Video-Filmkritiken

Kino

Prinz Hamlet gegen den Leoparden

Von Andreas Kilb

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20. Februar 2003 Die Old Brewery, schreibt Herbert Asbury in seiner New Yorker Untergrundgeschichte "Gangs of New York", glich "einer riesigen, aussätzigen, warzigen Kröte, die feist mitten im Unrat und Schmutz der Five Points hockte". Die Zustände im Innern des Elendsquartiers waren unbeschreiblich. Mehr als tausend Menschen, Angehörige aller Rassen, drängten sich auf engstem Raum; Prostitution, Diebstahl, Mord waren an der Tagesordnung.

Der Schatz in der Hölle

"Einmal wurde dort ein kleines Mädchen erstochen, weil es so unvorsichtig gewesen war, jemandem einen Penny zu zeigen, den es erbettelt hatte." Als das Gebäude 1853 abgerissen wurde, fand man in seinen Tiefen säckeweise verscharrte menschliche Knochen. Irgendwo in der Brauerei, hieß es, sei ein Schatz vergraben; doch er wurde nie gefunden. Im untersten Keller dieser Hölle beginnt Scorseses Film.

Ein Mann rasiert sich, schneidet sich in die Wange, dann nimmt er ein Kruzifix von der Wand und geht nach oben. Auf seinem Weg ans Tageslicht schließen sich ihm weitere Männer an, alle mit Äxten, Knüppeln, Hackmessern in den Händen, eine Horde, ein Heer, das in labyrinthischen Windungen seinen Weg nimmt, hin zu der Holztür, die auf einen verschneiten Platz führt, auf dem sich, aus einer gegenüberliegenden Hausruine quellend, die Kämpfer der Gegenpartei sammeln, auch sie bis an die Zähne bewaffnet.

Geschichte von unten

Aber bevor die Tür sich öffnet, blickt die Kamera einen atemlosen Augenblick lang in die oberen Stockwerke der Brewery - und sieht eine Vision von Piranesi. Ein Ameisenvolk, eingekerkert in seinem eigenen Kot; ein Karneval des Grauens im Land der Freien und Braven. Ein, zwei Sekunden dauert das Inferno; dann beginnt die Schlacht.

Als Martin Scorsese vor fünfundzwanzig Jahren Asburys Buch las, hatte er solche Bilder im Kopf. Es sind Bilder einer Gegenwelt, einer Gegengeschichte zur offiziellen amerikanischen Historiographie. Sie belegen, daß das Land der Pioniere, der Planwagen und der Prärie einen Hinterhof hatte: die Slums von New York. Und daß hier nicht minder als in den Ebenen des Westens das Schicksal des Landes entschieden wurde, die Frage, ob es Schmelztiegel oder Schlachtfeld sein wollte, vereinigt oder geteilt.

Die Geschichte mit dem Geld

Scorsese erkannte, daß Asburys Bericht die Gelegenheit bot, eine filmische Antithese zu den historischen Epen eines Griffith ("Geburt einer Nation") und Ford ("Der junge Mr. Lincoln") zu formulieren - einen Großstadtfilm über Amerika im neunzehnten Jahrhundert. Ein paar der besten Großstadtfilme des zwanzigsten Jahrhunderts hatte Scorsese damals schon gedreht; "Gangs of New York" erschien als logische Fortsetzung seines Werks. Das einzige, was Scorsese Ende der siebziger Jahre noch fehlte, war eine Story, welche die von Asbury beschriebenen Szenarien zusammenhielt.

Und Geld, viel Geld. Die Story haben Jay Cocks, Steven Zaillan und Kenneth Lonergan, drei erfahrene Profis des Drehbuchmetiers, seither in mühsamer Kleinarbeit zusammengebaut; das Geld kam von Harvey Weinstein, dem bulligen, herrischen, in Hollywood unbeliebten Chef der Firma Miramax. Seit dem Beginn der Dreharbeiten zu "Gangs of New York" - und noch mehr seit dem amerikanischen Kinostart des Films (F.A.Z. vom 10. Dezember 2002) - ist viel darüber spekuliert worden, ob Weinsteins obsessive Produktionsweise die fertige Form des Films beeinflußt hat.

Choreographie des Schreckens

Die andere naheliegende Frage, nämlich inwiefern sich die Mühsal der Stoffentwicklung in die zweieinhalb Kinostunden von "Gangs" nachträglich einschreibt, wurde dagegen nur selten gestellt. Dabei ist die Dramaturgie die entscheidende Schwäche dieses beinahe grandiosen Films. "Das Blut bleibt an der Klinge", hat der Mann (Liam Neeson), der sich rasierte, am Anfang des Films zu seinem kleinen Sohn gesagt. "Später wirst Du verstehen, warum." Die Wahrheit ist, daß wir das nie verstehen werden, und auch Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), der junge Held der Geschichte, wird es nicht begreifen.

Als er nach dem Prolog, jener meisterhaft choreographierten Straßenschlacht, die mit einem master shot aus dem Himmel über Manhattan auf das Massaker endet, aus der Erziehungsanstalt entlassen wird, um als erwachsener Mann den Tod seines Vaters an dessen Mörder zu rächen, gräbt er die Klinge aus dem Kellerboden der Old Brewery. Doch dann zögert er - nicht eine, sondern ganze zwei Kinostunden lang. Und dieses Zögern ist die Handlung des Films.

Große Ahnen

Scorsese weiß natürlich, daß das reiner Shakespeare ist, und er zeigt es auch. Er solle aufhören, den Hamlet zu spielen, sagt Walter "Monk" McGinn (Brendan Gleeson), eine der interessanteren Nebenfiguren der Story, einmal zu dem jungen Vallon. Daß er es aber sagt, deutet auf ein Kernproblem des Films: Ihm fehlt jegliche Naivität - und damit zugleich jene gewisse Unverletzlichkeit, die dem Naiven und Kraftvollen gerade im Kino zu eigen ist. "Mean Streets" und "Taxi Driver" hatten diese unbezahlbare Qualität, "Gangs of New York" hat sie nicht. Hier rechnet jemand auf höchstem Niveau mit der Geschichte seines Landes ab - aber er antwortet, er reagiert, er legt nicht vor.

"Gangs" ist ein später Film, nicht nur für Scorsese, auch für das amerikanische Kino, und er ist mit allen Makeln und Vorzügen eines Spätlings behaftet, mit der Erfahrung und der Weisheit, aber auch mit der Behäbigkeit, dem Zaudern und der Melancholie.

Es gibt neben Shakespeare noch einen zweiten ästhetischen Paten dieses Films, einen von Martin Scorseses Kinogöttern: Luchino Visconti. Von ihm stammt vor allem die Figur des "Schlächters" William Cutting ab, den Scorsese mit all jenen Attributen adliger Allüre und Altersmüdigkeit ausstattet, die einst Burt Lancaster als Viscontis "Leopard" besaß. Daniel Day-Lewis spielt diesen Bandenführer so, als hätte er beim Wurstmachen den Gotha studiert; sein Schnurrbart zittert vor mafiosem Standesdünkel, und sein Fleischermesser hackt nicht einfach drauflos, sondern durchtrennt in eleganten Schwüngen die Lebensfäden des Gegners.

Europäische Mickerlinge

Daß Cutting das Vorrecht der "native Americans", der geborenen New Yorker, gegen die eingewanderten Iren verteidigt, ist visuell nur halbwegs plausibel; vor allem konserviert er den hohen Stil des klassischen Gangstertums gegen die Mickerlinge aus Alteuropa. Um ihn zu Fall zu bringen, bedarf es einer größeren Klinge, als Amsterdam sie führt, und so müssen schließlich Infanteriebataillone und Kanonenboote aufmarschieren, um den aufgeschobenen Zweikampf vor dem Hintergrund der "Draft Riots", der Einberufungskrawalle von 1863, zu Ende zu bringen.

Zwischen die beiden Protagonisten haben Cocks, Zaillan und Lonergan als weibliches Element die Taschendiebin Jenny Everdeane (Cameron Diaz) plaziert; und in diesem Teil der Geschichte - an dem angeblich auch Harvey Weinstein mitgestrickt hat - stimmt leider überhaupt nichts.

Zeitdiebin

Zwar setzt sich Scorsese in einem hübschen Gastauftritt selbst in eins der Bürgerhäuser an der Upper East Side, die von Jenny ausgeplündert werden, zwar reißen Diaz und DiCaprio einander vor Leidenschaft schier die Haare vom Kopf, aber die Regie kann ihr Desinteresse an der Diebin einfach nicht verhehlen: Sie stiehlt uns nur die Zeit.

Lieber zeigen Scorsese und sein Kameramann Michael Ballhaus den größeren Kreislauf des Verbrechens, der die Einwanderer vom Pier direkt zu den Wählerlisten des korrupten Bürgermeisters Tweed (Jim Broadbent) und über das Rekrutierungsbüro der Armee zu den Transportschiffen führt, von denen - wir sind mitten im Bürgerkrieg - gerade die Särge mit den Toten der Carolina-Front abgeladen werden.

Der letzte Kulissenfilm

So arbeiten filmische Brillanz und dramaturgisches Versagen in "Gangs" einander zu."Gangs of New York" ist zur Gänze in den römischen Cinecittà-Studios entstanden, auf einem Set, dessen Größe den Ambitionen seiner Erbauer entsprach. Dies ist der letzte reine, ohne Digitaleffekte gedrehte Kulissenfilm, den wir sehen werden, und so hat es schon seine Richtigkeit, wenn er, wie vor ihm "Ben Hur", "Cleopatra" und andere, auch eine Art Museum des Mediums geworden ist.

Daß die in den Bauten sedimentierte historische Wahrheit den Stoff, den sie eigentlich umkleiden sollte, geschluckt und verdaut hat, bevor er zu uns durchdringen konnte, kann man dem Film ebenfalls nur bedingt vorwerfen; so funktioniert Ausstattungskino nun einmal. Traurig ist eher, daß Scorsese so wenig um seine Erzählung kämpft, daß er den äußeren so mühelos über den inneren Glanz siegen läßt.

Brüchige Hoffnung

Vielleicht wäre der Schatz, den er in den Tiefen der Old Brewery hätte bergen können, die Geschichte eines kleinen Mädchens gewesen. Aber sie hat ihn nicht interessiert.Am Schluß des Schlachtens sieht man, in einer Einstellung, die eineinhalb Jahrhunderte zu Augenblicken rafft, die moderne Silhouette Manhattans.

"Hoffnung knüpft sich im Bericht von der Untat daran, daß es schon lange her ist", heißt es in einem alten deutschen Buch. Wenn man dann aber zwischen den Häusern die Zwillingstürme des World Trade Center entdeckt, ahnt man, wie brüchig diese Hoffnung sein kann.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.02.2003, Seite 35
Bildmaterial: 2oth Century Fox, AP

 
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