Video-Filmkritiken

Kino

Die Mafia endet nie: „Hundert Schritte“ im Kino

Von Andreas Kilb

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Film-Kritik: Luigi Lo Cascio in "Hundert Schritte"

28. August 2003 Giuseppe Impastato hat wirklich gelebt. Er war tatsächlich der Sohn eines kleinen sizilianischen Mafioso in der kleinen sizilianischen Stadt Cinisi. In den sechziger Jahren gründete er eine kommunistische Lokalzeitung und leitete die Proteste der örtlichen Bauern, die für den Bau der dritten Start- und Landebahn des Flughafens von Palermo enteignet wurden. Später war er der Anführer der Gruppe "Musica e cultura", Direktor des unabhängigen, mafiafeindlichen Radiosenders "Radio Aut" und Kandidat einer sozialistischen Splitterpartei, und in der Nacht des 8. Mai 1978 wurde er wahrhaftig auf grauenhafte Weise ermordet.

Vierundzwanzig Jahre später, im April 2002, verurteilte ein Schwurgericht in Palermo Mafiaboß aus Cinisi für den Mordauftrag an Impastato zu lebenslanger Haft. Marco Tullio Giordanas Film "Hundert Schritte" hat nicht wenig zur Beschleunigung des Verfahrens beigetragen.

Aus dem Mafiabilderbuch

Giuseppe Impastato hat wirklich gelebt, aber wenn man die ersten Minuten von "Hundert Schritte" sieht, könnte man meinen, er sei eine ganz und gar erfundene Figur. Sizilien, die fünfziger Jahre: zwei kleine Jungen vor dem Spiegel, frisch gekämmt, singen "Volare!". Dann eine Großfamilienhochzeitsfeier unter der Pergola im Gutshof: der dicke Padrone, sein dünner Konkurrent, dazu Cousin Tony aus Amerika - gegelte Haare, geölte Dialoge, ein Mafialeben aus dem Mafiabilderbuch. Der Dicke wird wenig später in einem Auto in die Luft gesprengt, und auch das ist polizeilich verbürgt. Aber man glaubt es nicht.

Was man glaubt, ist, daß hier ein Regisseur um einen neuen Ausdruck für ein altes Thema ringt, eine neue Sprache für das ehrwürdige Genre des Mafiafilms. In den sechziger und siebziger Jahren gab es die düsteren Verschwörungsszenarien von Francesco Rosi ("Die Hände über der Stadt"), in den Achtzigern die Fernseh-Epen eines Damiano Damiani ("Allein gegen die Mafia"), und nun ist Marco Tullio Giordana an der Reihe, dem Immergleichen einen weiteren Dreh zu geben, denn die Mafia und das Kino enden nie. Und Giordana, Jahrgang 1950, hat auch eine Idee; sie lautet: "Jahrgang 1950". My generation. Aber zuerst müssen die alten Geschichten abgearbeitet werden, die alten Bilder. Und so wühlt sich der Film durch die Mafia-Ikonografie vergangener Zeiten, zäh und bedächtig. Erst dann, nach zwanzig Minuten denkmalpflegerischer Mühsal, faßt er allmählich Tritt.

Mythos, Muster, Musik

Dann aber gelingt den "Hundert Schritten" etwas, was man so im Kino noch nicht gesehen hat: eine Fusion. Eine Verbindung aus einem Mythos, einem Muster und einer Musik. Der Mythos ist Giuseppe Impastatatos Lebenslauf. Wir sehen, wie der junge Peppino (Luigi Lo Cascio) auf Frauen, Drogen und Rock'n'Roll vorläufig verzichtet, um sich mit den Mafiamächtigen anzulegen. Den Hippies, die sich in seinem Sender einnisten, um ihn zu "entprovinzialisieren", stellt er die Haschpfeife vor die Tür; lieber redet statt raucht er sich um Kopf und Kragen.

Sein wahrer Gegner aber ist sein Vater (Luigi Maria Burruano), der Mafia-Gastronom, dessen Pizzeria unter den Wortanschlägen aus Peppinos Radiosender in die Knie geht. In dieser Konstellation reichen sich Ödipus und die Cosa Nostra die Hand; so also, als Vater-Sohn-Konflikt, läßt sich die Geschichte auch erzählen (wenn man davon absieht, daß Coppola sie im "Paten" schon vor dreißig Jahren so erzählt hat - aber das war in Amerika, dies ist Italien).

Muster des Meisters

Während Impastato den Vater brüskiert, bringt er seiner Mutter (Lucia Sardo) das Muttergedicht von Pier Paolo Pasolini bei - " . . . und deine Liebe ist meine Sklaverei" - und macht seinen anfangs mißtrauischen Bruder (Paolo Briguglia) zum Bundesgenossen seiner Medienfeldzüge. Die Ermordung des Vaters schweißt die drei dann endgültig zusammen. Giordana, der vor acht Jahren einen beeindruckenden Film über den Prozeß gegen Pasolinis Mörder gedreht hat, konstruiert die italienische Kleinfamilie nach dem Muster seines Meisters: der verlorene Sohn, der hilflose Patriarch, und zwischen beiden, tragisch verstrickt, die Mutter. Als der Patriarch tot ist, tritt der Sohn sein Erbe an. Erst jetzt wird er für die Mafia wirklich zur Gefahr.

Und über alledem liegt wie eine Wolke aus Sehnsucht und Erinnerung das alte Lied von Procol Harum: "A Whiter Shade of Pale". Es zieht eine blutrosa Schleife um die Straßen und Plätze von Cinisi, es webt die traurige Moritat von Giuseppe Impastato, dem Radioritter ohne Furcht und Tadel, mit ein in den Sound- und Geschichtenteppich der Achtundsechziger, ins Wunschkonzert des heutigen Establishments.

Kämpfer einer Generation

Impastato war ein Einzelkämpfer, aber durch Giordanas Film wird er zum Kämpfer einer Generation, und die Songs, die er zugunsten von antimafiosen Wortbeiträgen in "Radio Aut" ausblendete, strömen als tönender Balsam um die Epopöe seines Lebens. Hundert Schritte sind es von Peppinos Elternhaus bis zum Stadtpalast des Mafiabosses Tano, und von diesen cento passi hat der Film seinen Titel; doch die viel wichtigere Distanz, die er dramaturgisch überwindet, ist die zwischen Popkultur und linkem Engagement. In Italien, wo die Feste der "Unita" die Kirmes ersetzen, war dieser Abstand immer gering, aber in "Hundert Schritte" wird er praktisch aufgehoben. Daß auch die Mafia Procol Harum hört, ist für Giordana augenscheinlich undenkbar. Erst die nächste italienische Regisseursgeneration wird sich dieser Einsicht stellen.

Im Mai dieses Jahres lief Marco Tullio Giordanas neuer Film, "La Meglio Gioventu", auf dem Filmfestival in Cannes. Eine Familien- und Epochengeschichte: vierzig Jahre in sechs Stunden. Zwei Brüder, ihre Eltern, ihre Lieder, ihre große Liebe. Und ein bißchen Politik. Wenn Giordana diesen Weg konsequent weitergeht, muß sein nächster Film hundert Stunden dauern. So viel Zeit braucht man schon für die Saga einer Generation.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Mittwoch, 27. August 2003, Nr. 198 / Seite 35

 
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