Von Michael Althen
03. März 2005 Selten wirkte Asien so modern wie in Michael Winterbottoms Zukunftsvision Code 46. Dem unglaublich vielseitigen Briten, der mit In This World bei der Berlinale 2003 den Goldenen Bären gewann, gelingt jene Art von Science-fiction, die aus der Zukunft keine Wissenschaft macht, sondern einfach die Gegenwart in einem neuen, aufregenden Licht zeigt.
Winterbottom hat in Schanghai und Dubai gedreht und deren Architekturen zu einer futuristischen Metropole zusammengeschnitten, die von Wüste umgeben ist, so wie er das Englisch als Verkehrssprache mit internationalen Wortbrocken zu einem plausiblen Sprachmix verquirlt hat. Die Klimakatastrophe hat stattgefunden, die Welt ist versteppt, und die Städte sind Sicherheitszonen, die von der Sphinx Corporation kontrolliert werden. Identität, Biographie, Vermögen, alles ist auf Pässen verzeichnet; wer keinen hat, lebt vor den Toren in Lagern.
Ein großartiges Double Feature
Die Idee, sagt Winterbottom, sei ihm bei den Dreharbeiten zu seinem Flüchtlingsdrama In This World gekommen. Tatsächlich ergeben die beiden Filme zusammen ein großartiges Double Feature - hier die albtraumhafte Realität, dort der sehr realistische Albtraum einer Zukunft, die schon begonnen hat.
Tim Robbins spielt einen Detektiv, der eine undichte Stelle in der Paßdruckerei finden muß. Er hat bald eine junge Frau (Samantha Morton) im Verdacht, die er aber deckt, weil er sich zu ihr hingezogen fühlt. Tatsächlich hat sie denselben genetischen Code wie seine Mutter, und so schleicht sich in diese geklonte Zukunft ohne viel falado ein Stück griechischer Mythologie. Die atemberaubenden Bilder von Alwin Kuchler und die tolle Musik von David Holmes machen aus Code 46 mit wesentlich bescheideneren Mitteln eine viel überzeugendere Zukunftsvision als Minority Report.
Text: F.A.Z.
