Von Michael Althen
26. Mai 2004 Schon wieder ein deutscher Doppelschlag aus Hollywood: Nachdem vor vier Jahren gleichzeitig Wolfgang Petersens "Perfect Storm" und Roland Emmerichs "The Patriot" ins Kino kamen, liegen sie nun wieder fast gleichauf, aber mit vertauschten Rollen: Der Kostümschinken stammt diesmal von Petersen, das Wetterdrama von Emmerich.
Wobei die Kosten von "Troja" und "The Day After Tomorrow" sich in jenen Größenordnungen bewegen, bei denen man geneigt ist, Hollywoodfilmen ihre Seele abzusprechen und jeglichen individuellen Ausdruckswillen in Zweifel zu ziehen. Jenseits der Hundert-Millionen-Dollar-Grenze ist das Kino abseits der individuellen Kraftanstrengung eigentlich nur noch als Maschine denkbar, als Konglomerat wirtschaftlicher Interessen, als globales Unternehmen, dessen künstlerische Ambitionen sich im corporate design erschöpfen.
Das eigene Spielzeug zertrümmern
Jeder summer blockbuster ist seine eigene Firma, die vor allem Gewinnmaximierung im Auge hat. Studios lieben Katastrophenfilme schon deswegen, weil sich darin die eigene Größe so schön im Ausmaß des Desasters spiegeln läßt. Es ist ein Genre für verwöhnte Kinder, die ihr eigenes Spielzeug zertrümmern, um ihre Macht zu demonstrieren.
Nun muß man aber schon aus patriotischer Neigung "The Day After Tomorrow" mehr Persönlichkeit zuschreiben, als es ein so unpersönlicher Filmemacher wie Roland Emmerich eigentlich nahelegt. Und tatsächlich hat das Projekt eine Geschichte, die zwar nicht in filmischem Ausdruckswillen mündet, aber die Sache doch irgendwie beseelt und ihr vor allem eine Wirkung verleiht, mit der Katastrophenfilme zwar gerne liebäugeln, die sie aber selten erzielen.
Meistbietend versteigert
Emmerich hatte also das Buch "The Coming Global Superstorm" gelesen und daraus die Idee zu einem Klimathriller entwickelt, den er dann meistbietend unter den Studios versteigerte. Es war die Fox, die sich das Projekt sicherte und dem Regisseur den Final Cut zusichern mußte. Und auch wenn Troja eigentlich Petersens Terrain ist, erwiesen sich diese vertraglichen Garantien als trojanisches Pferd, mit dem Emmerich sein Bush-feindliches Ansinnen in Rupert Murdochs Fox Corporation schmuggelte. Denn so wie "The Day After Tomorrow" das zeigt, sind die Amerikaner der Schurkenstaat, der das Kyoto-Protokoll ignoriert und alle ökologischen Bedenken wirtschaftlichen Interessen opfert. Und über solche dezidierten Aussagen ist kein Studio glücklich, das viel Geld investiert, und auch nicht über die Aussicht, daß der Film für die Welt kein Happy-End bereithält.
Emmerich malt nun also genüßlich aus, wie die Warnungen der Klimaforscher in den Wind geschlagen werden, wie die Erderwärmung die Polkappen zum Schmelzen und damit den Golfstrom zum Erliegen bringt, wie sich das Klima schlagartig ändert, Tornados Los Angeles verwüsten und die Flut New York verschlingt und wie die Nordhälfte des Planeten von einer neuen Eiszeit heimgesucht wird. Natürlich überzeichnet er die Folgen mit jener Art von Drastik, die Wissenschaftler verzweifeln läßt, aber die das Genre eben erfordert. Im Verlauf der Diskussionen hieß es einmal, es fehle der Menschheit bei diesem Thema an Vorstellungskraft, und das Problem der Klimakatastrophe sei, daß sie noch keinen Orwell oder H. G. Wells hervorgebracht habe.
Emmerich macht seinen Punkt
Immerhin hat sie nun ihren Emmerich, dem man vielleicht wissenschaftliche Ungenauigkeiten und stilistisches Unvermögen vorwerfen kann, der aber seinen Punkt gemacht hat. Er hat das Thema in aller Munde gebracht und die Vorstellungskraft mit apokalyptischen Bildern versorgt, die einem vielleicht nicht das Blut in den Adern gefrieren lassen, aber doch einen eisigen Schauer den Rücken hinunterjagen. Und dann hat ihm die Politik auch noch den Gefallen getan, tatsächlich auf die Vorwürfe zu reagieren und etwa der Nasa einen Maulkorb zu verpassen, sich aller Kommentare zum Film zu enthalten. Nach "Independence Day" war Roland Emmerich als Rechtsaußen verschrien, jetzt ist er plötzlich ein Held der Liberalen.
Sein Film wird dadurch nicht besser, aber gewiß auch nicht schlechter - und kurzweilig ist er allemal. Emmerichs Talent bestand schon immer darin, sich dem Hollywoodkino anzuverwandeln, sich auf eine Art und Weise zu assimilieren, daß er selbst vollständig darin zu verschwinden schien. Wer nach seinen ersten Versuchen in Deutschland, die amerikanischen Muster nachzuäffen, seine Befähigung bezweifelte, sich in Hollywood durchzusetzen, mußte bald einsehen, daß die dortige Kinomaschinerie nichts so gut brauchen kann wie einen Maschinisten, der sie perfekt bedienen kann.
Was das Publikum will
Jede Illusion, es gebe dort einen Unterschied zwischen Simulation und Original, erwies sich als hoffnungslos naiv. Emmerichs Karriere baut darauf auf, daß er dem Publikum genau gibt, was es will - und keinen Deut mehr. Und so ist es natürlich die reinste Ironie, daß das erste Wahrzeichen, welches den Unwettern zum Opfer fällt, der Hollywood-Schriftzug über Los Angeles ist.
So ist auch in "The Day After Tomorrow" nichts wirklich neu oder originell. Jede Figur kennt man aus hundert anderen Katastrophenfilmen, jeder Satz wurde schon tausend Mal gesagt - selbst das Bild der aus dem Schnee ragenden vereisten Freiheitsstatue ist eine Replik auf den berühmten Schluß von "Planet der Affen". Der Film ist also die perfekte Mimikry. Aber es gelingt ihm, persönliche Schicksale (Dennis Quaid, Jake Gyllenhaal, Ian Holm, Sela Ward, Emmy Rossum) und eine globale Katastrophe halbwegs fesselnd zu verstricken und zwischendurch einen Witz zu entwickeln, den man bei so einem Film fast schon subversiv nennen muß.
Da sieht man dann nach dem Evakuierungsaufruf des amerikanischen Präsidenten, wie sich die amerikanischen Klimaflüchtlinge an der mexikanischen Grenze stauen und in Verkehrung der realen Umstände versuchen, illegal über den Rio Grande zu gelangen. Geöffnet wird die Grenze erst, nachdem der Präsident der Dritten Welt einen Schuldenerlaß verspricht. Das ist vielleicht nur ein kleiner Lacher im Kino, aber ein wirklich großer Witz für einen Blockbuster.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.05.2004, Nr. 121 / Seite 35
