Video-Filmkritiken

Filmkritik

Gewinnen und Verlieren in Amerika: „Little Miss Sunshine“

Von Paul Ingendaay

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Film-Kritik: Abigail Breslin in "Little Miss Sunshine"

30. November 2006 Man könnte sich von diesem Film abschrecken lassen durch den dämlichen Trailer. Er suggeriert Klamauk um einen alten VW-Bus, Road-Movie und amerikanische Familienkomödie. Und obwohl „Little Miss Sunshine“ von all dem in genau dosierten Mengen etwas hat, ist das andere viel wichtiger: die leichthändige Bearbeitung eines Themas, über das schon soziologische Bibliotheken geschrieben wurden.

Hochtrabend müßte es heißen: „Die Ideologie des Erfolgs in Amerika“. Oder einfacher: „Das Leben ist ein Wettkampf“. Oder: „Nur wer an sich glaubt, gewinnt“. Weil jeder weiß, wie süchtig die stärkste Konsumentennation der Erde nach Aufstieg und Statussymbolen ist, könnte man Gesellschaftskritik hier für überflüssig halten. Ein kleiner, unabhängiger Film beweist mit beißender Ironie und schallendem Gelächter das Gegenteil und spielt aus dem Nichts knapp sechzig Millionen Dollar ein.

Er selbst braucht Erfolgsberatung

Den satirischen Ton setzt das Regiedebüt des Ehepaars Jonathan Dayton und Valerie Faris mit der ersten Szene. Richard Hoover (Greg Kinnear) verkündet im Motivationsseminar seine Neun-Stufen-Theorie, wie man sich in einen erfolgreichen Menschen verwandelt. Als die Power-Point-Präsentation erlischt und das Licht wieder angeht, sieht man, daß er nur vor einer Handvoll gelangweilter Leute predigt. Richard braucht selbst Erfolgsberatung, genau wie seine Familie.

Denn der bescheidene Haushalt in Albuquerque, New Mexico, beherbergt den ganz normalen Wahnsinn. Stiefsohn Dwayne (Paul Dano) verkriecht sich in Nietzsches Übermensch-Philosophie und verständigt sich mit seiner Umwelt nur noch per Zettel. Ehefrau Sheryl (Toni Collette) hat genug damit zu tun, einen Kübel Hühnchen auf den kargen Mittagstisch zu bekommen. Großvater Edwin (Alan Arkin) will vom Leben nur noch ein paar hedonistische Freuden wie Pornomagazine und kontrollierten Drogengenuß. Und Sheryls Bruder Frank, Amerikas führender Proust-Forscher, hat gerade einen Selbstmordversuch verübt, weil Amerikas zweitbester Proust-Forscher ihm den Freund ausgespannt hat. Das alles klingt bizarr und wird doch absolut glaubhaft durch Michael Arndts brillantes Drehbuch und eine Besetzung ohne Schwachstellen.

Intelligent und behutsam

Das heimliche Zentrum des Films ist die kleine Olive (Abigail Breslin). Schon seit Wochen trainiert das Mädchen mit dem Mäuschengesicht und der dicken Brille für einen Kinder-Schönheitswettbewerb. Als die Einladung nach Kalifornien zur Endausscheidung kommt, setzt sich die ganze Familie im VW-Bus in Bewegung. Daß die Gangschaltung nicht durchhält und bald darauf peinlicherweise eine Leiche anfällt, sorgt für die Gags, und das ist zweifellos gut so. Viel anspruchsvoller aber ist, wie intelligent und behutsam der Film die Figuren entwickelt und ihre verborgenen Motive enthüllt. Jeder einzelne begegnet dabei seinen eigenen Schwächen, seiner Blindheit und seinem Rest Stärke. Der Showdown beim Schönheitswettbewerbfinale wird zur Karikatur des amerikanischen Glücksversprechens, wie sie lässiger wohl noch nicht auf der Leinwand zu sehen war. Eigentlich müßten die letzten Minuten des Films ein für allemal mit dieser Form der Kinderdressur aufräumen, aber darauf besteht wohl wenig Aussicht.

Jonathan Dayton und Valerie Faris, die vor ihrem ersten Spielfilm Musikvideos gedreht haben, ist ein rares Kunststück gelungen: ihr Werk leicht zu halten und ihm dennoch Tiefgang zu geben. Staunend bewegen sich die Erwachsenen wie im Kreis um das naive Kind, das soviel weniger und instinktiv soviel mehr weiß als sie. Als Olive vor einer entgeisterten Menge geschminkter Gesichter und weit aufgerissener Augen die Striptease-Nummer mit Raubkatzenknurren vorführt, die Großpapa sie gelehrt hat, finden die Motive des Films mit einem Paukenschlag zusammen. Der langersehnte Auftritt vor Publikum ist so komisch wie bedrückend, weil die Unschuld des Mädchens nur hinter der Maske von Abstumpfung und moralischer Verkommenheit sichtbar wird.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. November 2006
Bildmaterial: FAZ.NET mit Material von 20th Century Fox

 

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