Video-Filmkritiken

Kino

Roboterfilm-Recycling: „I, Robot“

Von Michael Althen

Video in voller Größe

05. August 2004 Einen kurzen Moment lang, wenn sich die Aufregung des Anfangs gelegt hat und der Film auf sein Gleis gesetzt ist, hat man tatsächlich den Eindruck, eine der spannendsten Zukunftsvisionen seit "Blade Runner" zu sehen - bis man dahinterkommt, daß das vor allem an der Art liegt, wie sich "I, Robot" bei dieser und bei anderen filmischen Vorlagen bedient.

Die allmächtige Corporation, deren technologische Segnungen nach und nach die Menschheit unterjochen; der Cop, der nicht nur von Berufs wegen die Maschinenmenschen nicht leiden kann; die Roboter, die von Selbstzweifeln angekränkelt werden, kaum daß sie ein Selbstbewußtsein entwickelt haben - das alles sind Grundmotive des Genres.

HAL bleibt unerreicht

Wobei gerade das emotionale Gefälle zwischen der schwer vermittelbaren Aggressivität des Cops und der fast schon sympathischen Melancholie der Menschmaschinen auch hier das Herz des Films ist. Das Selbstbewußtsein, das der Titel ausdrückt, ist trotzdem die reinste Aufschneiderei. Auch in der Zukunft des Jahres 2035 läuft die Identifikation über den Menschen, so daß der Film eigentlich immer noch "You, Robot" heißen müßte. So bleibt der einzige Science-fiction-Film, dem eine wirklich überzeugende Maschinenperspektive gelungen ist, weiterhin Kubricks "2001", dessen Held HAL bis ans Ende unserer Tage "Hänschen klein" singen wird.

Roboter sind in der Vision von Alex Proyas die treuesten Gefährten des Menschen, im Straßenbild der Zukunft nicht ungewöhnlicher als heutzutage Hunde oder Paketboten. Sie sehen aus wie Crashtest-Dummies aus Muranoglas, und ihre milchige Transparenz bildet einen aparten Kontrast zur fleischlichen Konsistenz der Menschen. Wie sie sich als blasse Schatten unter die Passanten mischen, wirken sie wie Phantome aus dem Reich der Toten.

Ist Roboterhaß rassistisch?

Die Menschheit hat sich an sie gewöhnt, und sie scheinen keinen zu stören - außer dem Cop Del Spooner, der sie mit einer Hartherzigkeit verfolgt, die man Rassismus nennen müßte, wenn es sich denn um Menschen handelte. Daß der schwarze Schauspieler Will Smith den Roboterhasser spielt, gehört durchaus zu den feineren Ironien dieses Films.

Was die Geschichte in Gang bringt, ist der Selbstmord jenes Wissenschaftlers, der nicht nur die Roboter entwickelt, sondern auch dem Cop nach einem Unfall eine Armprothese verpaßt hat, die so gut wie echt aussieht und funktioniert. Spooner ist dem Toten also persönlich verbunden - und bezweifelt deshalb die These vom Selbstmord, auf die sich die Corporation und seine Kollegen allzu bereitwillig festlegen. Er hält beharrlich an seinem Verdacht fest, ein Roboter habe den Mann auf dem nicht vorhandenen Gewissen.

Die drei Gesetze der Robotik

Er wird aber nur verlacht, weil jene drei Gesetze der Robotik, die Isaac Asimov einst aufgestellt hat und die auch hier als oberstes Gesetz gelten, genau das verhindern: "1. Ein Roboter darf keinem Menschen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, daß einem Menschen Schaden zugefügt wird. 2. Ein Roboter muß jedem Befehl eines Menschen gehorchen, sofern dies nicht im Widerspruch zum ersten Gesetz steht. 3. Ein Roboter muß seine Existenz erhalten, sofern dies nicht im Widerspruch zum ersten oder zweiten Gesetz steht."

Spooner wird also nicht eher ruhen, bis er eine Erklärung für das Paradox liefern kann, daß sich ein Roboter über diese Gesetze hinweggesetzt haben soll. Für seine Ermittlungen bekommt er eine Wissenschaftlerin (Bridget Moynahan) zur Seite gestellt, deren schöne, traurige Augen ahnen lassen, daß sie tiefer empfindet, als sie zugeben darf. Schon deshalb ist sie die wahre Heldin eines Films, in dem sich sonst alles an der Oberfläche abspielt.

Ohne größere menschliche Intelligenz

Und natürlich gibt es auch noch einen Roboter, der aus der Reihe tanzt und deshalb einen eigenen Namen bekommt: Sonny. Das Drehbuch von Jeff Vintar und Akiva Goldsman verwendet eine Menge Zeit darauf herauszufinden, wer eigentlich spricht, wenn Sonny "I, Robot" sagt. Der Turing-Test, mit dem die künstlichen von den menschlichen Intelligenzen geschieden werden, kommt allerdings in Hollywood schnell an seine Grenzen, weil dort die wenigsten Drehbücher den Test bestehen würden. Auch hier gibt irgendwann eine Drehbuch-Software den Ton an, die ganz gut ohne größere menschliche Intelligenz auszukommen scheint.

Zu den Einfällen, deren Kalkül den Verdacht nährt, die Intelligenz der Studiobosse gehe kaum über die von Rechenmaschinen hinaus, gehört eine Szene, die so ungeniert für eine Sportschuhmarke wirbt, daß man sie ungeschnitten in der Vorabendwerbung verwenden könnte. Product Placement wie dieses billigt den Zuschauern offenbar nur noch die Reflexe von Robotern zu. Falls es sich um Ironie handelt, ist sie in diesem Fall weniger fein gestrickt.

Smith wie immer gut anzusehen

Ansonsten ist Regisseur Alex Proyas geschickt genug, die Erinnerungen an seine diversen Kinovorbilder so miteinander zu verweben, daß die Reminiszenzen nicht allzu augenfällig werden: hier ein wenig "Terminator", dort ein Stück "RoboCop", dazu ein Schuß "A.I.", das Ganze mit "Blade Runner" unterlegt, und den Rest erledigt Will Smith, der immer gut anzusehen ist.

Was "I, Robot" bei all dem Recycling freilich abgeht, ist jene Originalität, die aus einem Monolog wie dem des Androiden Roy in "Blade Runner" spricht: "Ich habe Dinge gesehen, die ihr nicht glauben würdet. Aber all diese Momente werden sich in der Zeit verlieren, wie Tränen im Regen." Hier kann sich Sonny noch so anstrengen, unsere Herzen zu erweichen - am Ende bleibt doch der Verdacht: "It's a Sony."



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2004, Nr. 179 / Seite 31
Bildmaterial: 20th Century Fox

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche