Von Verena Lueken
04. Mai 2005 Kinder im Film sind meistens die Pest. Entweder sie sind unwirklich süß und ihnen wird eine Unschuld vor der Welt angedichtet, in die Erwachsene sich, offenbar dement gegenüber eigenen Erfahrungen, zurückträumen, oder sie sind Monster, die ihrerseits außerhalb des zivilisatorischen Moralkodex stehen.
Jenseits der westlichen Kinotradition, vornehmlich im iranischen Film, haben Kinder eine andere Rolle: Ihre Welt, ihre Leben sind Allegorien für das Schicksal der Erwachsenen, so daß der Niedlichkeitsfaktor dort oft deutlich geringer ausfällt. Und seit einiger Zeit entstehen Filme, die noch einmal einen ganz anderen Blick auf Kinder werfen, und es ist wohl kein Zufall, daß es in ihnen meistens um Kinder aus Kriegs- oder ehemaligen Kriegsgebieten geht, aus Uganda etwa in Lost Children von Ali Samadi Ahadi und Oliver Stoltz , aus El Salvador in Innocent Voices oder aus einer kurdischen Enklave im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Irak, wie in Schildkröten können fliegen.
Natürlich sind all diese Kinder Opfer von Kriegen, mit denen sie nichts zu tun haben. Aber sie sind auch von einer Robustheit, die ihnen die Erwachsenen des westlichen Kinos nicht zutrauen würden.
Überlebensmaschinen
Schildkröten können fliegen, bereits mit Preisen hochdekoriert, ist einerseits eine dokumentarische Studie - wie könnte das anders sein, wurde der Film doch gedreht, wo er spielt, mit Menschen, die dort leben, also im Dreck, in einem Flüchtlingslager zwischen Minenfeldern, über das immer wieder amerikanische Hubschrauber hinwegfliegen. Andererseits aber ist Schildkröten können fliegen auch ein Spielfilm, aber mit einer Geschichte, deren Wahrheitsgehalt höher sein dürfte als der zahlloser Dokumentationen, selbst wenn sie sich nicht im einzelnen genauso abgespielt haben mag.
Die Erwachsenen in dem Flüchtlingslager taugen zu nichts. Die Dorfältesten sitzen auf schmutzigen Teppichen herum, rauchen Wasserpfeife und warten darauf, was die Zukunft bringt, und das hängt zunächst einmal von der Frage ab, wann und ob die Amerikaner kommen. Der Film spielt unmittelbar vor ihrem Einmarsch. Satellit (Soran Ebrahim), der seinen Namen seiner technischen Gewitztheit verdankt, soll mittels einer Satellitenschüssel aus dem weißen Rauschen in dem kleinen Fernsehgerät ein Bild herausfiltern, zu dem Kommentare in einer Sprache, nämlich englisch, gesprochen werden, die keiner versteht. Ein Lehrer, der nächste Erwachsene, ist angesichts der chaotischen Zustände im Lager zu nichts mehr nutze. Die Kinder aber sind Überlebensmaschinen.
Sie sammeln in riesigen Körben, die sie auf dem Rücken tragen, Minen von den Hügeln, und verkaufen sie billig an Zwischenhändler, die sie ihrerseits teuer an Vertreter der Vereinten Nationen weiterverkaufen. Die zahlreichen Verkrüppelten unter ihnen bezeugen die Gefahren, mit denen dieser Broterwerb verbunden ist. Sie reparieren, was so herumliegt, bauen sich Lager in zerstörten Panzern, und Satellit etwa hat ein Fahrrad, sogar mit Hupe. Und ein verstümmelter Junge, der mit seiner Schwester und einem Kleinkind gerade erst im Lager angekommen ist, kann die Zukunft voraussagen, auch Explosionen. So rettet er dem einen oder anderen die Glieder.
Worauf ihr kurzes Leben zuläuft
Das kleine Kind, das seine vierzehnjährige Schwester Agrin (Avaz Latif) hinter sich herzieht, ist beinahe blind, und erst nach einer Weile wird deutlich, was es mit diesem Kind auf sich hat. Agrin, für die Satellit eine glühende Verliebtheit entwickelt, spricht fast nie. Doch mehr als dieser kleine Aktivist, der für die Lagerkinder die Verantwortung übernommen hat, die kein Erwachsener mehr zu tragen in der Lage ist, ist sie das spirituelle Zentrum des Films. Gleich die erste Szene zeigt, worauf ihr kurzes Leben zuläuft, und immer wieder blendet der Regisseur das Bild ihres Sprungs in den Abgrund, ihren Flug aus dem Elend ein, um seiner Geschichte einen visuellen Anker zu geben, und sei's das Bild des selbstgewählten Todes.
Bahman Ghobadi, der diesen Film gedreht ist, ist Kurde. Er hat lange in Iran gelebt und dort gearbeitet, möchte aber nicht als Regisseur des iranischen Kinos gelten. Tatsächlich entwickelt er in seinem jüngsten wie schon in seinem früheren Film, Zeit der trunkenen Pferde, eine Form des poetischen Neorealismus, die sich vom allegorischen iranischen Kino absetzt und in seiner Formensprache viel klarer ist als dieses. Es gibt keine kurdische Filmtradition. Vielleicht aber erleben wir mit den Filmen von Ghobadi gerade ihre Geburt.
Text: F.A.Z.
