Video-Filmkritiken

Kino

Zwei Loser und ein Mädchen: Philipp Stölzls „Baby“

Von Peter Körte

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Film-Kritik: Alice Dwyer in "Baby"

25. Februar 2004 Wenn man weiß, daß gleich ein Regisseur hereinkommen wird, erkennt man ihn sofort. Am geräumigen Parka und an der Wollmütze, wie sie Regisseure auf Arbeitsfotos meist tragen, und an dem Blick hinter den Brillengläsern, mit dem er das Café absucht. Und wenn Philipp Stölzl zu erzählen beginnt, hört sich das an wie eine Filmszene, die im Büro des Regisseurs und Produzenten Michael Bay in Hollywood spielt.

Bay hat mit "Armageddon" und mit "Bad Boys" Millionen verdient, deshalb steht ein Ferrari vor der Tür, und im Gefolge hecheln zwei riesige Hunde. "Die passen doch niemals in das Auto", sagt Stölzl und fängt an, die Grundzüge einer Geschichte zu entwickeln: "Wahrscheinlich hat er einen Angestellten, der die Hunde in einem Hummer-Jeep immer hinter ihm her fahren muß."

Außerhalb Hollywoods

Philipp Stölzl kennt sich in Hollywood aus. Bevor er 2002 in Deutschland und den Niederlanden seinen ersten Spielfilm "Baby" drehte, hat er zahllose Musikvideos und Werbespots in Amerika gemacht. Er mag die Offenheit und die Neugier der Amerikaner, und er weiß sehr gut, daß man ihm so neugierig zuhört, weil er einer der besten in seiner Branche ist. Er beschäftigt schon seinen dritten Agenten - "es kann dauern, bis man den richtigen gefunden hat". Und er sagt: "Man muß schon einen ziemlich speziellen Geschmack haben, wenn man dort in L. A. auf Dauer wohnen will." Philipp Stölzl behält lieber seine Wohnung in Berlin-Schöneberg mit Freundin und Kleinkind, auch wenn er den Großteil des Jahres im Ausland unterwegs ist.

Stölzl ist 36, er hat Bühnenbildner gelernt und in München und Berlin am Theater gearbeitet, doch mit 29 wollte er einfach mal etwas anderes machen und wurde erst Art-Director bei der Videoclip-Produktion Doro in Wien, um kurze Zeit später dann selber Clips für Rammstein, Westernhagen, Madonna oder Die Ärzte zu drehen. Der Sohn des einstigen Berliner Kultursenators Christoph Stölzl kennt sich aber auch noch immer gut in der deutschen Filmbranche aus, weil dort ein paar Leute gemerkt haben, daß es nichts schaden kann, mit einem wie ihm in Kontakt zu bleiben.

Außerhalb der Saison

"Baby" ist ein Film, der auffällt, weil er sich nicht so leicht einordnen läßt. Vermutlich hat es deshalb auch fast zwei Jahre gedauert, bis er nun ins Kino kommt. "Meine persönliche Auswertung des Films ist abgeschlossen", sagt Stölzl, aber er geht bereitwillig auf Promotiontour durch die Republik. "Baby" ist eine Dreiecksgeschichte, deren Prolog schon ungewöhnlich ist. In der ersten Szene: eine Urlaubsidylle, zwei Familien am niederländischen Nordseestrand. Dann kommen die beiden Ehefrauen bei einem Unfall in den Dünen ums Leben. Frank und Paul bleiben zurück - und Franks Tochter Lilli.

Sie hat nun zwei Väter. Die beiden kellnern, jobben und versuchen sich ziemlich dilettantisch als Kleinkriminelle - zwei Loser, doch Lilli liebt sie beide, bis ihr Vater ihren ersten Freund wegbeißt. Um sich zu rächen, verführt das junge Mädchen Paul. Sie wird schwanger, ihr Vater findet den Schwangerschaftstest im Müll, und weil er in seinem Vaterstolz und auch sonst zur Gewalttätigkeit neigt, erschießt er Lillis Freund. Um das Desaster zu komplettieren, hauen Paul und Lilli ab, nach Holland, in einen trüben Wohnwagenpark außerhalb der Saison.

Im Niemandsland zwischen Realismus und Märchen

Stölzl hat seinen Film in Cinemascope gedreht. So isoliert er die Charaktere im Raum und löst sie zugleich aus einem allzu spezifischen Milieu. Und er hat in Lars Rudolph als Paul, Filip Peters als Frank und Alice Dwyer als Lilli drei Schauspieler, die sich in diesem Niemandsland zwischen Realismus und Märchen schlafwandlerisch sicher bewegen können. Sie sind glaubwürdig, aber deshalb keine realistischen Figuren; der Film skizziert ihre Welt eher, als daß er sie darin soziologisch fixierte.

Natürlich kommt irgendwann auch Frank nach Holland, weil er aus dem Gefängnis ausgebrochen ist, natürlich weiß er inzwischen, was passiert ist, und als der Showdown am Strand naht, setzen bei Lilli die Wehen ein. Wie Stölzl aus dieser Situation zwischen Leben und Tod herauskommt, das besiegelt das unwirkliche, fast märchenhafte Flair des Films. Er bezieht daraus seine emotionale Kraft und erzählt zugleich sehr diszipliniert.

Bei einem Spielfilm dauert alles so lange

Philipp Stölzl hat auch die Storyboards für "Baby" gezeichnet, weil er das immer tut und weil die minutiöse Vorbereitung bei so einem kleinen Film sparen hilft. Das niedrige Budget war für ihn im übrigen kein Problem. Viel mehr hat ihm die Ungeduld zu schaffen gemacht. Daß alles, die Finanzierung, die Dreharbeiten, die Postproduktion, der Vertrieb, so lange dauert bei einem Spielfilm, das hat Stölzl, der ein hohes Arbeitstempo gewohnt ist, bisweilen schon genervt.

Aber es schreckt ihn nicht ab. Im Moment hat er vier Spielfilmprojekte in Arbeit, zwei in Deutschland, eines in Amerika und eines in England. Diese Mehrgleisigkeit beflügelt ihn. Er begegnet ihr mit der Ruhe des Professionals und dem Habitus des Workaholic. Amüsiert erzählt Stölzl, wie er mit einem amerikanischen Drehbuchautor in Hollywood das gemeinsame Projekt gepitcht hat - "da waren lauter junge, dynamische Typen von Mitte Zwanzig in teuren Anzügen, genauso, wie es Robert Altman in ,The Player' beschreibt". Und mit dem Understatement des Europäers, der es gelernt hat, sich beim Handeln selbst zu beobachten, sagt Philipp Stölzl: "Hollywood ist ein sehr interessanter Organismus."



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2004, Nr. 47 / Seite 37

 
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