Von Holger Christmann
05. September 2001 Wer als Ausländer in Madrid oder Paris vor einem großen Kino steht, der ist ein ums andere Mal erstaunt über die vielen interessanten Filme, die in Spanien und Frankreich produziert werden.
Der naive Kinogänger wundert sich dann, dass immer nur ein Bruchteil dieser Filme die deutschen Kinos erreicht. Ein Film, der es doch schafft, wie etwa Amélie, kann das Bild fast karikaturhaft verzerren. Ähnliche Gefahr droht bei dem spanischen Film Asfalto nicht. Er ist ein würdiger Repräsentant des jungen spanischen Kinos.
Und er enthält manches von dem, was typisch ist für die jungen spanischen Filmemacher: die Mischung aus fast schon grotesker Härte und Zärtlichkeit, Brutalität und Leidenschaft, all das dargeboten von Gestalten, denen man nicht wirklich böse sein kann, weil sie nette Kerle sind.
Sympathische Gauner
Daniel Calparsoro geht in dem Film Asfalto zärtlich mit seinen Figuren um. Er möchte ihnen nicht weh tun. Doch das Drehbuch macht es ihm nicht leicht. Es erzählt eine Geschichte aus dem nicht zimperlichen Drogenmilieu. Chino (Gustavo Salmerón), sein Kumpel Charly (Juan Diego Botto) und Lucia (Najwa Nimri), Chinos Verlobte, erhoffen sich vom Handel mit Koks ein anständiges Einkommen. Eine Besonderheit des Gespanns: Lucia hat auch mit Charly ein Techtelmechtel. So entsteht ein Dreiecksverhältnis, in das sich die Männer widerwillig fügen.
Bei seinen Drogendeals stellt sich das Trio eher ungeschickt an. Chinos Bruder, der Drogenfahnder Antonio, ist ihnen auf der Spur und erwischt sie auf frischer Tat. Chino wird von seinem Bruder für die Polizei zwangsverpflichtet, Charly wandert in den Knast. Und Lucia? Sie handelt unbeirrbar weiter mit Koks.
Als Drogenhändler unbegabt
Die Geschichte setzt sich fort, als Charly aus dem Knast entlassen wird. Chino hat sich inzwischen damit abgefunden, als Polizist ein Leben in den Bahnen des Gesetzes zu führen. Doch seine Verlobte kann vom Drogenhandel nicht lassen. Die Beute wird ihr geklaut, sie steht bei dem Lieferanten in der Kreide - und sucht bei Charly Zuflucht. Der verspricht, ihr zu helfen. Währenddessen will Chinos Bruder Lucia eine Falle stellen - und Chino steht zwischen den Fronten: zwischen Pflicht und Liebe.
Calparsoro erzählt diese Geschichte ohne jene monumentale Trostlosigkeit, die dem Zuschauer bei dem Drogen-Drama Blow wie Blei im Magen lag - dafür in monumental schlichten und suggestiven Bildern. Was ist es aber, was diesen Film aus der Trostlosigkeit anderer Drogenfilme heraushebt?
Hommage an die Macht es Weiblichen
Es ist wohl die Tatsache, dass es die Liebe zu einer Frau ist, die zwei junge Männer nicht aus der Kriminalität entkommen lässt. Beide wollen ihr helfen, und werden dadurch wieder in eine Welt hineingezogen, von der sie beide nichts mehr wissen wollten. Der Fiesling in Asfalto ist gerade der, der das Gesetz vertritt und dafür bereit ist, sogar seinen Bruder zu verraten.
Der baskische Regisseur nennt seinen Film eine Hommage an Madrid. Viel mehr aber ist Asfalto eine Liebeserklärung an die Macht des Weiblichen. Nach 90 Minuten würde für eine Frau wie Lucia auch der Gesetzestreueste Pferde stehlen.
Asfalto - Kalter Abendhauch, Spanien 1999. Regisseur: Daniel Calparsoro, Darsteller: Najwa Nimri, Gustavo Salmerón, Juan Diego Botto. Spanisch (mit Untertiteln)
Text: @hc
Bildmaterial: faz.net, mop
