Von Patrick Bahners
30. Juli 2003 Michelangelo ist nichts dagegen. Ein vollkommener Leib, goldbraun schimmernd, kauernd auf der Erde. Und die Erde ist wüst und leer. Alles andere als Furcht drückt die gebückte Haltung aus. Eine unsichtbare Hülle umschließt den Nackten, den perfekten Hohlkörper ahmen die Glieder nach. In einer Kugel ist er vom Himmel niedergefahren, in einem Kraftfeld knisternder Blitze. Mit diesem Schöpfungsmoment beginnt jeder der drei Terminator-Filme. Der Kraftathlet, klassisches Urbild der Selbstherrschaft, entpuppt sich als ferngesteuertes Konstrukt. Unter der Bronzehaut schnurrt ein Edelstahlmotor. Nicht Fleisch von unserem Fleische - eine Maschine, von Maschinen gemacht.
Dreimal erweist sich das humanistische Menschenbild gleich anfangs als Täuschung. Unsere Geschöpfe, die Computer, die in der Zukunft die Macht übernommen haben, haben den genetischen Code unserer Zivilisation kopiert, um uns zu täuschen, um jene Reproduktion zu unterbrechen, deren unerschöpfliche Potenz wir in der Gestalt des Muskelprotzes vergöttern. Die Erschaffung des neuen Menschen ist ein Trugbild. Aber die Technik als jene diabolische Kraft, die Böses will und Gutes schafft, hat sich selbst überlistet: Sie rechnet nicht mit der Geschichte, die sie selbst erst ermöglicht, indem sie ihren Abgesandten die Freiheit verweigert, mit der Menschwerdung des Roboters. Eine Maschine ist, was man kaputtmachen kann. Definition des Menschen: richtet sich selbst zugrunde.
Keine unendliche Geschichte
Der Dr. Krankenstein, in dessen Traumwerkstatt der Bodybuilder namens Arnold Schwarzenegger zum mythischen Heros umgebaut wurde, heißt James Cameron. Er drehte 1984 den ersten und 1991 den zweiten Teil. "Terminator 3: Aufstand der Maschinen" wurde in die Hände von Jonathan Mostow gelegt. Der Name des Titelhelden scheint auszuschließen, daß man von ihm eine unendliche Geschichte erzählen kann. Und das ist der Witz, die Ironie der Heilsgeschichte. Der Name ist Programm, Tötungsprogramm. Eine Lizenz zum Töten braucht dieser Geheimagent nicht, denn mit der Unterscheidung von Erlaubnis und Befehl könnte er nichts anfangen.
Aber schon im zweiten Teil wird die Killermaschine umgepolt. Nachdem der Versuch gescheitert ist, den künftigen Anführer des Widerstands der Menschen gegen die Apparate vor seiner Zeugung, durch Tötung seiner Mutter, aus der Welt zu schaffen, schickt die Technokratie ein rundumerneuertes Modell, den T-1000. Den alten, wahren Terminator nimmt die Widerstandsarmee in Dienst. Seinem Namen nach müßte er mit jedem Schritt und jedem Schuß das Ende der Welt näherbringen. Doch er wird zum Gegenteil seiner selbst, zum Katechon, dem Aufhalter, der den Jüngsten Tag hinausschiebt, den Atomkrieg, den das Elektronengehirn des Pentagon entfesseln wird.
Abschreckendes Beispiel
Der neue Film, in dem das zweite Replikat des ursprünglichen Modells T zum Einsatz kommt, ist ein Remake des zweiten Teils. Wieder soll der schwere Junge, der neben der Weiterentwicklung des T-1000, dem T-X oder genauer gesagt der T-X, der Terminatrix, so altmodisch aussieht wie eine gebrauchte Hifi-Himmelskutsche im Schatten einer Rapid-Raumjacht, John Connor, den Judas Makkabäus der Zukunft, beschützen. Von Sollen kann indes eigentlich keine Rede sein. Für die Verarbeitung des kantischen Pflichtbegriffs hat der Terminator kein Modul. Er soll nicht nur, er wird John Connor beschützen, solange seine Batterien halten. Der Rechtsphilosoph Reinhard Merkel könnte den Unmenschen als abschreckendes Beispiel in seine Kasuistik aufnehmen: Aus dem Zimmer des brennenden Krankenhauses, in dem sich ein Säugling und drei Reagenzgläser mit Embryonen befinden, wird der Terminator mit absoluter Sicherheit die Embryonen retten - sofern in einem der Gläser das genetische Material John Connors ist.
Solange eine Tradition noch lebendig ist, treten in jeder Wiederbearbeitung eines Mythos die reflexiven Momente hervor. So auch hier, in Mostows souverän entspannter Nacherzählung: Dem Terminator, der ganz der alte und doch mit sich nicht identisch ist, muß John Connor alle Sprüche neu beibringen. Die mechanischen Antworten des seelenlosen Leibwächters auf die Appelle an seinen guten Willen erweisen die Unmöglichkeit jedes behavioristischen Erziehungsprogramms. Und sind doch nicht sein letztes Wort. Am Ende ist die Tat. Seine Gegnerin mag ihm die Beine ausreißen und ein Loch in den Bauch schießen. Selbst wenn sie ihm mit der Kopfhaut die Duldermiene abzieht, kann sie nichts daran ändern, daß der Terminator sich opfert. Er wurde nicht geboren.
Aber er kann sterben. "I'll be back": Das ist auch so ein geschichtsphilosophischer Satz, der sich selbst ad absurdum führt. Er wird solange wiederkommen, bis er nicht mehr wiederkommen wird. Der Gladiator grüßt uns als Todgeweihter. Zu erdenken, was die übermenschlichen Ingenieure da eingebaut haben, das sich einfach nicht kaputtmachen läßt, reicht unsere Phantasie nicht aus. Irgendwann muß es im Terminator klick gemacht haben: Na gut - dann muß ich eben der größte Held aller Zeiten sein.
Analogon des Willens
Schwarzenegger gelingt eine fabelhafte Selbstparodie. Die rührenden Ticks des rostenden Schepperkopfes sind ein abschließender Kommentar zum Turing-Dilemma: Wir kommen nicht umhin, einer intelligenten Maschine ein Analogon des Willens zuzuschreiben, und würden es nicht übers Herz bringen, auf dem Unterschied zwischen dem Analogon und dem echten Ding zu beharren.
Was aber treibt die Menschen an, deren Freiheit doch außer Zweifel stehen sollte? Die Schlüsselszene des ersten Films spielt in einer Disco, tief in den achtziger Jahren, dort, wo sie am tiefsten waren. Sarah Connor (Linda Hamilton) weiß, daß ein Mörder auf ihrer Spur ist. Unter den zuckenden Tänzern, die schon füreinander kein Auge mehr haben, ist sie allein. Sie wäre aber nicht weniger verloren, wollte sie einfach nur ihren Spaß haben, wäre ihr nicht bestimmt, daß sie als Gebärerin des Erlösers sterben wird. Dann sieht sie ihrem Ende ins Auge. Und sie sieht hin, hällt still, schlägt nicht einmal die Augen nieder. Das Leben: was soll's? Ihr Retter gibt ihr die Antwort: Sie ist Teil eines großen Plans. Das Projekt, dem sie ihre ganze Existenz weiht, bleibt vollkommen abstrakt. Einer Menschheit zuliebe geht sie in den Untergrund, die ihr Hekuba sein könnte, den eigenen ungeborenen Sohn nicht ausgenommen. Daß der Lebensplan, in dessen Kontext von Entscheidungen überhaupt erst gesprochen werden kann, nichts als ein Schema ist, dürfte das Realistische sein an diesem zeitgemäßen Mythos von der Zeitreise, die nichts ändert.
Da muß sie durch
Das neue Kapitel liefert die komische Variante zu dieser Offenbarung des Fatalismus am Grund des Existenzialismus. So hat sich die patente Tierärztin Kate Brewster (Claire Danes) ihr Leben nicht vorgestellt: daß sie um dasselbe laufen muß, Seite an Seite mit ihrem ehemaligen Mitschüler John Connor (Nick Stahl), einem Streuner, der fehlende Berufsperspektiven durch einen Dreitagebart ersetzt, aber keineswegs durch das Charisma, das einen gemeinsamen Tod im Kugelhagel als romantische Option erträglich erscheinen lassen könnte. Warum sollte sie sich das antun? Ach so, sie ist als Ko-Direktorin der Widerstandskräfte und Gattin von John Connor vorgesehen. Dann muß sie da eben durch. Für den vierten Teil darf man voraussagen, daß sich die Arbeitsteilung in diesem arrangierten Ehebund nach dem Muster von Franz I. und Maria Theresia gestalten wird.
Wenn wir das Ausbleiben der Zukunft, von der wir nichts wissen können, mit aller Kraft verhindern wollen, muß das daran liegen, daß wir sie uns insgeheim nach dem Bild der Vergangenheit vorstellen. Der Reiz der Science-fiction vom Typ der Terminator-Saga ist ein nostalgischer. Eine einzige lange Verfolgungsjagd ist der dritte Teil. Die Fahrzeuge, die dem Schicksal der Verschrottung zugeführt werden, sind riesengroß, die Dinosaurier der Technikgeschichte. Es ist das Menschliche am Menschen, daß ihm sein Zeug im Augenblick des Upgrade unentbehrlich wird. Wenn Arnold Schwarzenegger der Schädel geöffnet wird, sehen wir mit gemischten Gefühlen hin, voll des Ekels und der Neugier. Das Staunen gilt keinem Phantasma der Posthumanität, sondern einem Oldtimermotor. Da herrscht über die Welt ein virtuelles Computernetzwerk - aber für die Roboter brauchen sie immer noch Schrauben und Rädchen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Juli 2003
