Von Peter Körte
30. Juni 2004 Im giftgrünen Oger, dessen einnehmendes Wesen so gar nicht zu seinem Namen paßt, wohnt auch ein weiser Mann. Das Problem des sprechenden Esels, hat Shrek gesagt, bestehe nicht darin, daß er spricht, sondern wie man ihn zum Schweigen bringt.
Damit hat er ziemlich genau das Problem jedes Erfolgsfilms beschrieben. Nicht daß er funktioniert, ist erstaunlich, sondern daß man nicht mehr aufhören kann, obwohl alle Sequels im Grunde keine Geschichte mehr erzählen, sondern unablässig das ursprüngliche Erfolgsrezept beschwören. Und manchmal geht das sogar gut: Bis Mitte der vergangenen Woche hatte Shreks Wiederkehr in Amerika 378 Millionen Dollar eingespielt und ist damit zum erfolgreichsten Blockbuster dieses Sommers geworden.
Eddie Murphy spricht wieder den Esel, Mike Myers Shrek, Cameron Diaz Prinzessin Fiona und Larry King Aschenputtels Stiefschwester, die wie eine Drag-Queen aussieht. In der deutschen Fassung reicht leider allein Benno Fürmann als gestiefelter Kater mit seinem komisch-schneidigen spanischen Akzent an Antonio Banderas heran.
Innovativer Kater
Dieser Kater, zoologisch irgendwo zwischen Zorro-Zitat und schmuseweichem Wollknäuel, ist zugleich die wirkungsvollste Innovation: Er ist neu, zugleich altbekannt und paßt perfekt ins Kalkül, mit dem man eine Zielgruppe zwischen drei und hundert Jahren erreicht. Die kleinen Zoten gehen nicht zu weit unter die Gürtellinie, um die Freigabe für Kinder zu verfehlen, die Anspielungen sind nicht zu harmlos, um die Erwachsenen zu langweilen, und in der Story steckt das Maximum an Selbstironie, das Hollywood sich erlaubt.
Far Far Away heißt das Königreich, und das klingt wie LaLaLand, der amerikanische Spottname für Hollywood. Ein Far-Far-Away-Zeichen schmückt den Berg wie der berühmte Schriftzug die Hollywood Hills. Die königliche Burg könnte sich auch ein größenwahnsinniger Unterhaltungstycoon gebaut haben, und Kaffee von Farbucks oder Shopping bei Versacery, Armani Armoury und Saxxon Fifth Avenue sorgen für ironisches Product Placement, wenn es so etwas denn gibt.
Entsetzte Schwiegereltern
Beverly Hills erscheint so als strahlendes Mittelalter, was den realen spätfeudalen Charakter ganz gut trifft. Und die Geschichte, sofern man unbedingt von einer sprechen möchte, ist ein Kindermärchen, welches sich zugleich über die Prämissen von Kindermärchen amüsiert. Shrek hat Prinzessin Fiona durch seinen Kuß befreit, der Kuß hat sie in eine Ogerfrau verwandelt, und nun führt sie den grünen Ehemann den Eltern vor, die so entsetzt sind, daß der Vater einen Killer anheuert.
Doch die frohe Botschaft ist: Sei, wie du bist, steh zu deiner Häßlichkeit, auch wenn ein Zaubertrank Wunder wirken könnte - das wird auch Hollywoods Schönheitschirurgen nicht das Geschäft verderben. Die zahllosen Zitate aus "Spider-Man", "Mission Impossible" oder "Herr der Ringe" wirken geschäftsfördernd, und wenn Shrek und der Esel auf der Flucht sind, folgt ihnen eine Reality-Show wie damals die Fernsehkameras O. J. Simpson in seinem weißen Bronco. Solche Anspielungen werden zwischen Finnland und Feuerland mühelos verstanden.
Womöglich bringt ein Animationsfilm wie "Shrek 2" deutlicher und lustiger als alle Realfilme zum Vorschein, daß Hollywood seit einiger Zeit hauptsächlich Metafilme produziert. Sie erzählen mit der charmanten Geschwätzigkeit eines sprechenden Esels vom Kino, von seinen Formen, Formeln und Formaten, und weil im Zeitalter der Digitaleffekte die Welt ohnehin eine Frage der Software ist, wirkt das eigentlich ganz zeitgemäß.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.06.2004, Nr. 26 / Seite 24
