Von Gunter Göckenjan
18. Januar 2002 Der Volkshochschulkurs "Italienisch für Anfänger" bringt sie zusammen: Drei Männer und drei Frauen und ein dreifaches Happy End in Venedig. Man glaubt schon die Geigen zu hören, die soviel Romantik in den Klangmantel gütiger Realitätsferne hüllen.
Doch der gleichnamige Film - auf der Berlinale 2001 mehrfach ausgezeichnet - kommt aus Dänemark, dem Land, in dem Leute wie Arne Jacobsen stilistische Strenge zu äußerster Anmut überhöhen. Also ist der Kitsch hier eher streng, und Realitätsferne schwelgt nicht barock, sondern ist ganz nah am Menschen designt.
Symmetrie spielt Schicksal
Andreas ist verwitweter Pastor (Anders W. Berthelsen), der einen Maserati fährt. Hal-Finn (Lars Kaalund), der Manager eines italienischen Restaurants mit einer Obsession für den Fußball, verhält sich seinen Kunden gegenüber wie der Trainer einer Verlierermannschaft. Und Jörgen Mortensen (Peter Gantzler) hat den Part des schüchtern handzahmen Männchens, das seine mangelnden Erfolge beim anderen Geschlecht als Impotenz interpretiert. Diese Leute haben Ecken und Kanten, und diese wirken sehr ausgedacht.
Die drei Frauen dürfen als Typen etwas glaubwürdiger sein, Olympia (Anette Stovelbaek) ist die Schüchterne, deren Leben aus einer Serie von Unfällen besteht, die ihre Tollpatschigkeit ausgelöst hat, Karen (Ann Eleonora Jorgensen) die Selbstbewusste. Giulia (Sara Indrio Jensen) ist Halbitalienerin. Das muss in ihrem Fall als Besonderheit ausreichen.
Den beiden anderen beschert das Drehbuch Lebensumstände, die ihnen den Stempel sozialer Eigenartigkeit aufdrücken. Olympia wird von ihrem Vater terrorisiert, während Karen sich um ihre alkoholabhängige Mutter kümmert. Dann, etwa zur gleichen Zeit, sterben die Eltern der Beiden. Die Symmetrie spielt Schicksal. Nicht genug der Sonderbarkeiten, jetzt wird den beiden Hinterbliebenen eröffnet, dass sie Schwestern sind. Dies passiert in der Kirche, in der Andreas drei Beerdigungen vornimmt. Die Szenen um die Gottesdienste kommen den Erwartungen an eine Komödie noch am nächsten. Der Zuschauer überlegt, ob er jetzt lächeln soll.
Todesfälle und Hochzeiten
Wie das Leben im Kino so spielt, sind je zwei der sechs für einander geschaffen und finden schließlich auch zueinander. Die Todesfälle hatten wir schon. Vor den Hochzeiten kommt in diesem Film der Abspann, so dass er "Drei Todesfälle und ein Heiratsantrag" heißen könnte.
Auf dem Wege zum Happy End in Venedig passieren noch allerlei kuriose Dinge. So werden beispielsweise Hal-Finn und Karen immer wieder von Zärtlichkeiten abgehalten. Dann muss der liebende Fußballfan immer wieder mit der alten Frisur ihren Frisierstuhl verlassen. All das ist so lieb, dass man dem Film nicht böse sein kann.
Zurück zum kleinen Fernsehspiel
Was "Italienisch für Anfänger" zuweilen vor seiner eigenen schräg menschelnden Gutwilligkeit rettet, sind einzelne Momente echter Wärme. Die sind vor allem Karen gegönnt., aber auch die anderen Figuren finden dann und wann dank ihrer überzeugenden Schauspieler ihre Sekunden Wahrhaftigkeit.
"Italienisch für Anfänger" ist der erste Dogma-Film von einer Frau (Regie: Lone Scherfig), und das ist gut so. Leider hat die Regisseurin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, die große Geste des spontanen und ernsthaften Filmmachens, die Dogma eigentlich angestrebt hatte, zu dem zurück geführt, was darin immer versteckt war: zum kleinen Fernsehspiel.
Text: @göck
Bildmaterial: kinowelt
