam, anrührend und furchteinflößend.

Besser kann man das nicht machen

Peter Jackson hat sich an dieses Erfolgsrezept gehalten. Sein gigantischer Gorilla ist die perfekte, beeindruckendste und berührendste Figur, die je mit Hilfe eines Computers zum Leben erweckt wurde, viel mehr als nur ein Gollum mit Fell. Wenn Kong mit Ann Darrow (Naomi Watts) auf dem Hinterteil über den zugefrorenen See im New Yorker Central Park rutscht, ist das der wunderlichste Pas de deux in der Geschichte des Films ebenso wie des Eiskunstlaufs. Mehr kann man nicht wagen, besser, in technischer Hinsicht, kann man dergleichen nicht machen.

Mehr und besser - das sind wohl die Schlüsselworte des Filmregisseurs Peter Jackson, der „King Kong“ neu erschaffen wollte, seitdem er das Original als Neunjähriger gesehen hat. Jetzt hat sich Jackson in einem Überbietungsrausch ausgetobt, der die Dinosaurierszenen von „Jurassic Park“ und die Flugszenen von „Aviator“ hinter sich lassen soll. Es wimmelt in diesem Film von Szenen, die wirken sollen wie Kongs Brustgetrommel: respekteinflößend. Ein Beispiel mag genügen: Im Original zählte der Kampf zwischen dem Affen und einem Tyrannosaurus Rex zu den tricktechnischen Höhepunkten; bei Jackson muß Kong gleich drei Gegner auf einmal davon abhalten, sein blondes Häppchen zu verspeisen.

„King Kong“ für das einundzwanzigste Jahrhundert

Auf die Dauer haftet diesem Überbietungsfuror natürlich etwas entschieden Unsympathisches an, außerdem ist manche Szene so schnell geschnitten, daß das Auge kaum folgen kann. Aber vielleicht gibt es ja doch einen Film, den Jackson nicht überbieten und in den Schatten stellen wollte: das ist „King Kong“, das Original. Denn Jackson nimmt den Begriff Remake wörtlich, das heißt, er folgt dem Original über weite Strecken und bis in zahlreiche Details. Namen, Schauplätze, Rahmenhandlung und die Dramaturgie einzelner Szenen, all das wird nur an einigen entscheidenden Stellen verändert, behutsam, aber sehr gezielt und entschlossen. Denn Jacksons Traum war es, den „King Kong“ für das einundzwanzigste Jahrhundert zu schaffen. Dafür aber bedurfte es mehr als nur virtuoser Computertechnik.

Bevor Schoedsack und Cooper 1932 King Kong drehten, hatten sie sich mit zwei ethnographischen Dokumentarfilmen über indigene Stämme in Thailand und Kurdistan einen Namen gemacht. Jetzt drehten sie einen Abenteuerfilm über einen Filmregisseur, der der Welt zeigen wollte, was sie noch nie gesehen hatte und nie wieder vergessen würde. Statt der laufenden Bilder brachte Carl Denham eine wütende Bestie mit nach New York, um sie einem gutsituierten Publikum in Frack und Abendkleidung vorzuführen. Aber das Blitzlichtgewitter der Fotografen versetzt den Gorilla in Panik und Raserei. Er bricht aus, holt sich seine Beute zurück, das blonde Mädchen, das die Eingeborenen auf der Insel ihm geopfert hatten, und flüchtet mit ihr auf das Empire State Building. Dort stirbt er im Kugelhagel, ohne ihr je ein Haar gekrümmt zu haben.

Die Sexualität bleibt ein Tabu

Cooper und Schoedsack zeigten, wie Kong die blonde Schönheit entblättert und ihr die Kleider behutsam vom Leibe zupft wie ein verliebter Jüngling ein Blümchen rupft: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Dann roch Kong an seinen Fingern. Die artenübergreifende Sexualität, die hier angedeutet wurde, war und ist ein Tabu. Damals fiel die Szene rasch der Zensur zum Opfer. Die Anweisung für die Schauspielerin Fay Wray war dabei ohnehin von vornherein klar: Sie war das vor Schreck gelähmte, willenlose Opfer. Das Objekt, zu dem der Affe erst in New York gemacht wurde, wo er die Neugier und Sensationslust des zahlenden Publikums befriedigen soll, ist die Frau von Anfang an.

Hier setzt Jackson seinen Hebel an. Er macht aus King Kong eine Liebesgeschichte und zeigt, was das Original nur behauptet hatte: daß der Affe Gefühle entwickelt. Nicht die Flugzeuge, sondern Schönheit habe die Bestie getötet, sagte Denham am Ende, als Kong tot vor ihm liegt. Jackson zeigt, was es bedeutet, wenn man diesen Satz wörtlich nimmt: Die Sehnsucht kommt ins Spiel. Kong bleibt ein Opfer der Menschen, ihrer Zivilisation, ihrer Gier und Neugier. Aber Kong ist nun auch ein Opfer seiner Sehnsucht nach Schönheit und ein Opfer seiner selbst: ein einsamer dunkler Herrscher auf lichtem Thron - wie im Original ist Kongs Schlaf- und Aussichtsplatz einer Illustration von Gustave Dore zu Miltons „Paradise lost“ nachempfunden.

Ein kleines Emanzipationsdrama

Anders als Fay Wray darf Naomi Watts die Gefühle Kongs erwidern. Als Affe und Frau sich erstmals in Ruhe in die Augen sehen können und Kong ein wenig ratlos wirkt, ahnt die Schauspielerin, welches Schicksal ihr winkt, wenn der Affe das Interesse verliert. Sie beginnt zu tanzen, macht einen schimpansenartigen Überschlag, jongliert mit drei Steinchen und stützt sich auf einen Ast wie Charlie Chaplin auf sein Spazierstöckchen. Kong, der gelangweilte Zuschauer, schnipst den Ast weg, sie stürzt, der Affe lacht und beginnt nun sein Spiel: Er schubst sie um, sie steht auf, er schubst sie wieder um, sie steht wieder auf. Schließlich brüllt sie ihn an: Schluß jetzt! Das ist der König nicht gewöhnt. Er beginnt zu toben und zu brüllen, reißt Bäume aus, schleudert Felsbrocken durch die Luft und sitzt am Ende schmollend abseits. So inszeniert Jackson ein kleines Emazipationsdrama und den Beginn einer seltsamen Freundschaft, an deren Ende Naomi Watts zu Kong auf die Spitze des Empire State Building klettert und mit Rufen und Winken die Flugzeugpiloten davon abhalten will, ihren Affen zu töten.

Kitsch? Ja, das schon, aber immerhin macht das computergenerierte Mienenspiel des Affen diese Liebesgeschichte zum Ereignis. Der Tabubruch bleibt freilich ebenso aus wie 1932. Der King Kong für das einundzwanzigste Jahrhundert ist entsexualisiert und stattdessen emotionalisiert. Sie wollten doch nichts weiter sein als gute Freunde.

Der betrogene Zuschauer

Schon Cooper und Schoedsack hatten Kong als Opfer inszeniert, das dem New Yorker Publikum in der Haltung des gekreuzigten Christus vorgeführt wird. Damals waren es die Blitzlichter, die den Affen vom Kreuz springen ließen. Bei Jackson weigert sich die arme junge Schauspielerin, beim Millionen verheißenden Spektakel Carl Denhams mitzuspielen. Denham engagiert ein Double, und der einzige, der den Schwindel bemerkt, ist der gefesselte Affe. Alles was folgt - der Ausbruch, die Verwüstung der Stadt, die Suche nach der wahren Ann Darrow -, ist nun plötzlich ganz anders motiviert: Kong ist der betrogene Zuschauer, seine Raserei ist auch ein Aufbegehren gegen den Betrug einer Illusionsmaschinerie.

Mit der Figur des Jack Driscoll, im Original der in die Schöne verliebte schlichte Bootsmaat, hatte Jackson den zweiten entscheidenden Akzent gesetzt. Adrien Brody als Driscoll ist ein ins Theater verliebter Drehbuchschreiber, der auf der Überfahrt in einem Käfig unter Deck an der Schreibmaschine sitzt: auch eine gefangene Kreatur, ein domptierter Lohnschreiber, ein Kafkascher Rotpeter.

Driscoll, Ann Darrow, der skrupellose Regisseur Denham, sein geopferter Star Kong und Peter Jackson, der seine Kindheitsträume überbieten muß, und sei es um den Preis ihrer Zerstörung: King Kong, ein Künstlerdrama.



Text: F.A.Z., 13.12.2005, Nr. 290 / Seite 33
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von United International Pictures

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