Von Gunter Göckenjan
24. Oktober 2001 Lui Jian, der sich als Spitzenpolizist seines Kontinents hervorgetan hat, gibt sich diesmal höflich und besonnen. Den unbezwingbaren Martial-Artisten umgibt ein Hauch von Schüchternheit, der sich mit dem Duft kriegerischer Coolness mischt. Lui Jian wird von dem chinesischen Kinokämpfer Jet Li dargestellt. Jet Li ist ein Star.
Auch die französische Hauptstadt Paris ist ein Star. Gutaussehend, edel, elegant und teuer. Liu Jians Geschichte führt ihn nach Paris, wo er einen Drogenschmuggler beobachten soll und dabei helfen will, dessen französischen Kontaktmann zu finden.
Die ersten Szenen des Films versprechen ein interessantes Duett zwischen den beiden Stars. Doch die europäische Schöne und der asiatische Gentleman kommen nicht zusammen. Dem einsamen Fremden bleibt keine Zeit, sich in der verführerischen Stadt zu verlieren.
Die Fantasy-Spezialisten machen sofort jeder Fantasie den Garaus. Ein sich ständig erneuernder Trupp mordender Ganoven unter Führung des cholerischen Oberpolizisten Richard (Tcheky Karyo) betritt die Szene und löscht im Handumdrehen die Hoffnung auf Poesie aus. Paris spielt jetzt nicht mehr mit. Von nun an sieht der Drehort aus, als sei er mit geringen Mitteln im Studio aufgebaut worden.
Kein Problem, denn jetzt kommt es auf die Gymnastik im Vordergrund des Films an: Kung Fu, Kickboxing und wie diese sonst so heißen. Die Zeichen stehen auf Aktion. Vor der Kulisse kämpft nun der einsame Fremde gegen die Horde seiner Verfolger, die der Bösewicht Richard dirigiert. Alle spielen jetzt Hollywood. Da besiegt der Starke das Böse und rettet die gefährdete Frau. Hier setzen alle gigantische Waffenarsenale ein, nur Li hat die besseren Tricks. Dabei arbeitet die höfliche Kampfmaschine auch ganz schmerzfrei mit Akkupunkturnadeln - sehr innovativ.
Besonders hübsch anzusehen ist die Szene, in der Li die französischen Angreifer mit der französischen Flagge verhaut. Richard ist der Schurke, der unter dem Deckmantel seines Polizistenjobs mit Frauen und Drogen handelt. Er hält auch das Kind von Jessica gefangen, die er damit in seiner Gewalt hat.
Jessica wird von Bridget Fonda dargestellt. Ihre Figur hat die Funktion des "love interest" zu erfüllen: An ihr beweist sich die liebesfähige Seite des Kämpfers. Der Schurke beweist an ihr seine schurkischste Schurkigkeit. Die Objekthaftigkeit dieser Rolle verlangt eigentlich nicht viel von Schauspielerin, sie soll gut aussehen und hin und wieder einmal gequält oder leidend dreinschauen.
Doch ausgerechnet hier will der Regie-Anfänger Chris Nahon mehr. Er treibt seine Darstellerin zu Ausdrucksformen, die die Hohlheit der Rolle füllen sollen. Dabei bleibt ihr nichts als zu chargieren, wobei sie Sätze abliefern muss, deren Plattheit jedem Rechtschreibprogramm einen Schrecken einjagen würden.
Der Zuschauer erkennt bald den Nutzen, den der lieblose Umgang mit dem "love interest" für ihn bringt: In den Actionpausen kann man Bier holen gehen. Das hat zudem den Vorteil, dass man jetzt eine Erklärung für die vielen Ungereimtheiten der Handlung finden wird. Wir können jetzt glauben, dass wir beim Verlassen unseres Kinosessels etwas verpasst haben.
Das lausige Drehbuch hat Luc Besson, der hier auch als Produzent verantwortlich war, verfasst (wie schon bei "The Fifth Element" zusammen mit Robert Mark Kamen). Als Autor seiner eigenen Regiearbeiten hat Besson bisher nichts vergleichbar Stümperhaftes abgeliefert. Man darf wohl annehmen, dass er sich als Regisseur solche Drehbücher verbitten würde. Es würde seinem Ruf als Regisseur schaden. Für "Kiss of the Dragon" hat er sich einen angemessen unfähigen Regisseur an Bord geholt. Offenbar in dem Glauben, dass der Aufwand zum Geld machen reicht.
Kiss of the Dragon. Frankreich/USA 2001. Regie: Chris Nahon. Darsteller: Jet Li, Bridget Fonda, Tcheky Karyo u.a.
Text: @göck
Bildmaterial: FAZ.NET, tobis
