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Das Böse selbst: „The Dark Knight“

Von Verena Lueken

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20. August 2008 Es wird selten Licht in Gotham City, und entsprechend düster sind die Fragen. Wie reagieren die Menschen auf einer überfüllten Fähre, wenn sie vor die Wahl gestellt werden, entweder per Knopfdruck eine andere, mit Häftlingen überfüllte Fähre in die Luft zu jagen oder selbst in einer Explosion unterzugehen? Oder: Wessen Fesseln wird Batman von den Ölfässern lösen, die jeden Augenblick in Flammen stehen werden - die seiner großen Liebe Rachel am einen Ende der Stadt oder die des Staatsanwalts Harvey Dent, der Rachel heiraten will, am anderen?

Das sind so die Alternativen, die im neuen Batman-Film „The Dark Knight“ der Joker inszeniert, jener clownsartig geschminkte superböse Gegenspieler von Batman, den Heath Ledger mit erschreckender Intensität und unberechenbarer Bösartigkeit spielt. Dass man hinter der Maske und am Boden des aufschäumenden Chaos, das der Joker überall hinterlässt, noch eine Verletzung spürt, macht diese Figur umso unheimlicher. Sie ist kein Symbol des Bösen, sondern das Böse selbst, das jede moralische Gewissheit zu zersetzen sucht, das jede Ordnung unterwandert, Loyalitäten zerhackt, Bündnisse zerreißt, das den eigenen Schmerz so wenig scheut wie größtmögliche Verluste, nicht nur auf der Gegenseite. Das nicht unterscheidet zwischen Gegnern und Unbeteiligten, weil es um allumfassende Zerstörung geht. Einfach so. Nicht um irgendeines Gewinnes willen. Ohne ein weitergehendes Motiv, als einfach nur zu zeigen, dass das Chaos stärker ist als jedes Gesetz und natürlich stärker als alle, die es hüten oder in die eigene Hand nehmen. Und dass das Böse dem Guten in jeder Hinsicht überlegen ist, weil das Gute unter seinen Einfluss gerät und seine eigenen Prinzipien nicht wahren kann.

Action, Kampfszenen und Verfolgungsjagden

Das sind Fragen, mit denen uns Blockbuster vom Kaliber dieses Sommerhits, der womöglich bald den Erfolg von „Titanic“ einholen wird, gemeinhin nicht behelligen. Und auch hier kommen sie natürlich nicht diskursiv, sondern mit gewaltigem Getöse daher, das in seiner technischen Vollendung, seiner adrenalingesättigten Wucht und Geschwindigkeit uns alles an Action, Kampfszenen und Verfolgungsjagden bietet, was wir uns wünschen können. Dazu gehören neben einem Banküberfall zu Beginn und allen möglichen innermafiösen Gefechten ein neunachsiger Laster von zwölf Meter Länge, der sich überschlägt, und unter anderem auch das neue Gefährt von Batman, der Bat-Pod, eine Art Motorrad mit Monsterreifen und schwerster waffentechnischer Ausrüstung. Das meiste sieht überwältigend aus und ist mit solcher Rasanz inszeniert und gedreht, dass das Leinwandgeschehen uns anzusaugen scheint, bis wir selbst mitten drin sind in Gotham City, jener vermaledeiten, schluchtendurchzogenen Fantasy-Stadt, die, bis der Regisseur Christopher Nolan kam, New York meinte und jetzt von Chicago gedoubelt wird.

Vor drei Jahren hatte Nolan mit „Batman Begins“ das Fundament für seine Version der Batman-Saga gelegt, eine Version, die ohne selbstparodistische Elemente, ohne jeden Camp den Comic auflöste und weiterführte in eine existentielle Erzählung vom Sieg über die eigene Angst und die Doppelgesichtigkeit der Moral, die sich manchmal erst außerhalb der Institutionen des Gesetzes Gehör verschafft. Batman, der bürgerlich Bruce Wayne heißt und als Multimilliardär die ganze Stadt kaufen könnte, wenn er wollte, ist ein Superheld qua Training, und wenn es eine Enttäuschung gibt in „The Dark Knight“, dann die, dass man davon so wenig sieht. Christian Bale, der wieder Bruce Wayne/Batman spielt, hat monatelang die besonders anspruchsvolle Technik der Keysi Fighting Method geübt, und dann sind die Kampfszenen so nah gedreht und im Schnitt so zerhäckselt, dass man nur die blutig detaillierten Ergebnisse sieht.

Ein Denkmal für Heath Ledger

Doppelgesichtig - das ist das zentrale Motiv auch des neuen Batman-Films, ganz wörtlich in der schrecklichen Metamorphose von Harvey Dent (Aaron Eckhard), der als Sunny Boy und Hoffnungsträger von Gotham City angetreten war und als Harvey Two-Face endet. Aber auch das wahre Wesen von Bruce Wayne - das sich im ersten Teil in Batmans Taten zeigte und unter Waynes Dandytum versteckte, sobald er sein Kostüm gegen den Armani-Anzug tauschte - ist hier nicht mehr klar erkennbar. Christian Bale spielt das nahezu genial, fast inhaltsleer im Ausdruck, als wolle er dem Joker, der ihn ins Reich der Finsternis hinüberziehen will, möglichst wenig zeigen, was dieser drehen und ausnutzen könnte. Dass er sich dabei verliert, dass er als Wayne ein Nichts, als Batman fragwürdig wird, spürt als erste Rachel (Maggie Gyllenhaal hat diese Rolle von Katie Holmes aus „Batman Begins“ übernommen und trägt damit dazu bei, dass dieser Film tatsächlich einer für Erwachsene geworden ist) - und der Preis, den sie für diese Erkenntnis zahlt, ist hoch.

Vor allem aber ist es Heath Ledger, der den so gefährlichen wie verführerischen Raum der Ambivalenz bewohnt. Seine Rolle als Joker ist eindeutig. Aber da dies die letzte vollendete Arbeit des Schauspielers ist, der nach Abschluss der Dreharbeiten im Alter von nur achtundzwanzig Jahren an einer Medikamentenvergiftung starb, sehen wir in seiner Darstellung auch das Gequälte, spüren, in welcher Gefährdungszone Ledger an seiner Verkörperung des Jokers arbeitete, wie er sich ihm anverwandelte in einer Weise, die uns an diese Figur, teuflisch, wie sie ist, glauben lässt - so sehr, dass wir, wenn er uns in Schwesterntracht und unter roter Perücke vor einem lodernden Krankenhaus entgegenkommt, eine abgründige Einsamkeit zu sehen meinen, in der sich andere Rollen überblenden, der Cowboy aus „Brokeback Mountain“ oder der Sänger in „I'm Not There“. So ist „The Dark Knight“ natürlich ein Denkmal für Heath Ledger. Aber außerdem auch ein verdammt guter Film.

Text: kil / F.A.Z.
Bildmaterial: ap

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