Von Gustav Federhenn
11. April 2002 Was für Sonnenuntergänge! So warm rot, dass man sich in ihnen räkeln möchte. Und diese Landschaft! Wie dahingemalt, liegt sie da.
Umspült werden diese Aussichten von einem ewigen Rauschen romantischer Musik. Und das Licht! Wenn die Mitglieder der Familie Breves ihrem harten Tagewerk nachgehen, dann legt sich voll kunstfertiger Güte ein Licht- und Schattenspiel über ihre Körper.
Die Bilder verströmen ein volles Aroma mit einem Hauch von Zartbitter. Doch diese Szenen werben nicht für eine vergessene Methode der Schokoladenherstellung. Sie stimmen den Zuschauer ein auf eine Erzählung über eine alte Familienfehde und die verheerenden Folgen von Rache und Ehre.
Archaische Sitten
Früher einmal waren die Breves stolze Grundbesitzer. Doch dann haben die Feirreiras sie verdrängt. Diese leben jetzt in großbäuerlichem Wohlstand. Die Breves aber sind so arm, dass sie für ihren Jüngsten nicht einmal einen Namen haben. Das Kind, durch dessen Augen die Geschichte erzählt wird, wird von Albträumen verfolgt. Der Junge träumt noch vom Tod seines ältesten Bruder, der von einem Sohn der feindlichen Familie erschossen wurde, den Jungen auf seinen Schultern. Sobald das Blut auf dem Hemd des Toten vergilbt ist, so will es die Tradition, soll der Zweitgeborene den ältesten Bruder rächen. Lange schon geht es so zwischen den beiden Familien: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Zwischen dem Mord an dem Ältesten und den beiden folgenden Blutrachetaten spielt diese Geschichte (nach dem Roman des albanischen Schriftstellers Ismail Kadaré), die der brasilianische Regisseur Walter Salles (Central Station) hier erzählt. Wir sehen die quälende Eintönigkeit der archaischen Zuckerrohrverarbeitung, von der die Breves leben. Wir erleben die strenge Verbitterung des Vater, der für die Verteidigung seines letzten Gutes, der Familienehre, lebt und seine Söhne dafür sterben lässt. Die menschliche Existenz erscheint hier wie eine Tretmühle. Die eingeschlagene Kreisbewegung wird unendlich fortgesetzt.
Nur Augenblicke der Unbeschwertheit
Salles macht dies überdeutlich mit dem Bild der beiden Ochsen, die - obwohl total erschöpft - , auch nach der Arbeit noch immer weiter im Kreis laufen. Als Gegenentwurf bietet er die Schaukel an, auf der die Söhne der Familie Augenblicke unbeschwerter Freiheit finden, eine Freiheit, die visuell von der Werbung vorgeprägt ist.
Weitere Metaphern für den Ausweg aus dieser ausweglosen Situation entwirft der Film mit einem Zirkusduo, bei dem der eine Sohn Liebe findet, und dem Buch, das dem Kleinen Wunschträume schenkt. Das Meer ist in Walter Salles' eleganter Vision von archaischer Armut der ultimative Wunschort, vergleichbar dem Moskau, nach dem sich Tschechows drei Schwestern sehnen. Bei Salles gelangt immerhin einer an seinen Ort der Sehnsucht.
Vielleicht ist Salles ein Optimist. Vielleicht hält er die Härte einer tragischen Geschichte nicht aus. Vielleicht will er sie auch dem Zuschauer nicht zumuten. Es gibt ein Happy-End, das freilich selbst mit einem Tropfen Wehmut versehen ist: Aus dem Teufelskreis der Blutrache gibt es nur einen Ausweg, zu fliehen und alles zurückzulassen, von der Vergangenheit bis zur eigenen Familie. Die Rückkehr zu ihr ist unmöglich.
Hinter der Sonne, Brasilien/Schweiz/Frankreich 2001, Regie: Walter Salles, Darsteller: Jose Dumont, Rodrigo Santoro, Rita Assemany u.a.
Text: @henn
Bildmaterial: Buena Vista, Buena Vista Int., faz.net
