Video-Filmkritiken

Filmkritik

Welt ohne Kinder: „Children of Men“

Von Peter Körte

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Film-Kritik: Clive Owen in „Children of Men”

09. November 2006 Auch die Zukunft ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie hat schon längst angefangen, und das hat auch den Begriff der Utopie in den Konkurs getrieben. Wer auf den absterbenden Wortstamm nicht verzichten mag, dem bleiben nur noch Dystopien. Dem Kino kann diese Insolvenz wenig anhaben, weil es sich ohnehin nur selten schöne neue Welten ausgemalt hat, in denen man morgens Jäger, nachmittags Fischer und abends kritischer Kritiker sein darf.

Science-fiction-Filme haben immer die offenen und die versteckten Ängste der Gegenwart als Rohmaterial verarbeitet und mit Imaginationskraft hochgerechnet, was in der Gegenwart an ungelösten Gleichungen steckt. Armageddon lag im Kino immer näher als Arkadien, von der „Invasion der Körperfresser“ bis zum „Blade Runner“, von „Escape from New York“ bis zum „Terminator“, von der „Matrix“ bis zum „Minority Report“. Und seit die Demographie zum beherrschenden Thema geworden ist, seit Ausstellungen und Kongresse von schrumpfenden Städten handeln und der Fall der Geburtenrate im Kapitalismus mehr Schrecken auslöst als Marx' tendenzieller Fall der Profitrate, hat man eigentlich nur auf den Film gewartet, der aus den Prognosen einen Plot macht.

Genetische Experimenten und Epidemien

„Children of Men“ erzählt von einer Welt ohne Kinder. Das sagt sich so lapidar, weil seit Jahrtausenden nichts selbstverständlicher ist als die Reproduktion der Gattung und kaum etwas schwerer vorzustellen, als daß sie einfach aufhört. In dieser Welt ist die staatliche Ordnung fast überall kollabiert, und wenn der Film einem auch nicht einmal andeutet, wie es zum Weltbürgerkriegschaos kam, so hat er doch, wie in einem Laborversuch, all die Themen und Schlagworte versammelt, die dem Fernsehzuschauer von heute mehr oder minder unverbunden durch den Kopf wirbeln, wenn er von Krisen und Katastrophen hört: Einwanderung und globaler Terrorismus, Überwachungsstaat und religiöser Fanatismus und, vor allem, der Fall der Geburtenrate auf Null. Im Jahr 2027, in dem „Children of Men“ beginnt, ist der jüngste Erdbewohner achtzehn Jahre alt. Auf einem Fernsehschirm in einem Imbiß ist zu sehen, wie ein vermeintlicher Autogrammjäger diesen Diego Ricardo umbringt. Warum seit 2009 kein Kind mehr zur Welt gekommen ist, bleibt wolkig: Von Luftverschmutzung, genetischen Experimenten oder Epidemien ist kursorisch die Rede.

Das Vereinigte Königreich ist die letzte Bastion, wo die Staatsmacht die Lage noch einigermaßen unter Kontrolle hat. „The World has collapsed; only Britain soldiers on“, tönt es martialisch aus dem Fernsehen, wobei „soldiers on“ nichts weiter heißt, als daß England unbeirrt weitermacht mit den Mitteln des Polizeistaats. Paramilitärische Einheiten deportieren Einwanderer und andere Mißliebige in stacheldrahtumzäunte Lager außerhalb der Städte, und als sei das Aussterben der Menschheit nicht ohnehin unausweichlich, wird mit dem Slogan „You decide when!“ für Suizid-Pillen geworben, die „Quietus“ heißen. Da hilft es natürlich wenig, daß niemand sich den regelmäßigen Fruchtbarkeitstests entziehen darf.

Zynisch, müde und doch tough

Kurz nach dem Tod des jüngsten Weltbewohners fliegt der Imbiß an der Londoner Fleet Street in die Luft, und der Held des Films entkommt dem Terroranschlag nur knapp. So, wie Clive Owen im dunklen Mantel und mit grämlichem Gesicht durch die Welt geht, hat man nicht den Eindruck, er sei erleichtert, davongekommen zu sein. Theo ist ein Held, wie ihn nur das Kino hervorbringt: Zynisch, müde und doch tough läßt der ehemalige Aktivist, der inzwischen als kleiner Bürokrat für die Regierung arbeitet, sich widerwillig dazu bewegen, eine Mission zur Rettung der Welt zu übernehmen.

Er wird von einer Rebellengruppe entführt, die gleiche Rechte für Immigranten fordert und deren Anführerin (Julianne Moore) Theos ehemalige Lebensgefährtin ist - beider Kind ist vor Jahren bei einer Grippeepidemie gestorben. Er soll Passierscheine besorgen, um eine im achten Monat schwangere Frau (Clare-Hope Ashitey) in Sicherheit zu bringen, an die Südküste Englands, in die Obhut der Organisation „Human Project“, und weil er dringend Geld braucht, nimmt er an. Die einzige Hilfe, auf die er rechnen kann, wirkt wie ein Gruß aus dem Jurassikum: Michael Caine spielt Theos Freund Jasper, einen alten, langhaarigen Cartoonisten, der mit seiner gelähmten Frau im Wald haust und selbstangebautes Marihuana raucht - der letzte Hippie.

Häuserkampf wie bei Kubrick

Der Mexikaner Alfonso Cuarón, der beim letzten „Harry Potter“-Film Regie geführt hat und ansonsten mit Fantasy und Science-fiction nichts zu schaffen hatte, findet sich im Genre gut zurecht. Er läßt den Häuserkampf am Ende des Films so gnadenlos aussehen wie in Kubricks „Full Metal Jacket“, und gegen die Stimmung, die von den grauen, trüben, kalten Bildern ausgeht, kommt auch das satte britische Wiesengrün nicht an. Der Stil ist rauh und ruppig, die meisten Szenen sind mit der Handkamera gedreht, und wenn die Kamera auf einmal, während einer spektakulär choreographierten Verfolgungsjagd, in Theos Perspektive springt, erzeugt das einen Schock, der sich beim üblichen, klinisch nüchternen Blick auf größere Verwüstungen nie einstellt.

Daß dieses Zukunftsszenario so überzeugend wirkt, ist aber auch die Leistung der Produktionsdesigner. Mit kleinsten Eingriffen maximale Effekte erzeugen - das heißt, vorgefundene Gebäude in London wie die Battersea Power Station so zu fotografieren, daß sie als verirrte Vorboten des Morgen erscheinen; das heißt, hypermodernes elektronisches Equipment zurückhaltend einzusetzen, statt, wie zum Beispiel in „Minority Report“, Tom Cruise zwischen lauter Monitoren herumturnen zu lassen. Und wenn man über den Lagertoren „Homeland Security“ liest, wenn Theo ein verblichenes Sweatshirt trägt, das an die Olympischen Spiele von 2012 in London erinnert, dann spielt die Zukunft mit unserer Gegenwart.

Die Logik des Zerfalls

Es geht also weniger um technologische Aufrüstung als um die Logik des Zerfalls. Die Häuser sind heruntergekommen, der Müll türmt sich auf den Bürgersteigen, und die gespenstischste Sequenz spielt in einem verfallenen Schulgebäude. Man braucht nicht mal die Augen zusammenzukneifen, man muß nur ein paar Sekunden die Fiktion vergessen, daß der Film im Jahr 2027 spielt, dann sind auf einmal die Bilder sehr nah, die man heute aus Beirut sieht oder auch aus der Pariser Banlieue. Und wenn man in Deutschland schon jetzt die Zukunft besuchen will, dann könnte man in eine Stadt wie das brandenburgische Wittenberge fahren, wo mittlerweile in verlassenen Häusern und leeren Straßenzügen gerne Filme gedreht werden. Aus solchen Schauplätzen entsteht die visuelle Kraft von „Children of Men“, und nichts ist in diesem Ambiente fremder und verstörender, als daß die junge Kee mitten im Häuserkampf ihr Baby zur Welt bringt, dessen Vater sie sowenig kennt wie den Grund, weshalb sie allein noch fruchtbar ist.

Natürlich muß ein Science-fiction-Szenario immer ein Actionfilm sein, wenn es nicht zur trübselig-existentialistischen Meditation übers Elend der Welt geraten soll; umgekehrt aber muß auch ein Actionfilm, der sich so unverkennbar ambitioniert gibt und nicht, wie zum Beispiel „V for Vendetta“ seine wirren dystopischen Basteleien bloß als Kulisse für ein großes Feuerwerk benutzt, schon ein bißchen mehr sozialen und politischen Kontext aufbieten. Das ist das Dilemma von „Children of Men“. Warum wollen all die Immigranten ausgerechnet nach England? Welche Ziele verfolgt der vermutlich aus politischen Rücksichten nur vage benannte Terrorismus? Was hat es mit dem „Human Project“ auf sich, das schließlich ebenfalls Jagd auf Theo und Kee macht?

Unfruchtbarkeit als Strafe Gottes

All das bleibt ein wenig zu unscharf. Und vielleicht hat dieses Dilemma mit der Romanvorlage zu tun, die von der britischen Autorin P. D. James 1993 veröffentlicht wurde, einer sehr konservativen und sehr anglikanischen alten Dame, der die Unfruchtbarkeit als Strafe Gottes gilt und deren christlicher Moralüberschuß sich um die gesellschaftlichen und politischen Faktoren ziemlich wenig kümmert. Der ideologischen Schlacken hat sich das Drehbuch zwar weitgehend entledigt, aber es hat keinen zwingenden Subtext an deren Stelle gesetzt.

Diese Einwände markieren die Linie, welche zwischen einem guten Film verläuft und einem, der Epoche macht wie „Blade Runner“ oder die ersten Teile von „Terminator“ und „Matrix“. Aber manchmal reicht es eben auch schon aus, vom Unsichtbaren zu erzählen, weil diese Vorstellung einer kinderlosen Welt bedrohlicher und beunruhigender wirkt als all der manifeste Schrecken. Und so ist „Children of Men“ die düsterste und zugleich hellsichtigste Zukunftsvision, die derzeit zum Preis einer Kinokarte zu haben ist.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 28
Bildmaterial: united international pictures

 

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