Von Verena Lueken
03. April 2008 Shine a Light von Martin Scorsese war nahe an dem dran, was man sich als perfekten Berlinale-Eröffnungsfilm vorstellen kann: Er brachte einen Haufen Stars, gute Laune und einen der größten lebenden Filmemacher nach Berlin, von den längstlebigen Rocklegenden ganz zu schweigen - und da Eröffnungen etwas für gesetztere Kreise sind, kam das alles prächtig an, zu Recht (siehe auch: Scorseses Shine a Light ist die erste Komödie über die Rolling Stones). Jetzt startet der Film im regulären Kinoprogramm, und da sieht die Sache dann ein bisschen anders aus.
Immer noch versprechen die ersten zehn Minuten, in Schwarzweiß gedreht mit einem verzweifelnden Scorsese, der auf die Songliste wartet, und einem divenhaft kotzbrockigen Mick Jagger einen anderen Film als den, der folgt - nämlich ein ironisches Zeitporträt unserer, nicht vergangener Jahre, in die sich die Rolling Stones hinübergerettet haben, indem sie immer noch tun, was sie immer taten, dieselben Lieder mit denselben Kaspereien singen und damit das Publikum außer Rand und Band bringen. Doch die Ironie verschwindet, und was bleibt, ist ein bombastischer Konzertfilm, gedreht unter Aufsicht von Robert Richardson von einem Riesenstab der besten Kameramänner, darunter auch Albert Maysles, der mit seinem Bruder einst Gimme Shelter drehte, den deutlich besseren Film über die Stones (siehe auch: Scorseses Rolling-Stones-Doku hat große Konkurrenz).
Alles an diesem Film stinkt nach Geld
Was ist hier passiert? Warum wippt einem nicht einmal der Fuß, warum macht sich schnell Langeweile breit bei diesem Großspektakel, das zwei Konzerte im New Yorker Beacan Theater im Winter 2006 zusammenschneidet und sich nicht bemüht, die Künstlichkeit der Situation zu kaschieren? Zum einen ist es das Publikum, das sich herausgeputzt hat, als ginge es in die Oper - ein Abend war Bill Clintons sechzigster Geburtstag, und seine Gäste füllten einen guten Teil des sichtbaren Auditoriums. Mit den Kameras, die mächtig durchs Bild fahren, könnte man auch Indiana Jones filmen, und es ist zu vermuten, dass vieles, was da auf Gitarren und Gürteln glitzert, nicht aus Glas ist. Kurz, alles an diesem Film stinkt nach Geld, und das ist, wenn es um Rockmusik geht, fatal.
Wer die Stones immer schon mochte, wird dennoch hingehen. Wer sie nicht mag, wird sich nicht mehr an sie gewöhnen, jedenfalls nicht in ihrem augenblicklichen Zustand. Alte Männer mit gefärbten Haaren, von denen einer die Hüften immer noch so bewegt, als rechnete er damit, dass alle Frauen in Ohnmacht fallen - das ist, angesichts der wunderbaren Musikdokumentationen, die Martin Scorsese über The Band und Bob Dylan gedreht hat, doch eine arge Enttäuschung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kinowelt
