05. November 2003 Hierankl ist ein eigenartiger Film, wobei die Betonung auf eigen liegt, nicht auf artig. Es ist der erste abendfüllende Film des jungen Regisseurs Hans Steinbichler, der auch das Drehbuch geschrieben hat.
Ungewöhnlich ist schon der Schauplatz: Hierankl, das ist der Name des Gehöfts, auf dem die Eltern von Lene leben. Es liegt, abgeschieden vom Rest der Welt, inmitten der gewaltigen Schönheit des bayerischen Voralpenlands. Hier werden wir Zeuge eines Familiendramas. Mit großer Besetzung: Barbara Sukowa spielt die Mutter, kalt, unfähig zu wirklicher Bindung. Josef Bierbichler als Vater, der, zu schwach zu gehen, längst ein geheimes Parallel-Leben führt. Frank Giering als lethargischer Bruder von Lene, Johanna Wokalek, die ihrerseits nach Hause kommt, um Fragen zu stellen. Um der Mutter abzutrotzen, was diese ihr bisher schuldig geblieben ist: eine eigene Identität.
Verzweifelt auf der Suche
Hierankl erzählt auch davon, was es bedeutet, Kind von 68er-Eltern zu sein. Was es bedeutet, Eltern zu haben, die ihr eigenes Leben gelebt haben, so erfüllt es nur ging, ihren Kindern aber für deren Weg keinen Sinn mitgeben konnten, weil sie selbst so verzweifelt auf der Suche waren.
Am selben Tag wie Lene taucht in Hierankl überraschend noch ein weiterer Gast auf. Es ist ein alter Freund der Familie, gespielt von Peter Simonischek, und Lene beginnt eine Affäre mit ihm. Vielleicht will sie ihre Mutter eifersüchtig machen, vielleicht verliebt sie sich wirklich in diesen Mann - der Film ist klug genug, das offenzulassen. Doch nun kommt alles in Bewegung. Der Mann war ursprünglich ein enger Freund der Mutter - das war lange vor deiner Zeit, wurde Lene immer gesagt. Als die Liebesgeschichte zwischen ihr und dem viel älteren Mann beginnt, nimmt das Unglück seinen Lauf, und aus dem wunderschön gefilmten (Kamerafrau Bella Halben), grandios besetzten Hierankl wird ein Film, der kaum noch zu ertragen ist. Weil er von Begebenheiten erzählt, die einem die Sprache verschlagen. Gefühlen, die größer sind als die Liebe zwischen Mann und Frau. Eine Tragödie spielt sich ab. Und mittendrin: Lene, alias Johanna Wokalek, der es in kürzester Zeit nicht weniger als ihr ganzes bisheriges Leben unter den Füßen wegzieht und unwiederbringlich in ein Reich der Lügen und der Phantasie verbannt.
Aus Skandinavien ist man solche Stoffe eher gewohnt: Familien, in denen es ein unheilvolles Geheimnis gibt, das irgendwann, am besten bei einem festlichen Anlaß, ans Licht kommt. Für einen deutschen Film ist Hierankl jedenfalls mehr als ungewöhnlich. Allein daß er finanziert wurde, grenzt an ein Wunder. Keine Komödie, kein glücklicher Ausgang - nur ein paar Menschen in einer unmenschlichen Situation. Nicht jeder wird diesen Film mögen, und das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. Hierankl ist auch ein schrecklicher Film. Und das kann auch anders gar nicht sein, weil das Gezeigte schrecklich ist.
Text: Eine längere Version dieses Artikels findet sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 2. November 2003.
