Video-Filmkritiken

Kino

Tanz im Geisterhaus: „Die Geschichte von Marie und Julien“

Von Andreas Kilb

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26. August 2004 "Er tanzt", sagt ein spöttischer Orson Welles in Pasolinis vierzig Jahre altem Kurzfilm "Der Weichkäse" über den abwesenden Federico Fellini. Dasselbe könnte er noch heute über den französischen Regisseur Jacques Rivette sagen. Rivette benutzt das Kino nicht, um Botschaften oder persönliche Obsessionen an den Zuschauer zu bringen oder um damit reich zu werden - er tanzt mit ihm. Er behandelt die Kinematografie wie seine persönliche Geliebte, die er mal in ein komödiantisches, mal in ein melodramatisches Kleid steckt, je nachdem, zu welchem Rhythmus er sie über das Parkett seiner Inszenierung schieben will. Oder wird er selbst geschoben?

In der spielerischen Leichtigkeit, mit der Rivette seine Kunst betreibt, steckt immer auch die Gefahr, das Spiel zu verlieren, der eigenen Ideen und Assoziationen nicht mehr Herr zu werden, im Raum nicht und vor allem nicht in der Zeit. Fast jeder von Jacques Rivettes Spielfilmen dauert länger als zwei, "Out One" (1971) sogar mehr als zwölf Stunden, und nicht alle Geschichten bleiben dabei bis zum Ende frisch.

Maries Geheimnis, beiläufig ausgesprochen

"Die Geschichte von Marie und Julien", Rivettes neuer Film, liegt mit zweieinhalb Stunden Spieldauer im mittleren Bereich seiner Arbeiten. Nach etwa einer Stunde zieht Marie (Emmanuelle Beart) zu Julien (Jerzy Radziwilowicz), in der folgenden Stunde richtet sie sich bei ihm ein, und in den letzten dreißig Minuten nimmt das Zusammenleben der beiden eine dramatische Wendung. Man erfährt in diesem Schlußkapitel, was man lange geahnt und aus allerlei Andeutungen geschlossen hat: daß Marie eine Tote ist, eine Selbstmörderin, die nur durch die Liebe Juliens wieder ins Leben treten durfte, und daß sie den Augenblick, in dem ihr Schattendasein endet, ebenso sehr herbeisehnt, wie sie ihn fürchtet.

In einem Gespensterfilm wie Amenabars "The Others" wäre das eine große Enthüllung, aber bei Rivette wird Maries Geheimnis ganz beiläufig ausgesprochen, in einem Dialog zwischen Madame X (Anne Brochet), mit der die beiden Hauptfiguren das unterhalten, was man im Mainstreamkino Geschäftsbeziehungen nennt, und Julien. Auch Madame X, stellt sich heraus, bekommt Besuch von einer Verblichenen, ihrer Schwester Adrienne (Bettina Kee), und deren letzter Brief, der durch Zufall in Juliens Besitz gelangt ist, erscheint der Adressatin so kostbar, daß sie kein Mittel scheut, um ihn zurückzubekommen. "Jetzt glaube ich zu sehen in einer Welt von Blinden", sagt sie zu Julien, als er ihr das Papier übergibt. Dann geht sie nach draußen und verbrennt den Brief. Beides, das Schauen und das Zerstören, ist in Rivettes nur scheinbar friedlicher Welt unmittelbar miteinander verknüpft. "Du mußt mich anschauen", sagt Marie, als sie in Juliens Dachzimmer geht, um sich dort ein zweites Mal zu erhängen. Auch das Motiv der Wiederholung, der Doppelgängerin, des Doppellebens, zieht eine breite Spur durch Rivettes filmisches Werk.

Zwei Welten, miteinander kurzgeschlossen

Und dann war alles nur ein Traum. Marie wacht auf und liegt wie zuvor in Juliens Bett, so wie der Zuschauer erwacht und feststellt, daß er sich noch immer in einem Film von Jacques Rivette befindet. Es ist nämlich keineswegs "The Others" oder "Sixth Sense", was hier gespielt wird, sondern etwas anderes, älteres, für das sich Rivette spätestens seit "Celine und Julie fahren Boot" (1974), seinem bis heute kommerziell erfolgreichsten Film, interessiert. Darin spielen Juliet Berto und Dominique Labourier zwei junge Pariserinnen, die sich mit Hilfe ihrer blühenden Phantasie in eine vergangene Welt versetzen, in der sie märchenhafte Abenteuer erleben. Am Ende werden beide Welten miteinander kurzgeschlossen: die geträumte und die träumende, die lebendige und die tote.

Wie die Kunst und die Realität. Oder das Kino und sein Gegenüber, das wirkliche Leben, das nicht immer so wirklich ist, wie es das selbst gern hätte. Bei Rivette wird das Kino lebendiger, das Leben kinematografischer durch die Vermischung der Sphären. Seit "Celine und Julie" hat Rivette dieses Muster immer wieder durchgespielt, mal mit einer Schriftstellervilla, mal mit einem Maleratelier, mal mit einer Theaterbühne als dramaturgischem Bezugspunkt. Man sollte meinen, seine Filme hätten sich dabei, wie die der meisten alternden Regisseure, immer mehr in den Schutz von Interieurs und Studiodekorationen zurückgezogen. Das Gegenteil ist der Fall: "Va savoir" (2001) und "Haut bas fragile" (1995) strotzen vor Pariser Alltagsleben, und "Secret defense", Rivettes Ausflug in den Kriminalfilm, hat immer noch genug davon, um die Regisseurkollegen Rohmer und Resnais erröten zu lassen.

Kein besserer Frauenregisseur im alten Europa

Wenn Rivette nun also die "Geschichte von Marie und Julien" zum größten Teil in einem verwinkelten, in Primärfarben leuchtenden Haus inszeniert, dann nicht, weil er der Außenszenen müde ist. Sondern weil er nur so, in der "geschlossenen Endlichkeit eines profanen Schicksalsraums" (Walter Benjamin), sein allegorisches Kinospiel treiben kann. Denn der Tanz, den er diesmal mit dem klassischen Horror- und Gespensterfilm tanzt, braucht einen besonderen Resonanzboden, einen Raum, in dem das planvolle Verbergen und Zeigen, von dem das Genre ganz wesentlich lebt, sozusagen schon vorgedacht ist. In dieses Geisterhaus setzt Rivette den Uhrmacher Julien, der die rätselhafte Marie mit der gleichen instinktiven Sicherheit liebt, mit der er seine Kirchturmuhrwerke ins Lot bringt. Während die beiden miteinander schlafen, erzählen sie sich im Wechselspiel Geschichten, fast so wie einst Celine und Julie, und so wie jene brechen auch Marie und Julien am Ende den Bann eines unabwendbar scheinenden Schicksals.

Daß dies alles zweieinhalb Stunden dauert, ist eine Sache. Daß aber Emmanuelle Beart bei Rivette tatsächlich jenes Mysterium ausstrahlt, das sie in Anne Fontaines "Nathalie" vergeblich beansprucht, daß die Kamerabilder William Lubtchanskys eine Schönheit besitzen, von der das Horrorgenre sonst nichts weiß, und daß es im alten Europa noch immer keinen besseren Frauenregisseur gibt als Jacques Rivette, ist eine andere. Er erfindet nicht und verkündet nicht, er tanzt, das ist wahr. Aber davon versteht er etwas.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2004, Nr. 197 / Seite 33

 
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