Video-Filmkritiken

Kino

Wem der Gong schlägt

Von Andreas Kilb

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Film-Kritik: George Clooney und Sam Rockwell in "Geständnisse"

23. April 2003 Falls Hugo Egon Balder, der RTL-Moderator ("Tutti frutti") verblichenen Angedenkens, oder der öffentlich-rechtliche Bildschirmclown Jürgen von der Lippe irgendwann auf den Gedanken kommen, ihre Memoiren zu schreiben, sollten sie vorher Chuck Barris lesen. Denn Barris, Erfinder und zuletzt auch Conférencier von epochalen amerikanischen Bildschirmereignissen wie der "Gong Show" und der Kuppelshow "The Dating Game", hat vorgemacht, wie man einer Fernsehkarriere Dauer verleiht.

Ende der siebziger Jahre, als Barris' Produktionen immer seltener ausgestrahlt wurden und der Untergang des Abendlandes, den Kritiker seiner Shows turnusmäßig ausgerufen hatten, lange vorbei war, setzte er sich in New York an einen Hotelschreibtisch und verfaßte seine Autobiographie. In ihr enthüllte er, daß er neben seiner Fernsehtätigkeit eine Laufbahn als Auftragsmörder für die CIA verfolgt und dabei insgesamt dreiunddreißig Menschen umgebracht habe. Einzelne Sendungen etwa des "Newlywed Game", behauptete Barris, hätten sogar als Tarnung für seine diskreteren Erledigungen gedient. Bis heute gibt es in Amerika kaum jemanden, der Chuck Barris' Münchhausiaden glaubt. Aber es gibt auch niemanden, der das Gegenteil bewiesen hätte. So fabriziert man Legenden.

Daß Barris' Buch nun verfilmt worden ist, kann niemanden erstaunen. Erstaunlicher ist, daß es zwanzig Jahre lang liegengelassen wurde, daß kein Produzent, kein Regisseur den Drang spürte, diese Geschichte zu erzählen. Und erst recht, daß niemand eine Fernsehserie aus "Confessions of a Dangerous Mind" gemacht hat. Offenbar gibt es eine tiefe Unfähigkeit dieses Mediums, sich selbst zu reflektieren. Was das Fernsehen wirklich ist, kann nur in einem anderen Medium gezeigt werden - in der bildenden Kunst oder auf der großen Leinwand. Robert Redford ("Quiz Show"), Peter Weir ("Die Truman Show") und Gary Ross ("Pleasantville") haben es vorgemacht, nun macht es George Clooney.

Daß Clooney Regie führt, ist die zweite Überraschung dieses Films. Nicht zum ersten Mal hat die Welt George Clooney unterschätzt. Bevor er in Steven Soderberghs "Out of Sight" Jennifer Lopez verführte, hielt man ihn für ein Bildschirmgesicht. Mit "Confessions of a Dangerous Mind" beweist Clooney jetzt, daß er seine Fernseherfahrungen auf dem Weg ins Kino nicht vergessen hat. Es gibt etwas im Rhythmus, in den Gesten und Bewegungen dieser Geschichte, das keine bloße Erfindungskraft zustande brächte. Der Film riecht, schmeckt und schwitzt nach Fernsehen.

Alles beginnt damit, daß Chuck Barris (Sam Rockwell) in den fünfziger Jahren nach Philadelphia zieht, um berühmt zu werden. Er ist jung, er ist verrückt nach Frauen, und er hat verrückte Ideen. Das genügt. Das genügt nicht. Die Direktoren des Senders ABC lassen Barris abblitzen. Da tritt Jim Byrd (gespielt von Clooney selbst) in sein Leben, ein Mann mit Hut und Schnurrbart wie aus einem alten Agentenfilm. Er wirbt den Gernegroß für eine CIA-Ausbildung an. Und nun wird es interessant, denn Barris führt die mörderischen Geheimaufträge, die er alsbald in Mexiko, Helsinki, Ost-Berlin und anderswo zu erledigen hat, mit derselben Miene aus, mit der er später in seiner "Gong Show" vor dem Studiopublikum stehen wird. Der diplomierte Killer taugt auch zum Moderator - und zum Fernsehproduzenten sowieso, denn als Nachwuchsagent weiß er genau, worauf es ankommt: die Tarnung wahren und aus dem Hinterhalt zuschlagen. Fernsehen, lernen wir in "Confessions of a Dangerous Mind", ist die reine Konspiration.

Clooney und sein Hauptdarsteller Sam Rockwell glauben von Barris' Geschichte kein Wort. Dennoch erzählen sie sie vollkommen glaubwürdig: als Halluzination eines Rappelkopfes, der nur in seinen Einbildungen frei atmen kann. Um den Fiktionscharakter seiner Bilder zu unterstreichen, hat Clooney sie auf alle möglichen Weisen digital manipuliert, er hat sie in Rot- und Schwarzweißtöne getaucht, gekörnt, zerstückelt und beschleunigt, aber Rockwell verfügt über ein viel simpleres und ebenso wirkungsvolles Kunstmittel: Er blickt in die Kamera, wie man in einen Spiegel blickt. Sein Gegenüber ist er selbst. Barris' Autismus ist so grenzenlos wie der des Mediums, das er bedient. Deshalb hat er Erfolg: Er hält Millionen seinen Spiegel vor.

Das "Confessions"-Projekt hatte schon einige Zeit in den Regalen der Filmstudios gelegen, ehe es durch Clooneys Engagement bankable wurde. Clooney brachte Drew Barrymore, Julia Roberts und Rutger Hauer mit - die eine spielt Barris' Ehefrau, die beiden anderen seine Agentenpartner bei der CIA. Das Drehbuch schrieb Charlie Kaufman, der gerade mit "Being John Malkovich" bekannt geworden war, und Steven Soderbergh, Clooneys Freund und Förderer, legte als Executive Producer Hand an. So ist "Confessions of a Dangerous Mind" ein Gemeinschaftsprojekt von Virtuosen geworden, mit Szenen, die kleine Kabinettstücke sind, mit Gags und Tricks und visuellen Flottheiten allerorten.

Man fühlt sich prächtig unterhalten durch diesen Film, aber nach einer Stunde hat man seine Bilder vergessen, und zurück bleibt ein Bittermandelgeschmack, ein Geruch lähmender Traurigkeit. Denn den größten Betrug hat Chuck Barris nicht am amerikanischen Publikum begangen, sondern an sich selbst. Als ihn Clooney am Ende persönlich zu Wort kommen läßt, phantasiert er von einer Talkshow mit drei Greisen, die eine Art russisches Roulette gegeneinander spielen. Wer überlebt, gewinnt einen Kühlschrank.

Andererseits läßt sich auch mit Filmen etwas gewinnen. Und so hat Barris die Adaption seines Buches zum Anlaß genommen, mit einer Band die CD "Confessions of a Dangerous Singer" aufzunehmen. Auch eine Fortsetzung seiner Autobiographie soll in diesem Jahr erscheinen. Titel: "Unkraut vergeht nicht". Das ist nun wirklich nicht gelogen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.2003, Nr. 94 / Seite 37

 
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