Video-Filmkritiken

Kino

Frau im Fegefeuer: „In the Cut“

Von Andreas Kilb

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29. September 2004 Die amerikanischen Kritiker haben den Film gehaßt. "Gekünstelt", "lahm und dumm", "ein einziges Durcheinander", "eher eine Kuriosität als ein Spielfilm" und was der Beschimpfungen mehr sind. Natürlich war "In the Cut" dann auch ein richtiger Flop: fünf Millionen eingespielt bei einem Budget von zwölf Millionen Dollar. Bei Jane Campion ist man das inzwischen fast gewohnt, schon "Holy Smoke" war ja, wenn man nur die Kritiken und die Zahlen betrachtet, ein Debakel und auch "Portrait of a Lady" nur ein Achtungserfolg, trotz Kidman und Malkovich und Henry James.

Dennoch ist man auf jeden neuen Film von Jane Campion gespannt wie sonst nur bei wenigen Regisseuren, und dennoch hat Campion auch in der Hollywood-Community immer noch Kredit. Nicole Kidman sollte die Hauptrolle spielen, aber dann zog sie sich zurück, um "Dogville" und "Der menschliche Makel" zu drehen, und firmierte lieber als Produzentin für das Projekt. Während man nun Meg Ryan auf der Leinwand agieren sieht, stellt man sich gelegentlich vor, wie wohl Kidman in dieser Rolle ausgesehen hätte, die ihren Auftritt in Kubricks "Eyes Wide Shut", insbesondere die Nacktszene mit Tom Cruise vor dem Spiegel, ins Zweideutige, Untiefe, Bodenlose verlängert: diese Sehnsucht, sich wegzuwerfen, irgendeines Mannes Geliebte zu sein, und sei es die des eigenen Mörders, nur noch zitterndes Fleisch, keuchende Hülle, zuckendes Nervenbündel zu sein unter der Berührung eines Fremden.

Blüten und Schnee

Jetzt aber ist Meg Ryan die Frannie Avery des Films. Frannie, Mitte Dreißig, Single, lebt im East Village, unterrichtet an der NYU englische Literatur und pflegt eine private Leidenschaft für obszöne Slangwörter. Das erste, was man von ihr sieht, ist ihr Körper im Bett; sie hat verschlafen, draußen steht schon ihre Halbschwester Pauline (Jennifer Jason Leigh) im Garten und streckt die Hände nach den Blütenblättern aus, die von den Bäumen regnen, und Frannie sagt: "Ich dachte, es sei ein Schneesturm." Das ist eins der Gegensatzpaare dieses Films: Blüten und Schnee, so wie Sex und Tod, Mörder und Polizist, Begehren und Haß. Die Erzählstrategie des klassischen Thrillers besteht darin, diese Gegensätze sorgfältig auseinanderzuhalten - oder sie zumindest am Ende wieder säuberlich zu trennen. "In the Cut" führt sie vom ersten Bild an zusammen. Es schneit Blüten, und der Mörder wird eine Polizeimarke tragen.

Es gibt noch etwas anderes, was an diesem Film an Kubrick erinnert, und das ist die Art, wie er als Erkundung eines ganzen Kinogenres angelegt ist, als Auseinandersetzung mit seinen Grundmotiven, Blickschemata, Einstellungsfolgen, mit der Dramaturgie des Verhörs, der Verfolgungsjagd, der Mord- und Bettszenen. So hat Campion in "Das Piano" das Melodram, in "Portrait of a Lady" den Kostümfilm und in "Holy Smoke" die Liebeskomödie zerlegt und neu zusammengesetzt. Das macht ihre Filme über die Frage nach dem Gelungensein hinaus interessant: daß sie Teil eines größeren Projekts sind, welches sich nicht in einer einzelnen Geschichte erschöpft, Station auf einem Weg, dessen Ziel nicht die Perfektionierung, sondern eine Art Neuerfindung der Kinoformen ist.

Antipodisch zu den Vorbildern

Anders als Kubrick geht es Campion nicht darum, in jedem Genre ein Meisterwerk zu drehen. Vielmehr will sie ausprobieren, wieviel erzählerische Energie in den vertrauten Mustern steckt, wenn man die Blickrichtung umdreht - von dem männlichen Helden auf sein Objekt, die Frau. Campions Filme verhalten sich antipodisch zu den Vorbildern, die sie zitieren, sie lesen die Geschichten gegen den Strich. In "Das Piano" hat das perfekt funktioniert. Die Reise Holly Hunters nach Neuseeland war das genaue Abbild der Expedition in den Kontinent des Melodramatischen, die der Film antrat. In "Portrait of a Lady" wurde es schon schwieriger, weil Henry James' Roman der Regisseurin scheinbar einen Teil der Übertragungsarbeit abgenommen hatte; in Wahrheit hatte er sie in eine Falle gelockt, aus der sie erst am Schluß der Geschichte mit knapper Not entkam.

"In the Cut", denkt man, wenn man Susanne Moores Buch von 1995 liest, nach dem der Film entstand - Autorin und Regisseurin schrieben gemeinsam das Drehbuch -, hätte ein Spaziergang sein müssen. Eine Ich-Erzählerin, ihre Halbschwester, mehrere Männer, ein Serienmörder: näher an der weiblichen Sensibilität kann eine Thrillerstory nicht sein. Aber das Genre, gerade weil es sexuelle mit gesellschaftlichen Stereotypen überblendet, ist tückisch. Kathryn Bigelow hat das vor vierzehn Jahren in "Blue Steel" erfahren, als sie versuchte, durch die Besetzung von Jamie Lee Curtis als Polizistin die Gewaltverhältnisse in der Geschichte umzukehren: Die Logik ging nicht mit. Der Killer wurde nicht zum Opfer, auch wenn ihn die Cop-Frau verprügelte.

Suche nach veränderten Perspektiven

Jane Campion probiert nun mit "In the Cut" etwas anderes. Nicht die Feminisierung der Story, sondern die Feminisierung des Blicks. Von Anfang an spürt man, wie dieser Film sich an Vorgegebenem abarbeitet, wie er nach veränderten Perspektiven und ungewohnten Schnittfolgen sucht. Die Kamera des Australiers Dion Beebe nimmt Meg Ryan in den Außenszenen aus größtmöglicher Distanz auf, sie rückt Autos, Mülleimer, Treppengeländer als Blickhindernisse ins Bild, als wäre sie das Auge der Großstadt selbst, die Frannie in ihren Schlund saugen will.

Drinnen in Frannies Apartment gibt es dafür fast nur Nahaufnahmen, welche die handelnden Figuren in ihre Einzelteile zerlegen, Gesichter, Arme, Hände, Oberkörper, so wie der Mörder, der die Gegend unsicher macht, seine Opfer enthauptet und zerstückelt. Die Wohnung, mit Fotos, beschriebenen Zetteln und ausgerissenen Buchseiten vollgekleidet, ist eine Art Geisterhaus; als Frannie einmal nachts nach Hause kommt, tritt ihr abgelegter Liebhaber John (Kevin Bacon) aus dem Dunkel, als käme er direkt aus der Wand. "In der Mitte unseres Lebensweges", liest Frannie in einem U-Bahn-Waggon, "befand ich mich in einem dunklen Wald / weil ich den rechten Weg verloren hatte". Es ist der Anfang von Dantes "Hölle", oft mißbraucht, hier ausnahmsweise am Platz.

Die Story bleibt Phantom

In diesem Dschungel aus ortlosen Orten und körperlosen Körpern möchte man sich wenigstens an der Story festhalten, aber auch sie bleibt ein Phantom. In einer Bar, wo sie sich mit einem ihrer Studenten trifft, beobachtet Frannie eine Fellatio, bei der die Frau durch auffällige Fingernägel, der Mann durch ein Zeichen am Unterarm markiert ist. Später erfährt sie, daß die Frau auf grauenhafte Weise ermordet wurde. Das Zeichen entdeckt sie am Arm von Detective Malloy (Mark Ruffalo), der die Tat aufklären soll. Aber da war Frannie schon mit Malloy im Bett. Ein Kettenanhänger, der ihr bei einem Überfall nachts auf der Straße abhanden kam, schafft ein weiteres Verdachtsmoment gegen den Polizisten. Zugleich jedoch ist Frannie Malloy hörig - ein Wort von ihm genügt, um sie zu erregen.

In den Bettszenen mit Mark Ruffalo entblößt Meg Ryan zum ersten Mal im Kino ihre Brüste, was in Hollywood als riskanter Karriereschritt gilt, bei Campion aber völlig selbstverständlich wirkt. Denn die Perspektive ihres Films ist nicht voyeuristisch, sondern identifikatorisch: Wir sollen sehen, was Frannie sieht, fühlen, was sie empfindet. In dieser Haltung der Empathie vor allem liegt der Unterschied zwischen "In the Cut" und einem kalten und virtuosen Film wie Alan Pakulas "Klute", an den die Regisseurin, wie sie sagt, beim Lesen und Drehen gedacht hat. Campion geht von Personen, nicht von Schauplätzen und Konstellationen aus; das macht ihre Filme angreifbar.

Im Schnitt gescheitert

Je länger "In the Cut" dauert, desto deutlicher wird sichtbar, daß Meg Ryan den Film nicht tragen kann, daß ihr der Mut fehlt, ganz aus sich herauszugehen, und ihre Verlorenheit in dieser Geschichte nicht nur gespielt ist. Ein Regisseur, der mit weniger Herzblut an seine Stoffe herangeht, könnte sich jetzt in besonders fein geschliffene Bilder, in dramaturgische Tricks und erzählerische Ironie flüchten, aber für Campion kommt all das nicht in Frage. Man merkt, wie sie an dem Schluß des Films herumgebastelt hat, bis er zu ihrer Hauptdarstellerin zu passen schien, wie er dann doch nicht paßte und wie sie ihn noch einmal ins Irreale verbog, bis nichts mehr stimmte. In the cut, im Schnitt, ist die Geschichte zuletzt gescheitert.

Warum sieht man den Film dennoch gerne an? Weil es im Kino, anders als auf dem Postamt, nicht darauf ankommt, ob eine Sendung vollständig abgeliefert, eine Bestellung pünktlich erledigt wird. Es gibt Filme, in denen selbst das, was nicht klappt, sehenswerter ist als die reibungslose Stoffabwicklung durchschnittlicher Studioproduktionen, und "In the Cut" gehört unbedingt dazu. Selbst wo er sich irre, hat Truffaut einmal über Nicholas Ray gesagt, zeige er immer noch eine tiefere Wahrheit. Das gilt auch für Jane Campion, die Virtuosin des weiblichen Blicks.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39 / Seite 34

 
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