Video-Filmkritiken
RSS

Filmkritik

Die Schöne und der Kauz: „Scoop“

Von Michael Althen

Film-Kritik: Scarlett Johansson und Woody Allen in "Scoop"

16. November 2006 Woody Allen dreht mit so schöner Regelmäßigkeit seit Beginn seiner Karriere jährlich einen Film, daß selbst seine hartnäckigsten Bewunderer ihrem jährlichen Allen mit einer gewissen Gelassenheit entgegensehen. Wie sehr er sein Publikum eingelullt hatte, merkte man an der Aufregung, die plötzlich seinen letzten Film „Match Point“ umgab.

Verwundert rieb man sich die Augen und stellte fest, daß es plötzlich wieder um etwas ging, um Liebe, Leiden und Lebensentwürfe und einen frischen, anderen Blick darauf - also wie im „Stadtneurotiker“. Und weil man sich nicht ganz erklären konnte, woher diese späte Vitalität herrührte, und die neue Umgebung London als Erklärung nicht ernsthaft taugte, machte man kurzerhand Scarlett Johansson dafür verantwortlich. Das ist ja auch ein charmanter Gedanke, daß die von manchen zur schönsten Frau der Welt gekürte Schauspielerin den komischen alten Kauz wieder auf Trab bringt.

Wieder im alten Trott

Und weil Woody Allen daran offenbar auch Geschmack gefunden hat, drehte er „Scoop“ auch in London, ließ seine neue Muse wieder die Hauptrolle spielen und ist diesmal auch selbst wieder mit von der Partie. Und siehe da - er ist wieder in seinen alten Trott verfallen.

Man darf nicht ungerecht sein: Der Film ist amüsant und Scarlett Johansson erfrischend anzusehen, aber das Versprechen, das „Match Point“ darstellte, kann „Scoop“ nicht einlösen - und man hat den Eindruck, daß Allen daran auch gar kein Interesse hat. Er spielt selbst einen abgetakelten Zauberer, der mit etwas altbackenen Tricks und Scherzen die Leute bei Laune hält - und genauso agiert er im Grunde auch als Regisseur. Die alten Tricks funktionieren immer noch, aber von den Stühlen reißen sie keinen. Aber natürlich ist ein mittlerer Woody Allen immer noch ersprießlicher als viele andere Filme, schon weil man eben die große Gelassenheit eines Mannes am Werk spürt, der sich und uns nichts mehr beweisen muß. Er dreht längst schon seinen nächsten Film, der wie üblich nur ganz trocken „Untitled Woody Allen Summer Project“ heißt und von dem man nur weiß, daß er Colin Farrell und Ewan McGregor als Brüder zusammenbringt. Was nur beweist, daß er nach wie vor alle Stars kriegt, die er will, weil ein Auftritt in einem seiner Filme für Schauspieler das ist, was für andere Menschen ein Eintrag im „Who is who“ bedeutet.

Der Geist des Reporters

Wer ist also wer in „Scoop“? Ian McShane, bekannt aus der Western-Serie „Deadwood“, ist ein verstorbener Starreporter, der auf seiner Überfahrt ins Totenreich die wahre Identität eines Serienkillers erfährt, der seit einiger Zeit London unsicher macht. Er springt dem Fährmann vom Kahn und gibt bei einem der Zaubertricks von Splendini (Allen) als Geist die Information an eine amerikanische Journalistenschülerin (Johansson) weiter, die bei ihrer reichen Londoner Freundin zu Besuch und ambitioniert genug ist, ihrer Ungläubigkeit zum Trotz der Spur nachzugehen, die zu dem stadtbekannten reichen Adelssproß Peter Lyman (Hugh Jackman) führt. Und ehe er es sich versieht, ist Splendini, der eigentlich Sid Waterman heißt, in den Fall verwickelt und muß sich als Vater der Amateur-Reporterin ausgeben.

So lustig die Situationen sind, die sich daraus ergeben, es beginnen damit doch auch die Probleme des Films, denn Allen ist kaum daran interessiert, die Beziehung der beiden über seine Scherze hinaus zu erforschen. Er vertut also die Chance, auch als Schauspieler irgendwie auf Scarlett Johansson zu reagieren, er benutzt sie nur als Stichwortgeber für seine One-liner. Und auch die Beziehungen der anderen untereinander bleiben Behauptung, besonders die Attraktion zwischen dem verdächtigten Lord und seiner Jägerin.

Man kann den Film mögen

Scarlett Johansson spielt das so tapsig, wie es einer attraktiven Schauspielerin wie ihr eben möglich ist, und Hugh Jackman hat ohnehin keine Präsenz, die weit über seinen Starruhm als „X-Man“ hinausreicht. Interessant würde es erst, wenn es zwischen den beiden wirklich funken würde. Man kann natürlich auch auf solche Erwartungen pfeifen und sich einfach von der Leichtigkeit davontragen lassen, mit der Allen die Dinge in Bewegung hält, denn letztlich ist ohnehin alles nur das, wofür die Amerikaner das schöne Wort „make-believe“ haben. Wenn man glaubt, daß ein toter Reporter dem Tod ein Schnippchen schlagen kann, dann braucht man auch sonst nicht zu erwarten, daß so irdische Dinge wie Beziehungen ihre gewohnte Schwerkraft entwickeln.

Wer also Woody Allen liebt, der wird auch diesen Film mögen, und wer mit ihm nichts anfangen kann, der ist für „Scoop“ ohnehin verloren. Was jedoch „Match Point“ auszeichnete, war die Tatsache, daß es dort anders war. Man mußte Allen nicht mögen, um ihm etwas abzugewinnen.

Text: F.A.Z., 15.11.2006, Nr. 266 / Seite 43
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Concorde

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

Kino

Blondkehlchen: Scarlett Johansson verzückt Venedig

Die Königin von Venedig: Scarlett Johansson

Scarlett Johansson ist einundzwanzig und gehört schon zu den bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Ihre Stimme läßt Eiswürfel schmelzen, ihre körperliche Präsenz ist erstaunlich. Ein Porträt.

Kino

Verbrechen sind keine Kleinigkeiten: „Match Point“

Ein Woody-Allen-Film, bei dem man überhaupt nicht auf die Idee kommt, daß er von Woody Allen ist: Mit „Match Point“ gelingt dem Regisseur sein bester Film seit langem.

Kino

Der Gedächtniskünstler: Woody Allen wird siebzig

Woody Allen im März 1963

Ist Woody Allen je jung gewesen? Seine Filme handeln davon, daß man sein Leben in der Erinnerung verbringen kann - im Kino. Zum siebzigsten Geburtstag des Filmregisseurs, Drehbuchautors und Selbstdarstellers.

Kino

Schamlos in Manhattan: „Melinda und Melinda“

Fast wieder ganz der alte: „Melinda und Melinda“ ist der beste Film, den Woody Allen seit längerer Zeit gedreht hat. Erzählt wird zweimal dieselbe Geschichte - einmal als Komödie, einmal als Tragödie.

Kino

Militanter Neurotiker: Woody Allens „Anything Else“

Die Firma, die Woody Allens neuen Film in Amerika verleiht, hat den Namen des Regisseurs lieber verschwiegen. Dabei tritt der Meister von Manhatten nur als Nebenfigur auf: als Einflüsterer seines Helden.

Filmkritik

Aussichtslos: „Montag kommen die Fenster“

Wenn man „Montag kommen die Fenster“ sieht, erkennt man, warum Ulrich Köhler zu den deutschen Kino-Hoffnungen zählt: Anstatt eine „wahre Geschichte“ nachzuerzählen, schärft er mit seinen Fiktionen den Blick auf die Wirklichkeit.

Filmkritik

In der Hölle der Modewelt: „Der Teufel trägt Prada“

Spezial Ein Zwiebelbagel, das bedeutet Krieg: Als Chefredakteurin eines Modemagazins, die ihre Mitarbeiter quält, ist Meryl Streep eine Sensation. Doch der Film „Der Teufel trägt Prada“ zeigt sich feige vor seinem Feind.

Filmkritik

Originell und verspielt: „Science of Sleep“

Spezial Träume aus Zellophanstreifen, Wollknäuel und Wattebäuschen: Michel Gondrys Film „Science of Sleep“ wirkt wie ein selbstvergessen spielendes Kind, das das Staunen noch nicht verlernt hat.

Wortmanns WM-Film im Fernsehen

Im Bett mit Ballack

Spezial „Deutschland. Ein Sommermärchen“ - Sönke Wortmanns Film hat das Fanmeilengefühl in den Kinosaal übertragen. Der Regisseur vergibt viele Chancen. Und doch gelingt es dem Streifen, wunderbare Momente einzufangen. Heute abend läuft der Film im Fernsehen.

Filmkritik

Zwei Stunden Katharsis für alle

Keine Angst, Leute, hier wird keine Verschwörung aufgedeckt: Oliver Stone hat mit „World Trade Center“ eine Heldengeschichte rund um den 11. September gedreht, die sogar dem konservativen Amerika gefällt.

Filmkritik

Einseitig: „Road to Guantánamo“

Spezial Drei britische Muslime werden für Taliban-Kämpfer gehalten und landen im Gefangenenlager: Michael Winterbottoms Film „Road to Guantánamo“ erzählt eine wahre Geschichte - in falschen Bildern.

Filmkritik

Immun gegen das Böse: „Das Parfum“

Spezial Gescheitert am Bestseller: „Das Parfum“ von Tykwer und Eichinger macht auf den ersten Blick mächtig Eindruck, doch wenn der erste Bildersturm sich gelegt hat, wird es bieder und in aller Opulenz steril.