Video-Filmkritiken

Kino

Brilliant: „Gosford Park“

Von Gustav Federhenn

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12. Juni 2002 In einem englischen Landhaus im Jahre 1932 treffen sich Familienmitglieder und Freunde der McCordles. Ensemble-Meister Robert Altman hat für dieses Spektakel alle lebenden großen Schauspieler Englands versammelt, Michael Gambon und Kristin Scott Thomas.

Wie alle guten Filme, so sieht man auch Robert Altmans „Gosford Park“ am besten ohne zu viele Vorinformation und ohne den Reiseführer durch den Abend, zu dem Filmkritiken unweigerlich werden. Allzu leicht nimmt die Pfadfinderleistung des Kritikers neben der Freude am Selbstendecken auch die Frische der angenehmen Überraschung. Deshalb soll hier über den Verlauf des Films nur wenig gesagt werden.

Wie es für alle bedeutenden Robert Altman-Filme zutreffen würde, so könnte eine Beschreibung der Handlung ohnehin nichts weiter bewirken als die Vielschichtigkeit auf ihren einfachsten und unwichtigsten Faktor zu reduzieren. Es geht bei Altman nicht darum, die Vorwärtsbewegung einer Geschichte möglichst schnell in Gang zu bringen und dann die Geschwindigkeit zu halten. Seine Kreationen sind keine rasenden Fortbewegungsmittel für Stars - weshalb auch der Faktor Action kaum eine Rolle spielt - sie sind nicht Vorwand, um das Ausnahme-Individuum in Szene zu setzen; die besten seiner Filmgeschichten konzentrieren sich auf die Interaktion der Personen untereinander.

Mehr Schein als Sein

Oft ironisieren sie dabei auf vergnügliche Weise soziale Strukturen. In „Gosford Park“, wo die Gesellschaft da oben meist über ihre Verhältnisse lebt und die Dienstboten im unteren Teil des Hauses wirken, wird nicht die allzu offensichtliche Trennung der Klassen thematisiert, vielmehr werden die Hierarchien ironisiert.

Alle sind hier von dem Hausherrn finanziell abhängig. Diese Macht spielt der aus. Die Macht der anderen liegt in ihrer Herkunft und den guten Manieren, auch sie spielen diese aus gegen den Hausherrn Sir William McCordle, den steinreichen Kriegsgewinnler, einen Barbaren im Aristokraten-Land. Wunderbar witzig in ihrer gelangweilten, verbalen und gestischen Bösartigkeit ist seine Gattin Lady Sylvia, die Kristin Scott Thomas als lupenreinen Aristokraten-Vamp gibt.

Umwerfend komisch in ihrer trocken versnobten Art ist auch die Countess of Trentham, die von Maggie Smith gespielt wird. Mit dabei Lady Sylvias Schwester (Geraldine Somerville), die wie Sylvia reich heiraten musste, weil sie nichts als ihren Adelstitel besaß. Außerdem sind mit von der Partie ihr Mann Commander Anthony Meredith (Tom Hollander), ein Hollywood-Star (Jeremy Northam), ein Hollywood-Produzent (Bob Balaban) und sein „Diener“ (Ryan Phillippe).

Verwirrendes Beziehungsgeflecht

Im Diener-Geschoss arbeiten Englands Spitzenschauspieler wie Helen Mirren, Alan Bates, Eileen Atkins, Richard E. Grant, Derek Jacobi und Emily Watson. So viele große Namen in einem Haus, das erinnert an berühmte Agatha Christie Verfilmungen wie „Tod auf dem Nil“. Doch obwohl auch Altmans 137 Minuten langer (aber nie langweiliger) Film gegen Ende ins Kriminal-Genre überwechselt, werden seine Figuren nie Puppen im Kommissar-Spiel (einzige Ausnahme: Stephen Fry als Kommissar).

Altmans Figuren können ihr Leben entfalten, weil der Regisseur sie auf verschiedenen Ebenen miteinander kommunizieren lässt. Keine der Personen hat hier allein die Aufgabe, die Handlung fortzubewegen. Jede scheint zu jeder anderen eine einmalige Beziehung zu haben, was bei der Anzahl von Personen eine komplexe Angelegenheit ist. Am Schluss sorgt die Aufdeckung diverser Geheimnisse für gelungene Überraschungseffekte.



Text: @henn
Bildmaterial: UIP

 
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