Video-Filmkritiken

Kino

Odyssee durch die Wirklichkeit: „In This World“

Von Andreas Kilb

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18. September 2003 Auf dem Lastwagen, der sie nach Istanbul bringt, treffen Jamal und Enayatullah ein kurdisches Ehepaar mit einem kleinen Kind. Der Junge heißt Mehdi, er kann gerade laufen. In Istanbul wird er von seinen Eltern neu eingekleidet, für die Reise. Dann werden die Flüchtlinge, Jamal, Enayatullah, die kurdische Familie und ein paar andere, in einen Container gesperrt und auf ein Schiff verfrachtet. Sie fahren Tag und Nacht und Tag. "Vierzig Stunden später", verkündet dann eine Einblendung - vierzig Stunden später liegt das Schiff auf der Reede vor Triest, und die Menschen in dem Container kämpfen um ihr Leben. Sie schreien, sie schlagen gegen die Wände. Vergebens. "Mehdi geht es schlecht", ruft eine Stimme. Endlich wird der Metallbehälter in ein Lagerhaus gebracht und geöffnet. Drinnen regt sich nichts mehr. "Sono morti", "sie sind tot", sagt ein Mann auf italienisch. Dann hört er ein Kind schreien. Er hebt es auf und trägt es auf seinen Armen ins Freie. Es ist Mehdi.

Wäre "In this World" ein ganz normaler Flüchtlingsfilm, dann müßte er von diesem kleinen Jungen handeln. Von seinen Eltern, die ihm ein besseres Leben schenken wollten, und von den Leuten, die ihn vermutlich irgendwann bei sich aufnehmen werden, in Italien oder anderswo. Denn einem Kind kann kein Zuschauer seine Sympathie verweigern, und um Sympathie vor allem geht es schließlich bei Filmen, die von Flüchtlingsschicksalen erzählen: von jenen Reisen ohne Rückfahrschein, die nach Europa oder Amerika führen oder in den Tod. Auch in Hans-Christian Schmids "Lichter", der bei uns noch in einigen Kinos läuft, ist es eine Kleinfamilie, die am Schluß ihr Leben wagt, um die Grenze nach Deutschland zu überqueren - und im kalten Wasser der Oder scheitert.

Nicht in dieser Welt

Aber "In this World" ist die Geschichte von Jamal. Jamal ist vierzehn, als er in einem Flüchtlingslager bei der pakistanischen Stadt Peschawar seine Reise antritt, und am Ende, nach vier Monaten in Bussen, Schiffen und Zügen, in Radkästen und auf den Ladeflächen von Lastwagen und Pick-up-Trucks, wird er immer noch vierzehn sein, obwohl der Augenschein dagegen spricht: So schaut kein Kind in die Welt. Der Blick, mit dem Jamal über den Straßenmarkt der Kilburn High Road in einem Londoner Stadtteil geht, ist der eines Erwachsenen, eines Überlebenden. Als einziger außer dem kleinen Mehdi ist er dem tödlichen Container entkommen, in dem sein Cousin Enayatullah und die anderen Flüchtlinge erstickt sind. "Er ist nicht in dieser Welt", sagt Jamal über Enayatullah, als er sich aus London bei seinem Onkel in Pakistan zurückmeldet. Da sieht man, wie das Greisengesicht am anderen Ende der Leitung erstarrt, und dann ist der Film aus.

Als Michael Winterbottom und sein Drehbuchautor Tony Grisoni im Herbst 2001 mit der Recherche zu ihrem Film begannen, wollten sie ihn "Die Seidenstraße" nennen, als ironischen Verweis auf den alten Karawanenweg, auf dem jahrhundertelang der kostbarste Stoff des Orients zu seinen westlichen Abnehmern gelangte. Nachdem sie sich dann mit der Wirklichkeit, die sie beschreiben wollten, vertraut gemacht hatten, beschlossen sie, nicht nur auf die Ironie, sondern auch noch ein paar andere Dinge zu verzichten, welche die filmische Arbeit üblicherweise erleichtern - Grisoni auf ein Drehbuch, Winterbottom auf ein vollzähliges Team. "In this World" wurde mit improvisierten Dialogen und geringstem technischem Aufwand auf Mini-DV-Material gedreht, die Darsteller holte sich der englische Regisseur von den Straßen Peschawars. So ist der Film auch ein Dokument der Bedingungen geworden, unter denen er entstand - glühende Hitze und Wüstenstaub in Pakistan und in Iran, klirrende Kälte und Schnee in den Bergen der Osttürkei, Regen in Istanbul, Frühlingswetter in Triest und am Ärmelkanal. Auch bei einzelnen Episoden der Reise ließen sich Grisoni und Winterbottom von eigenen Erfahrungen inspirieren; die Szene mit dem pakistanischen Kontrollposten, den Jamal und Enayatullah mit einem Walkman bestechen müssen, um weiterfahren zu dürfen, haben sie genau so erlebt.

Das Netz der kleinen Schlepper

Dennoch ist "In this World" keines jener Dokudramen, wie sie das Fernsehen zur Zeit mit großem Erfolg produziert und versendet. Dagegen spricht schon das Format des Films, dessen Digitalvideobilder auf Cinemascope aufgeblasen wurden, so daß auf der Leinwand eine ganz eigene Textur der Fremdheit entsteht, eine Wirklichkeit der Risse und absichtlichen Unschärfen. Dagegen spricht aber noch mehr die Haltung, mit der diese Geschichte erzählt wird. Denn wo vergleichbare Filme über den Notstand der globalisierten Welt dazu neigen, ihre Analysen auf Kosten des Wahrheitsgehalts zu vermenschlichen, zu jedem Elend das passende Elendsgesicht zu suchen, da konzentriert sich Winterbottom gerade auf die technische Seite der Odyssee, die er protokolliert, auf das Netz der kleinen Schlepper, Hehler, Beutelschneider, in dem die Flüchtlinge sich verfangen, auf die Mühsal des Herumirrens in fremden Städten, fremden Sprachen, die Qualen der Märsche durch Sand- und Schneewüsten.

Und während Jamal und Enayatullah, unter Lastwagenplanen geduckt oder ins Schiffsinnere gepfercht, von ihrem Reiseweg nichts anderes als Lärm, Kälte und Dunkelheit mitbekommen, da zeigt uns Marcel Zyskinds Kamera weite Steppenlandschaften und im Sonnenlicht ruhende Wellen, die Kuppeln am Goldenen Horn und die Gipfel der Zagrosberge. Es ist die Außenansicht eines Geschehens, dessen Innenansicht vom Kinosessel aus nicht nachvollziehbar ist, die Schönheit als Gegenbild des Schreckens. Aber gerade weil in diesen entscheidenden Momenten die Perspektive auf die Agonie der Flüchtlinge fehlt, werden die Bilder von ihr angefressen, sie wirken fadenscheinig, gestellt. Die Welt ist kein sicherer Ort mehr, wenn man sie mit den Augen Jamals betrachtet, nachdem er aus dem Container gekrochen ist, und selbst London, das Sehnsuchtsziel, erscheint weniger als Inbild eines besseren Lebens denn als Zwischenstation, hinter der sich neue, unbekannte Gefahren auftun.

Die Crew von "In this World" hatte sich gegen die Risiken beim Drehen auf besondere Weise abgesichert. Wie der Produzent Andrew Eaton erzählt, gab es "diesen verrückten Handel mit einer Organisation, bei der wir dreißigtausend Dollar hinterlegten, und wenn man die Notfallnummer wählt, egal wo auf der Welt, kommen sie in einem Hubschrauber und holen dich ab". Das ist die westliche Ansicht der Dinge. Wie die Gegenperspektive aussehen könnte, läßt sich an der Geschichte des Hauptdarstellers Jamal Udin Torabi erahnen, der nach dem Abschluß der Dreharbeiten sein britisches Visum behalten durfte. Er schlug sich auf eigene Faust abermals von Pakistan nach London durch, wo er Asyl beantragte. Inzwischen lebt er als geduldeter Flüchtling in England. Am Tag vor seinem achtzehnten Geburtstag muß er das Land verlassen. Wenn die Behörden ihn dann zu fassen bekommen.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2003, Nr. 216 / Seite 35

 
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