Von Verena Lueken
10. März 2005 Ramón, fünfundfünfzig Jahre alt, lebt im Haus seines älteren Bruders. Seine Schwägerin umsorgt ihn, sein Neffe ist ihm wie ein Sohn. Ramón hat einen scharfen Verstand, verführerischen Charme und schlagfertigen Witz. Die Frauen mögen ihn, sie konkurrieren um seine Zuneigung, und auch er mag die Frauen.
Musik und Gedichte bedeuten ihm viel, manchmal erfindet er etwas Nützliches, das sein Neffe dann baut, und vor seinem Fenster liegt in saftiger Herbheit Galicien. Ramón will sterben. Seit er vor achtundzwanzig Jahren mit einem Kopfsprung ins flache Wasser tauchte und sich das Genick brach, ist er querschnittsgelähmt. Nur seinen Kopf kann er bewegen, die Augen, den Mund. Wäre er gesund, gäbe es kein Gesetz, das ihn hindern könnte, sich zu töten. Ramón aber, der allein nicht leben kann, kann ohne Hilfe auch nicht sterben.
Der Fall erschütterte Spanien
Der authentische Fall, auf dem der junge spanische Regisseur Alejandro Amenábar das Drehbuch zu seinem Film Das Meer in mir aufgebaut hat, hat Spanien erschüttert - 1998, als Ramón Sampedro vor laufender Videokamera durch einen Strohhalm eine Zyankalilösung trank und starb, in den Jahren davor, in denen er um sein Recht auf einen würdigen, das heißt auch: nicht gesetzeswidrigen Tod gekämpft hatte, und kürzlich noch einmal, nachdem die Freundin, die Ramon damals half, an die Öffentlichkeit trat (siehe auch: Spaniens berühmtester Fall von Sterbehilfe: Die Freundin von Ramón Sampedro gesteht ihre Tat).
Amenábars Film - der wohl der Anlaß zu diesem Schritt war, denn dort kommt die Figur natürlich vor, Amenábar hat mit dieser Frau gesprochen und ihre Darstellerin auch - wurde vor allem von der Kirche und kirchlichen Verbänden scharf kritisiert, weil er ein Plädoyer für die Euthanasie sei. Diesen Vorwurf teilten offenbar weder die Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig, die ihn und seinen Hauptdarsteller Javier Bardem im vergangenen Jahr auszeichnete, noch die spanischen Zuschauer, die ihn zu einem Erfolg werden ließen, und auch nicht die Filmakademie in Hollywood, die dem Meer in mir vor wenigen Tagen einen Oscar als bestem ausländischen Film verlieh.
Natürlich war es nicht so
Die Frage aber, die sonst immer als erste bei Filmen gestellt wird, die auf tatsächlichen Gegebenheiten beruhen - war es wirklich so? -, ist in diesem Fall kaum je hervorgekramt worden, als wüßten plötzlich alle, was immer gilt: Natürlich war es nicht so, weil es im Kino niemals so ist, wie es war.
Das Meer in mir ist ein Melodram, eine Form, in der das Leben selten vorkommt. Weil es hier um den Tod geht, ist es die einzig mögliche. Denn im Kino ist das Melodram, außer dem Vortrag vielleicht, das einzige Genre, in dem das Sterben und der Tod pur und ohne Sinnüberwölbung verhandelt werden können. Den Vortrag hielt uns 1989 Kieslowski mit seinem Film über das fünfte Gebot Du sollst nicht töten. Das Melodram gibt uns nun Amenábar.
Die Faszination des Sterbens
Der Spanier gilt seit seinen Filmen Abre los ojos und The Others als einer der talentiertesten Regisseure seiner Generation der etwa Dreißigjährigen, und seine Phantasie kreist, wie es scheint, in immer wieder anderen Bewegungen, immer um das eine Thema. Keiner schaut mit ähnlicher Faszination wie er auf den Tod und das Zwischenreich des Sterbens, in dem das Leben am Ende, der Tod aber noch nicht eingetreten ist.
Bin ich denn der einzige hier, der ans Sterben denkt? fragt Ramón einmal, weil er sich über die Angst und die Verdrängung ins Tabu wundert, mit denen die ihm Nächsten seinen Todeswunsch parieren. Man meint, in dieser Frage den Regisseur zu hören, als wundere auch er sich, daß dieses Thema, in dem sich alle anderen großen Themen vereinen, als Filmstoff bis heute nicht wirklich gefragt ist.
Verlust, Verzicht, Verstehen - Vergessen
Doch wie sonst, scheint er zu fragen, außer im Schatten des Todes, ließe sich gleichzeitig von Liebe, von Freiheit, von Phantasie, Erinnerung und Hoffnung, von Verlust, Verzicht, Verstehen und auch von der Angst und vom Vergessen erzählen? Von alldem also handelt Das Meer in mir, und von alldem können wir in den Zügen Ramons, wie Javier Bardem ihn spielt, lesen.
Bardem ist zwanzig Jahre jünger als die Figur, die er spielt, aber die Maske hat ihn glaubhaft in einen Mann verwandelt, der seit fast dreißig Jahren bewegungsunfähig im Bett liegt, mit der teigig gewordenen Haut, den grotesken Verformungen der Hände und Füße, dem aufgeblähten Brustkorb über schmächtigen Lenden, den herabhängenden Schultern, an denen leblose Arme ziehen.
Keine Einladung zum Mitleid
Mit diesem nutzlosen Körper kann der Kopf sich nicht abfinden, aber das Leid Ramóns lädt nicht zum Mitleid ein. Jedes Interesse, das durch ihn und sein Schicksal Sinn ins eigene Leben bringen soll, durchschaut er, seinerseits mitleidlos. Ich hoffe, so empfängt er die Freundin, die ihm später beim Sterben helfen wird, du bist nicht wieder gekommen, um mir deine Lebensfreude anzudrehen. Sie hatte über sein Leben geurteilt, das ihr so freudlos nicht schien.
Da die Deutschen vom Synchronisieren der Originalstimmen und -sprachen offenbar nicht lassen wollen, können wir die Leistung Bardems nur teilweise würdigen. Seine physische Präsenz, in die er andere Rollen gekleidet hatte, ist hier fast ohne Bedeutung. Was ihm bleibt, sind die Augen, die Mimik und vor allem Stimme und Sprache. Beides leiht ihm nun Martin Umbach, und er macht seine Sache gut, aber natürlich verlieren wir die Nuancen, hören nicht den galizischen Dialekt, nicht Bardems Timbre, die Redegeschwindigkeit. Dasselbe gilt für die anderen Rollen, die ausnahmslos sehr gut besetzt sind, die Schwägerin (Mabel Rivera), der Neffe (Tamar Novas), die Anwältin, die ihm helfen will, ihn liebt und ihn verläßt (Belén Rueda), und Gene, die Aktivistin (Clara Segura), die wünscht, er könnte leben wollen.
Es wäre richtig gewesen zu sterben
Dreimal sehen wir den fatalen Sprung Ramóns, hören den Aufprall des Kopfes auf hartem Grund, spüren den Schock, der langsam nachläßt, je weniger Luft Ramón noch bleibt, ahnen den Frieden, der sich gleich über diesen treibenden Körper legen wird, und sind selbst schon ganz umfangen von der Ruhe, die jeden Moment einsetzen muß - da reißt ein Retter Ramóns Kopf aus dem Wasser, mit einer Gewalt, die dem Aufprall gleicht, und was zu Ende war, beginnt in einer Schrumpfform von neuem. Das ist es, was der Gelähmte, der Fast-schon-Gestorbene, nicht akzeptieren kann und will. Es wäre richtig gewesen zu sterben.
Ramón Sampedro hat ein Buch geschrieben, das Briefe aus der Hölle heißt und das auch im Film eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Diese Hölle ist das einzige, woran Amenábar scheitert. Wir sehen diese Hölle nicht, wir spüren sie nicht, und in diesem Film voller physischer Evidenz und sinnlicher Unmittelbarkeit, in dem wir mit Ramón über die Landschaft fliegen, bis das Meer vor uns liegt, in dem wir die Feuchtigkeit der Bäume vor dem Fenster zu spüren meinen, in diesem Film also, in dem wir uns so viel vorstellen können, ist die Hölle nur Teil eines Buchtitels, ein Wort auf Papier.
Wir haben das Recht zu leben, sagt Ramón einmal, aber nicht die Pflicht. Vielleicht liegt der Eingang zur Hölle da, wo das Recht zu sterben der Pflicht zum Leben weichen muß.
Text: F.A.Z., 09.03.2005, Nr. 57 / Seite 37
