Von Peter Körte
16. Juni 2004 Es gibt Filme, die überrumpeln die Zuschauer wie ein Einsatzkommando. Es gibt Angeberfilme, die sofort mit Haus, Auto und Jacht protzen, und solche, die kommen einem so charmant wie früher die Volkspolizisten an der Zonengrenze. Oder wie Verkäufer, die einem unbedingt eine Ware andrehen wollen, wie Studienräte, die unbedingt einen Stoff durcharbeiten wollen.
Und da sind die Filme, die einen aufnehmen wie ein alter Freund, den man ein wenig aus den Augen verloren hat. Sie sind großzügig und bitten einen freundlich hinein in ihre Geschichte.
"Before Sunset" ist eine solche Einladung. Im Vorspann zeigt er ein paar Bilder von den Orten, an die wir später kommen werden, dann sitzt man in der berühmten Buchhandlung "Shakespeare and Company" in Paris. Man schaut Jesse (Ethan Hawke) zu, wie er aus seinem Roman liest und anschließend Fragen des Publikums beantwortet, und in einer Ecke, vor den Regalen, steht Celine (Julie Delpy).
Die Angst vor dem Ruin
Ähnlich freundlich und aufmerksam saß auch Richard Linklater während der Berlinale in seinem Hotelzimmer, und in seinem T-Shirt und der leichten Hose sah er so aus, als wäre es noch immer Spätsommer in Paris. Natürlich hätten sie Angst gehabt, den Film zu machen, sagt er, "denn wenn es nichts wird, ist auch der erste Film ruiniert".
Der erste Film, das ist "Before Sunrise", die Geschichte einer Nacht in Wien vor neun Jahren, in der sich Jesse und Celine kennenlernten. Als der Morgen graute, waren sie ohne Adressen und Telefonnummern, aber mit dem Versprechen auseinandergegangen, sich in einem halben Jahr am selben Ort wiederzusehen. Nun erfährt man, daß Jesse da war und Julie nicht und daß sie einen guten Grund für ihr Fernbleiben hatte.
Als er Anfang Zwanzig war, hat Linklater etwas Ähnliches erlebt wie Jesse in Wien, und mit Anfang Dreißig hat er einen Film daraus gemacht. "Das Magische am Filmemachen, wenn es gelingt", sagt er, "ist es, solche Momente wiederzubeleben." Heute ist er 43, und er hat gemeinsam mit den beiden Hauptdarstellern von damals, mit Julie Delpy und Ethan Hawke, eine neue Geschichte geschrieben, die erzählt, was aus ihren Figuren geworden ist: ein Schriftsteller, dessen erster Roman von jener Nacht in Wien handelt, und eine Umweltaktivistin, die möchte, daß die Welt ein bißchen besser wird.
Von Wien nach Paris
Linklater, der Mann aus Texas, der 1991 den Film "Slacker" drehte und damit zugleich den globalen Begriff für eine ganze Generation lieferte, ist womöglich ein verhinderter Dokumentarist, der gute Gründe gefunden hat, bei der Fiktion zu bleiben. Er sagt, daß ein Abstand von ungefähr zehn Jahren ideal sei, um zurückzublicken, was aber nicht ausschließt, daß er sich, wie in "School of Rock" (2003), auch mal an die Zeit als Fünftkläßler erinnert, weil sie noch so lebendig ist für ihn. Ein hoffnungsloser Nostalgiker ist er deshalb nicht: "Als ich so alt war wie Jesse in Wien, war ich nicht besonders glücklich."
Doch "Before Sunset" ist längst mehr als nur Richard Linklaters Geschichte. Wenn man Celine und Jesse neun Jahre später zuschaut, ist beider Geschichte auch zu einem Teil unserer eigenen Geschichte geworden, weil der Film einen nicht bloß fragen läßt, wo und wann man ihn gesehen hat, sondern auch, wer man damals war. "Viele Freunde haben mir gesagt", erzählt Linklater lachend, "wie toll sie den Film finden. Und sie haben hinzugefügt: Aber schau ihn dir bloß nicht mit deinem Partner an."
Achtzig Minuten Reden
Weil er so gefährlich ist? "Nein", sagt Linklater und lacht wieder. Und er hat recht, weil die beiden achtzig Minuten lang in Echtzeit nichts anderes tun als: reden. Sie setzen sich in ein Cafe - und reden. Sie gehen durch einen Park in der Nähe der Seine - und reden weiter. Sie fahren Boot - und reden immer noch. Sie reden auf dem Rücksitz des Vans, der Jesse zum Flugplatz bringen soll, aber dann doch noch einen kleinen Umweg macht, um Celine zu Hause abzusetzen. Sie kocht Kamillentee, und währenddessen reden sie weiter, bis Celine endlich zur Gitarre greift und singt.
Das Drehbuch braucht keine weiteren Personen, die für dramaturgische Komplikationen sorgten. Die beiden sind sich selbst genug, und wundersamerweise genügt einem das auch als Zuschauer. Sie umkreisen einander, sie tasten einander ab, sie sind verlegen und dann ganz vertraut, sie posieren und werden traurig, sie spielen ein Spiel, das ernst gemeint ist, und vor allem sprechen sie aus, was sie ihrem jeweiligen Partner niemals sagen würden.
Celine und Jesse sind sonderbare Zeitreisende, weil sie versuchen, noch einmal die zu sein, die sie vor neun Jahren in Wien waren. Sie betrachten sich mit der Ironie, die zu jeder modernen Liebesgeschichte gehört, und wenn sie romantische Anwandlungen haben, dann können sie zugleich milde über romantische Anwandlungen spotten. Und weil das so ein besonderer Moment und eine so besondere Konstellation ist, darf auch das Spätnachmittagslicht die ganze Zeit mattgold über Paris liegen.
Vom Heute ins Gestern
Sie erzählen einander, daß sie beide in Beziehungen stecken, die sie enttäuscht haben, und sie spüren, daß die Erinnerung an Wien schmerzt und zugleich glücklich macht. "Erinnerungen sind eine tolle Sache", sagt Celine einmal mit komischer Verzweiflung, "wenn man sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen muß." So verquer, wie dieser Satz klingt, so wahr ist er, und dieser Widerspruch hat einen wunderbar melancholischen Charme. Beide haben etwas anderes vom Leben erwartet, und Jesse appelliert sogar an "mein besseres Selbst", das die Enttäuschung als Erfüllung betrachten lehrt. Das andere Selbst, das deswegen nicht das schlechtere sein muß, möchte jedoch den Traum von damals weiterträumen, und Celine geht es ähnlich, auch wenn sie es anders ausdrückt.
Der Film balanciert auf diesem schmalen Grat, und man bangt bisweilen, daß er vielleicht noch abstürzen könnte, weil so etwas normalerweise nicht gutgeht: Zwei Menschen, die so viel reden, weil sie nicht direkt zur Sache kommen können. Wie ein Grundrauschen erfüllt dieses Reden den Film. Es gehört untrennbar dazu, weil ohne dieses Drumherumreden auch der Kern der Sache nichts wäre. Und wenn man auch nicht verraten sollte, wie es ausgeht, dann kann man doch sagen, daß Linklater die Dinge bis zum Schluß auf eine Weise in der Schwebe hält, die dem gesamten Film seine spezifische Atmosphäre verleiht.
Und so ist "Before Sunset" am Ende noch immer jener alte Freund, der einen hereingebeten und auch nach so langer Zeit nicht enttäuscht hat. Man vertraut sich ihm an, man denkt die Gedanken, die man nicht ausspricht, weil sie bei ihm gut aufgehoben sind. Er stimmt einen heiter, obwohl er auch sehr melancholisch ist; es ist ihm sehr ernst, und er ist doch federleicht, weil er diese achtzig Minuten festhalten möchte wie einen winzigen Fetzen Ewigkeit.
Vielleicht, sagt Linklater vorsichtig, wird es einen dritten Film geben, "eine weitere Folge wie bei einer Dokumentation". Vielleicht aber auch nicht - und das wäre nicht weiter schlimm. Wir haben ja schon "Before Sunrise", und jetzt haben wir auch noch "Before Sunset".
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.06.2004, Nr. 24 / Seite 32
