Video-Filmkritiken

Film der Woche

Aufdringliche Kamera: „Spy Game“

Von Gunter Göckenjan

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Video-Kritik: Redford, Pitt in "Spy Game"

14. März 2002 Ein Spion im Film ist ein cooler Typ, der allein die Welt rettet. Er ist ein entspannter Individualist, den eine unerschöpfliche Energie treibt und der sich durch überragende Stilsicherheit auszeichnet. Sein Name ist Bond - normalerweise.

In „Spy Game“ heisst der Held Nathan Muir. Sein Leibgetränk ist Scotch, mindestens 12 Jahre alt, seine Berufskleidung genretypisch der Trenchcoat, sein Auto ein normaler Straßen-Porsche.

Nathan Muir, gespielt von Robert Redford, ist also ein realistischerer Agent als Bond. Nicht einmal ein Muir-Girl, das man ja auch als Vertreter für Versicherungen haben kann, ist ihm vergönnt.

Tom Bishop (Brad Pitt) ist auch ein Spion und ein Ziehsohn Muirs. Bishop landet in einem chinesischen Gefängnis, weil er sich dort eingeschmuggelt hatte. Er wollte eine Frau aus diesem unmenschlichen Kerker befreien.

Agenten-Thriller, mal ohne Bond-Girl

Auf die erotische Präsenz seines weiblichen Gegenübers müssen wir allerdings verzichten. Elizabeth Hadley (Catherine McCormack), die im Zentrum des Spionage-Spiels steht, ist eine ernsthafte Persönlichkeit. Sie hat eine dunkle politische Vergangenheit. Und sie folgt einer humanitären Mission.

Davon wissen wir aber anfangs nichts. Wir sehen Brad Pitt bei seinem misslingenden Befreiungsversuch und - parallel dazu - Robert Redford, der sich im Hauptquartier der CIA auf seinen Ruhestand vorbereitet. Heimlich wurde ihm die Information der Festnahme seines ehemaligen Rekruten zugetragen.

Bald hat Muir entdeckt, dass seine Vorgesetzten ihn von diesem Fall fernhalten wollen. Gleichzeitig verlangen sie die Herausgabe seiner Akten, die er über diesen jungen Kollegen angelegt hat. Das Spiel beginnt Anfang der 90er Jahre, der amerikanische Präsident will nach China reisen. Deshalb sollen Bishop und sein Fall lautlos ausgelöscht werden. Die Zeit bis zu Bishops Exekution droht abzulaufen.

Erzählt wird die Geschichte in zwei Linien, die sich in entgegengesetzte Richtungen bewegen: Muir verfolgt sein eigenes Ziel, die heimlich eingefädelte Rettung Bishops. Und es ist Muirs dienstlicher Ungehorsam, der das Thema der Geschichte ist. Gliechzeitig erzählt Muir seinen Vorgesetzten Geschichten aus der gemeinsamen Vergangenheit von Muir und Bishop. Daraus entsteht eine zweite Erzählung in Rückblenden.

Die Kamera wühlt sich - wer den Film sieht, weiß, was gemeint ist - in hochpolitische Themen. Der Kalte Krieg, Vietnam, Nahost - alles kommt vor. Und doch interessiert er nicht ernsthaft für diese Konflikte. Sie haben nur eine Funktion: einem Action-Film als Kulisse zu dienen.

Der Kameramann wollte zuviel

Die verspielte Fotografie Dan Mindels macht aus diesen Krisen und Kriegen - zu sehen ist etwa ein libanesisches Flüchtlingscamp - nervenaufreibende „Shots“. Das dekorative Übermaß der Kameraarbeit entpuppt sich besonders in einer Szene als überflüssiges Getue: Ein (banales) Gespräch zwischen den beiden Protagonisten über den Dächern einer Stadt (die Berlin sein soll, aber nicht ist) wird von der Kamera eingekreist, als habe der Film darin sein Zentrum erreicht.

Ein Mittelpunkt fehlt dem Film jedoch genauso wie eine Dramaturgie. Der ehemalige Werbefilmer Tony Scott treibt seinen Stoff mit rasanter Geschwindigkeit und schnellen Schnitten voran. So reisst er uns eine Zeitlang mit. Die Spannung, die er durch diesen gleichbleibend hohen Energie-Level erzeugt, verpufft aber in der zweiten Hälfte.

Bis dahin hat man sich an den Geschwindigkeitsrausch gewöhnt, der die einzige spitze Waffe in Tony Scotts Techno-Kino ist. Plötzlich glauben wir, die Angst zu fühlen, die hinter der forcierten Geschwindigkeit steht - die Angst, der Zuschauer könne beim Atemholen die Leere hinter den Bildern bemerken.



Text: @göck
Bildmaterial: uip

 
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