Video-Filmkritiken

Kino

Atemberaubend und ergreifend: „L'enfant“

Von Michael Althen

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Filmkritik: Deborah Francois und Jeremie Renier in "L´enfant"

18. November 2005 Als die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne 1999 für „Rosetta“ in Cannes die Goldene Palme gewannen, war das eine Sensation - weil man den Eindruck haben mußte, daß Jury-Präsident David Cronenberg mit dieser Entscheidung einem Kino die Reverenz erwies, das am anderen Ende seiner eigenen Obsessionen angesiedelt ist, einem Film, dem die Wirklichkeit aufregend genug ist und der eine Geschichte erzählt, die das Kino an seinem Wegesrand sonst gern übersieht.

Als die Brüder nun in diesem Jahr für „L'enfant“ schon wieder die Goldene Palme gewannen, hielt man das zugegebenermaßen erst für einen etwas langweiligen Reflex auf einen offenbar herrschenden Mangel an sozialer Relevanz im Festivalprogramm. Ein junger Vater verkauft sein Neugeborenes, wieder eine Geschichte vom Rande der Gesellschaft - das klang nicht übermäßig attraktiv, obwohl man es nach „Rosetta“ und dem nachfolgenden „Le fils“ hätte besser wissen können. Daran kann man vor allem sehen, wie leicht man selbst dem stumpfsinnigen Reflex erliegt, seine Erwartungen ans Kino nach Oberflächenreizen auszurichten.

Was große Filme ausmacht

Denn natürlich besitzt „L'enfant“ alles, was große Filme auch sonst ausmacht: Er packt einen von der ersten bis zur letzten Minute. Und das, obwohl er es einem nicht einfach macht. Aber schließlich ist das auch keine einfache Geschichte, sondern eine jener Meldungen aus dem Vermischten, auf die man vor allem deswegen mit Kopfschütteln reagiert, weil man es lieber gar nicht so genau wissen will. Ein junger Vater verkauft sein Kind, einfach so. Und so wird es erst einmal auch geschildert, es ist ein Handel wie andere auch. Schockierend ist vor allem die Beiläufigkeit, mit der das geschieht. Aber in der Welt dieses Films ist alles irgendwie beiläufig, vorläufig, improvisiert. Nichts bleibt, alles ist im Fluß und mit jenen festgefügten Ordnungen, die ein Dach über dem Kopf ermöglicht, gar nicht zu fassen.

Es beginnt mit einer jungen Frau (Deborah Francois), die einen Säugling auf dem Arm trägt und offenbar ihren Freund (Jeremie Renier) sucht, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Die Wohnung, in der sie zuletzt gewohnt hat, ist untervermietet an ein Paar, das ihr die Tür vor der Nase zuknallt. Auf dem Handy ist er nicht zu erreichen, auch die Freunde wissen nichts. Und als sie ihn dann endlich findet, wie er auf der Straße Opfer ausspäht, die er beklauen kann, reagiert er weder schuldbewußt noch erfreut, sondern nimmt seinen Sohn mit einem solchen Desinteresse zur Kenntnis, daß man entweder an seiner Vaterschaft oder seinem Verstand zweifeln muß. Seine Freundin ist davon zwar befremdet, aber auch irgendwie entschlossen, sich nicht die Laune verderben zu lassen. So trottet sie neben ihm her, und zu dritt ergeben sie das verstörende Bild einer Kleinfamilie, die offenbar nicht weiß, was sie tut, deren Geheimnis man aber auf den Grund gehen möchte.

Existentielle Präsenz

Natürlich gibt es kein Geheimnis, es gibt nur jenes Leben auf den Straßen von Seraing, einer Industriestadt bei Lüttich, zwischen Schuppen am Flußufer, Obdachlosenheim und sonstigen Behelfsunterkünften. Das ist alles genauso trostlos, wie es klingt, bekommt aber im Film eine geradezu existenzielle Präsenz, weil alles andere ausgeblendet wird. Behaustheit ist ein Lebensgefühl, von dem die beiden kaum noch träumen können. Hinterher ist man fast verblüfft, welcher Luxus noch in den kleinsten Dingen steckt.

Die beiden sind fast noch Kinder und nehmen die Dinge eben so, wie sie sind. Wenn sie Geld erbeuten, geben sie es gleich wieder aus, und wenn sie gemeinsam Spaß haben, dann wirken sie übermütig wie junge Tiere. Aber im Unterschied zu dem Mädchen hat der Junge nichts begriffen. Er denkt, das Leben gehe ewig so weiter und das Kind sei auch nichts anderes als jenes Beutegut, das seine Hände so schnell verläßt, wie es ihm zugefallen ist. Also verkauft er es an irgendwelche Zwischenhändler, für fünftausend Euro. Er legt es in einer verlassenen Wohnung ab, ohne zu sehen, von wem es abgeholt wird, kassiert das Geld und ist zufrieden. Und reagiert völlig entgeistert, als seine Freundin einen Nervenzusammenbruch bekommt, ins Krankenhaus muß und auch dann nicht mehr mit ihm reden will, als er das Baby zurückkauft.

Was dann passiert, muß man gesehen haben, wie alles an diesem Film, der sich den Begriffen entzieht, mit denen wir unser Leben ordnen. Wie aus purer Verantwortungslosigkeit etwas wächst, wie ein Schmerz einsetzt, überhaupt ein nennenswertes Gefühl, das über den Moment hinausgeht, das ist atemberaubend und ergreifend zugleich. Denn mit dem Kind meint der Titel nicht den Säugling, sondern den Jungen, der schmerzlich lernen muß, was es heißt, erwachsen zu sein.



Text: F.A.Z., 17.11.2005, Nr. 268 / Seite 37
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von Kinowelt

 
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